Übergriff in Jerusalem Lynch-Angriff auf Araber schockiert Israel

Der Angriff jüdischer Jugendlicher auf eine Gruppe von Arabern erschüttert Israel. Das Opfer entkam nur knapp dem Tod. Die Tat im Zentrum Jerusalems ist nur der jüngste Vorfall in einer Kette von Übergriffen gegen Palästinenser.

Antiarabisches Graffito an einer Moscheetür: "Das ist unser Gebiet"
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Antiarabisches Graffito an einer Moscheetür: "Das ist unser Gebiet"

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Berlin/Jerusalem - Israels Vizeregierungschef Mosche Jaalon fand drastische Worte: "Das waren Terrorakte und Verbrechen, die aus Hass begangen wurden." Nicht nur die Regierung, weite Teile der israelischen Gesellschaft sind erschüttert über die jüngsten Gewaltausbrüche gegenüber Arabern.

Am vergangenen Donnerstag wurden Palästinenser zweimal binnen weniger Stunden zum Ziel brutaler Angriffe: Zunächst hatten mutmaßlich jüdische Siedler nahe der Siedlung Gusch Etzion im Westjordanland ein palästinensisches Taxi mit einem Molotow-Cocktail beworfen. Die sechs Insassen, unter ihnen zwei Kinder, wurden schwer verletzt. Der Wagen brannte völlig aus.

Am Donnerstagabend wurde die Jerusalemer Innenstadt zum Schauplatz eines Verbrechens, das der israelische Polizeisprecher Schmuel Schenhav später als "Lynchversuch" bezeichnete. Eine Gruppe jüdischer Teenager attackierte auf dem zentralen Zionsplatz mehrere arabische Jugendliche. Der 17-jährige Dschamal Dschulani wurde dabei lebensgefährlich verletzt. "Nur ein Wunder rettete ihn vor dem Tod", sagte Schenhav.

"Das ist unser Gebiet"

Laut Zeugenaussagen sollen mehr als ein Dutzend Jugendliche regelrecht Jagd auf Araber gemacht haben. Dabei hätten sie Parolen wie "Tod den Arabern" gerufen. Ihr Opfer Dschulani traktierten sie auch noch mit Fußtritten, als dieser schon bewusstlos zu Boden gegangen war. Die alarmierten Notärzte brauchten zehn Minuten, um den Jugendlichen aus dem arabischen Ost-Jerusalem mit Hilfe von Defibrillatoren wiederzubeleben. Inzwischen ist Dschulani wieder bei Bewusstsein und sein Zustand stabil. Seine drei Cousins, die ihn begleitet hatten, wurden nur leicht verletzt.

Die Polizei hat eine Sonderkommission eingerichtet, um die Tat aufzuklären. Fünf Jugendliche, darunter ein 15-jähriges Mädchen, wurden inzwischen festgenommen - der jüngste Verdächtige ist gerade einmal 13, der älteste 19 Jahre alt. Weitere Festnahmen sollten in den nächsten Tagen folgen, so die Polizei. Der 19-Jährige bestreitet eine Tatbeteiligung, sein Anwalt bezeichnet ihn als einen "Mann des Friedens". Der Bruder des beschuldigten 13-Jährigen sagte der Zeitung "Haaretz", die arabischen Jugendlichen hätten jüdische Mädchen "angemacht". Außerdem hätten Araber kein Recht, sich in der Gegend um den Zionsplatz aufzuhalten: "Das ist unser Gebiet."

Für großes Entsetzen sorgt die Tatsache, dass der Angriff vor den Augen Hunderter Passanten stattfand, die nicht eingriffen. Einige versuchten später, den Vorfall als harmlose Rangelei zwischen Jugendlichen darzustellen, doch andere Augenzeugen und später auch die Polizei bestätigten den rassistischen Hintergrund der Tat.

Moscheen und Klöster werden angegriffen

Der Angriff vom vergangenen Donnerstag erregte besonderes Aufsehen, weil Täter und Opfer sehr jung waren und er sich im Zentrum Jerusalems ereignete. Doch der Vorfall ist nur der jüngste in einer langen Kette von Angriffen gegen Araber, die das Land seit Monaten erschüttern. In den vergangenen zwei Jahren wurden zehn Moscheen und zwei Klöster in Israel und dem Westjordanland von jüdischen Extremisten in Brand gesetzt, beschädigt oder mit Graffiti beschmiert. An den Tatorten hinterlassen die Angreifer zumeist Schmierereien, in denen sie sich zur Siedlerbewegung bekennen.

Außerdem attackieren sie palästinensische Fahrzeuge und setzen die Felder arabischer Bauern in Brand. Diese Übergriffe sind Teil der sogenannten Preisschild-Politik. Die Ideologie dahinter: Jeder Versuch, die Siedler im Westjordanland und Ost-Jerusalem zu stoppen, hat seinen Preis. Den müssen aus Sicht der jüdischen Radikalen die Araber und immer öfter auch die israelischen Sicherheitskräfte zahlen. Und diese Taktik hat durchaus Erfolg: Die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu unterstützt den Ausbau der Siedlungen nach Kräften.

Umfragen belegen, dass neun von zehn Israelis Gewalt gegen Araber ablehnen, dennoch haben die Siedler ein Klima geschaffen, in dem es manche Jugendliche offenbar für legitim erachten, gleichaltrige Palästinenser auf offener Straße halbtot zu prügeln. Das liegt auch daran, dass die Angreifer oftmals straffrei bleiben.

So konnten erst im März dieses Jahres Hunderte Fans des Fußballclubs Beitar Jerusalem randalierend durch ein Einkaufszentrum ziehen. Dabei riefen auch sie "Tod den Arabern", bespuckten arabische Frauen und attackierten arabische Ladenbesitzer. Der gesamte Vorfall wurde von Überwachungskameras aufgenommen - dennoch wurde kein einziger Randalierer festgenommen. "Es hat niemand Anzeige erstattet", begründete die Polizei ihre tatenlose Zurückhaltung.

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