Afrikanische Flüchtlinge in Israel: Letzte Ausfahrt Tel Aviv

Von "zenith"-Autorin Mai-Britt Wulf

Flüchtlinge in Israel: Geduldet, aber nicht willkommen Fotos
Alessio Maximilian Schroder

Geduldet, aber nicht willkommen sind afrikanische Flüchtlinge in Israel. Viele Politiker machen Stimmung gegen die "Eindringlinge". Im Süden Tel Avivs haben sie im Viertel Neve Scha'anan eine Heimat gefunden.

Wie eine Menorah sollte das Viertel Neve Scha'anan von oben aussehen. Der Stadtteil im Süden Tel Avivs wurde auf dem Reißbrett entworfen, nachdem 1921 etwa 400 jüdische Einwanderer sich zusammengetan und gemeinsam 26 Hektar Bauland erworben hatten. Ihren ambitionierten Plan setzten sie nur teilweise um, aber 1941 wurde dort der erste Busbahnhof der Stadt gebaut, was dem Viertel eine gewisse Bedeutung verlieh.

Seit jeher war Neve Scha'anan ein Ort, an dem die ärmsten Neueinwanderer lebten. Erst zogen polnische Juden ins Viertel. In den 1950er Jahren kamen dann vor allem Iraner und Kaukasier - auch für sie war Neve Scha'anan nur ein Zwischenstopp. Heute sind die paar Straßen zwischen dem alten und dem neuen Busbahnhof erste Anlaufstelle für viele afrikanische Flüchtlinge. Laut israelischen NGOs leben rund 60.000 Flüchtlinge und Asylsuchende in Israel. Die meisten stammen aus Eritrea und dem Sudan.

Wer den beschwerlichen Weg durch den Sinai und über die israelische Grenze gemeistert hat und aufgegriffen wurde, findet sich in gefängnisartigen Auffanglagern wieder. Die Einrichtungen werden dem Andrang aber längst nicht mehr gerecht, und so verbringen die Flüchtlinge meist nur wenige Wochen dort. Dann werden sie - in der Regel provisorisch geduldet - entweder nach Beer-Sheva oder nach Tel Aviv geschafft und dort an informellen Anlaufstellen wie dem Lewinsky-Park in Neve Scha'anan quasi ausgesetzt.

Viele verbringen einige Nächte, manche einige Monate dort, bis sie jemand gefunden haben, zu dem sie einen Bezug haben - Leute von ihrem Stamm, aus ihrem Dorf oder ihrer Region. Sie helfen sich gegenseitig, um Arbeit und ein Dach über dem Kopf zu finden. Der Staat versorgt sie nicht, und so sind sie angewiesen auf lokale Hilfsorganisationen und ihre eigene Gemeinschaft.

Israel reagiert auf die "Eindringlinge" mit harten Bandagen

Israel hat keine klare Politik gegenüber den Flüchtlingen, die seit 2005 vermehrt ins Land strömen. Erst seit 2002 gibt es überhaupt Richtlinien zur Behandlung von Asylbewerbern. Doch Israel lehnt laut Medienberichten 99,9 Prozent aller Asylanträge ab: Seit seiner Gründung hat das Land weniger als 200 Asylanten anerkannt. Der rechtliche Status aller anderen ist unsicher. Ihre Aufenthaltsgenehmigung müssen die Geduldeten sich alle paar Monate verlängern lassen; eine Arbeitserlaubnis erhalten die meisten nicht.

Im Juni 2012 trat eine Erweiterung des "Anti-Infiltrierungsgesetzes" von 1954 in Kraft. Sie besagt, dass Flüchtlinge, die illegal die Grenze überquert haben - im Beamtenjargon "Infiltratoren" genannt -, bis zu drei Jahren ohne Anhörung inhaftiert werden können; Menschen aus "Feindstaaten" wie dem Sudan sogar zeitlich unbegrenzt.

Zunehmend reagiert Israel auf die "Eindringlinge" mit harten Bandagen: Im Januar stellte die Armee einen massiven Grenzzaun im Negev fertig und mehrere neue Lager im Grenzgebiet zu Ägypten. Von Zeit zu Zeit schieben die Behörden illegale Einwanderer ab: entweder in "hot returns" nur wenige Stunden nach dem Aufgreifen im Grenzgebiet oder in größeren Sammelaktionen. Dennoch kommen immer mehr - auch weil die Flüchtlingsrouten aus Afrika Richtung Europa sich nach Osten verschoben haben.

Statt das Problem anzugehen, machen viele Politiker Stimmung gegen die Afrikaner. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Innenminister Eli Yishai bezeichneten Flüchtlinge als Arbeitsmigranten, die den jüdischen Charakter des Staates gefährden könnten; Miri Regev von der Likud-Partei nannte sie ein "Krebsgeschwür". Der ehemalige Schas-Abgeordnete Michael Ben Ari hatte im Dezember 2011 sogar mit fremdenfeindlichen Parolen demonstriert: "Tel Aviv für die Juden! Sudan für die Sudanesen!"

Ressentiments und Rassismus wandeln sich immer häufiger in handfeste Gewalt: Im April 2012 flogen Molotowcocktails auf ein Wohnhaus afrikanischer Flüchtlinge. Präsident Schimon Peres äußerte sich einen Monat später über die eskalierende Gewalt, indem er die Tora zitierte: "Ihr sollt die Fremden lieben, denn auch ihr seid Fremde in Ägypten gewesen."

Dieser Artikel entstammt der aktuellen Ausgabe des Magazins "zenith"

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insgesamt 24 Beiträge
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1. wie du mir
ofelas 09.06.2013
Haaretz berichtet regelmaessig ueber die Fluechtlinge, interessant wie eine Gesellschaft die selbst fast 2000 Jahree des oefteren Fluechtlinge waren doch recht intolerant auf diese reagieren.
2. Mich ueberrascht,
gandhiforever 09.06.2013
Zitat von sysopAlessio Maximilian SchroderGeduldet, aber nicht willkommen sind afrikanische Flüchtlinge in Israel. Viele Politiker machen Stimmung gegen die "Eindringlinge". Im Süden Tel Avivs haben sie im Viertel Neve Scha'anan eine Heimat gefunden. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-in-tel-aviv-landen-viele-afrikanische-fluechtlinge-a-904236.html
dass der Autorin entgangen zu sein scheint, dass Israel mit einem afrikanischen Staat ein Abkommen abgeschlossen hat, laut dem diese Fluechtlinge dorthin ausgeschafft werden koennen (unabhaengig davon, ob sie Buerger dieses Landes sind oder nicht).
3. Rassismus in Israel
Hank the voice 09.06.2013
Jedes Land hat seine 10-20% rechtsextreme, auch Israel das praktisch nur aus Einwanderern besteht.
4.
Hallozusammen.omran 09.06.2013
Das den illegalen Einwanderern in Israel keine ofizielle Unterstuetzung zu gute kommt, ist leider wahr. Ich habe dort fuer mehrere Monate bei einer wohltaetigen Anlaufstelle gearbeitet. Aber: wenigstens nimmt Israel die Migrannten auf, denn wenn sie ueber Aegypten zurueckschicken wuerden, wuerden die meisten es wohl nicht ueberleben. Viele von den Fluechtlingen erzaehlen von schlimmen Folterungen und Morden der ihnen oder ihren Familienmitgliedern auf dem Weg von Afrika durch Aegypten wiederfahren sind. Israel kann zwar nicht die Resourcen aufbringen die Fluechtlinge adaequat zu versorgen. Trozdem bin ich froh, das sie ueberhaupt toleriert werden, und nicht in den Tod zurueck geschickt werden! Gruesse aus London, Omran
5.
Percy P.Percival 09.06.2013
Und weil dieser Staat mit Flüchtlingen so menschenunfreundlich umgeht, fliehen Afrikaner dorthin? Zumal der Weg dorthin im höchsten Maße lebensgefährlich ist. Der Sinai ist voll von kriminellen Gruppen, die Flüchtlinge kidnappen und bei Nichtbezahlung von Lösegeld ermorden. Andere Gruppen sind im Organhandel aktiv und fordern erst garkein Lösegeld. Da passt schon rein von der Logik her was nicht. Tatsächlich hat Israel als wohlhabender demokratischer Rechtsstaat die gleichen Probleme mit Armutsflüchtlingen wie alle anderen wohlhabenden demokratischen Rechtsstaaten auch. Von A wie Australien bis U wie USA.
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