Israel Holocaust-Überlebender wehrt sich gegen Diskriminierung von Arabern

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Aus Safed berichtet Juliane von Mittelstaedt

2. Teil: "Sitzen für Hunde, Schweine und Araber verboten"


Israel ist ein jüdischer Staat, aber ein Fünftel seiner Bürger sind arabische Muslime, Christen, Drusen. Insgesamt 1,5 Millionen Menschen gehören nicht dem Judentum an. Juden und Araber leben in getrennten Städten, lernen in getrennten Schulen und wählen getrennte Parteien. Es gibt Jobanzeigen, in denen steht "Avoda Ivrit" - "Hebräische Arbeit". Das bedeutet: Arbeit nur für Juden.

Es geht in Safed um mehr als einen Nachbarschaftsstreit, um mehr als ein paar fundamentalistische Rabbis. Es geht darum, dass die jüdische Mehrheit sich nicht mehr verpflichtet fühlt, die Minderheit im Land zu tolerieren. Auf Bänken in Safed steht mit Edding geschmiert: "Sitzen für Hunde, Schweine und Araber verboten".

Es scheint, dass der offene Araberhass der nationalistischen Regierung Wurzeln geschlagen hat.

Allein in den vergangenen Wochen hat die Regierung ein halbes Dutzend diskriminierende Gesetze in die Knesset eingebracht:

  • einen Loyalitätsschwur für öffentliche Angestellte und Neubürger auf den "jüdischen und demokratischen Staat"
  • ein Arbeitsverbot für arabische Fremdenführer in Jerusalem
  • ein Verbot für alle Organisationen, die den "jüdischen Charakter" des Staates in Frage stellen
  • Außerdem sollen kleine Gemeinden neue Bürger demnächst abweisen dürfen, wenn die Bewerber "sozial und kulturell" nicht zur Gemeinschaft passen - eine Einladung zur Diskriminierung.

Der Oberrabbiner war also nicht so weit entfernt von der offiziellen Regierungslinie, als er Anfang Oktober eine "Notfallsitzung" einberief. Das Motto: "Der stille Krieg - wir kämpfen gegen die Assimilation in der heiligen Stadt Safed." 18 Rabbis aus Galiläa sprachen da vor 400 jubelnden Anhängern, sie sprachen vor allem über das, was sie hier die "Gefahr der Assimilation" nennen: arabische Männer, die mit jüdischen Frauen ausgehen.

Am Ende stellten die Rabbis ein religiöses Gebot aus: "Nachbarn und Bekannte müssen sich von dem Juden distanzieren, der an Araber vermietet, sie sollen keine Geschäfte mit ihm machen, ihm das Recht verwehren, aus der Tora zu lesen und ihn auf ähnliche Weise ächten, bis er diesen schändlichen Vertrag gelöst hat."

An die Araber gewandt hieß es weniger formell: "Geht zurück an eure eigenen Orte und besudelt unsere Gläubigen nicht."

"Ich habe den Holocaust überlebt, mir macht nichts mehr Angst"

Kurz darauf griffen 30 Juden drei Araber auf der Straße an, bewarfen ihr Haus mit Steinen und riefen "Tod den Arabern". Wenn ein Araber ein Geschäft betritt, heißt es jetzt manchmal: Wir haben geschlossen. Flugblätter gegen ein "Flüchtlingslager für psychotische, sadistische, geisteskranke Araber" wurden verteilt. Gemeint ist damit die Medizinhochschule, die im kommenden Jahr eröffnen soll.

Die Studenten finden keine Wohnungen mehr. Die Bewohner von Safed schwiegen. Nur Eli Zvieli ging zur Polizei und erstattete Anzeige gegen Unbekannt. Zvieli, dessen Familie in Auschwitz starb, der erst Zwangsarbeiter war und danach in russischer Kriegsgefangenschaft als einziger Jude unter Tausenden deutschen Soldaten lebte.

"Wir Juden haben in Europa gelitten. Ich will nicht, dass wir gegenüber den Arabern genauso handeln", sagt er und klingt noch immer geschockt, wenn er von den Drohungen erzählt. Er ist ein zierlicher Herr, lächelt oft und trägt gern eine verwaschene Schirmmütze. Mit fester Stimme sagt er: "Ich habe den Holocaust überlebt, mir macht nichts mehr Angst."

Der Bürgermeister will über die Drohungen nicht reden, Ilan Schochat spricht lieber von der "berechtigten Sorge" des Rabbis und von der friedlichen Koexistenz der Religionen. Er berichtet, dass er ja auch 40 Araber im öffentlichen Dienst beschäftige. Was zeige, dass er kein Rassist sei.

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