Konflikt zwischen Israel und Iran Es ist ruhig im Südlibanon - zu ruhig

Die Hisbollah-Miliz soll im Libanon Zehntausende Raketen stationiert haben. Ihr Ziel: Israel. Doch im Grenzgebiet ist die Lage seit Jahren friedlich. Wie stabil ist diese Ruhe?

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Aus dem Südlibanon berichtet


Ruhig liegt die Hügellandschaft in der Frühsommersonne. Grillen zirpen, kaum ein Lüftchen regt sich. Es duftet nach Pinien. Nur die rund sechs Meter hohe Betonmauer, die sich zwischen Plantagen, Wiesen und Feldern schlängelt, erinnert daran, dass sich hier eine der brisantesten Konfliktlinien der Welt befindet, die Grenze zwischen dem Libanon und Israel.

Bis vor wenigen Jahren bereitete diese Grenze der israelischen Regierung das größte Kopfzerbrechen. Die Hisbollah und palästinensische Milizen feuerten aus dem libanesischen Grenzgebiet regelmäßig Raketen auf Städte und Dörfer in Nordisrael ab. Im Juli 2006 überfiel ein Hisbollah-Kommando eine israelische Armeepatrouille hinter dem Grenzzaun, tötete drei Soldaten und verschleppte zwei weitere. Der Angriff markierte den Beginn des Zweiten Libanonkriegs.

Doch seit dem Ende dieses Krieges vor knapp zwölf Jahren herrscht weitgehende Ruhe entlang der mehr als hundert Kilometer langen Grenze. Stattdessen blickt Israel heute mit größerer Sorge auf seine Grenze zu Ägypten, hinter der sich die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) eingerichtet hat und immer wieder Raketen über die Grenze feuert. Außerdem schaut die Regierung in Jerusalem besorgt auf das Grenzgebiet zu Syrien. Dort versucht Iran, eine Front gegen Israel aufzubauen.

Für Israel ist der nächste Konflikt nur eine Frage der Zeit

Dabei war eigentlich der Südlibanon das traditionelle Aufmarschgebiet des wichtigsten iranischen Verbündeten in der Region, der Hisbollah. Hier wurde die Miliz Mitte der Achtzigerjahre gegründet, als Israels Militär das Gebiet besetzt hielt. Die Hisbollah führte einen jahrelangen Guerillakrieg gegen die Besatzungstruppen, der schließlich Erfolg hatte. Im Jahr 2000 zog sich Israel aus dem Libanon zurück.

Doch nach Angaben aus dem israelischen Sicherheitsapparat ist die Ruhe im Südlibanon trügerisch. Die Hisbollah habe mit iranischer Hilfe mehr als 100.000 Kurz- und Mittelstreckenraketen im Libanon stationiert, die auf Israel gerichtet seien, heißt es aus Jerusalem. Der nächste Konflikt mit der schiitischen Miliz scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Im vergangenen Jahr probte Israels Armee den Ernstfall mit einem großangelegten Manöver.

Aber ist das möglich? Immerhin sind 10.500 Uno-Blauhelmsoldaten auf libanesischer Seite in der Grenzregion zu Israel stationiert - in einem Gebiet, das mit rund 1060 Quadratkilometern etwas größer ist als Berlin. Zu ihren Aufgaben gehört es, "sicherzustellen, dass ihr Operationsgebiet nicht für feindselige Aktivitäten jeglicher Art" genutzt wird.

Die Truppe soll also verhindern, dass die Hisbollah die Grenzregion für die Vorbereitung eines Krieges gegen Israel nutzt. Zehntausende Raketen würden dieses Kriterium durchaus erfüllen. "Würde die Hisbollah hier tatsächlich aufrüsten, bekämen wir das mit", heißt es dazu aus dem Hauptquartier der Unifil-Mission im libanesischen Grenzort Naqoura.

Israel überwacht Arbeit von Unifil mit Drohne

Die Blauhelme führen pro Tag Hunderte Patrouillen durch - in gepanzerten Fahrzeugen oder zu Fuß. Außerdem überwacht die Truppe das Gebiet aus der Luft - rund 90 Minuten pro Tag.

An diesem Vormittag marschieren acht Uno-Soldaten aus Indonesien die sogenannte Blaue Linie entlang, die den Grenzverlauf markiert. Die israelische Armee lässt ihrerseits eine kleine Drohne aufsteigen, die überwacht, was die Blauhelme auf libanesischer Seite tun.

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Die Unifil-Kräfte halten Ausschau nach möglichen Sprengsätzen, vor allem aber soll ihre Präsenz verhindern, dass libanesische Zivilisten die israelischen Bauern und Soldaten hinter der Grenze provozieren. Weil immer wieder Libanesen Steine und Müll auf israelisches Gebiet geworfen haben, hat Israel vor ein paar Monaten begonnen, eine Mauer entlang der Grenze zu errichten. Die Anlage ist nicht so hoch wie die Mauer, die Israel im Westjordanland errichtet hat, erfüllt aber ihren Zweck.

Für die Unifil-Truppen bedeutet das Bauwerk vor allem bürokratischen Mehraufwand. Wann immer die israelische Armee drei neue Betonelemente an der Grenze aufstellt, müssen die Blauhelme darüber einen Bericht schreiben, der dann an die Zentrale in Naqoura und schließlich zu den Vereinten Nationen in New York weitergeleitet wird.

"Der Südlibanon ist ruhig"

Israelische Regierungskreise werfen der Unifil vor, wegen der Beschäftigung mit derartigen Lappalien ihre wichtigste Aufgabe aus den Augen zu verlieren. Doch die Verantwortlichen der Mission lassen diesen Vorwurf nicht gelten. "Überall im Nahen Osten hat sich die Lage in den vergangenen zehn Jahren verschlechtert. Der Südlibanon ist hingegen ruhig. Das ist auch das Verdienst von Unifil", sagt ein Sprecher.

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Grenze zwischen Libanon und Israel: Blauhelme und Beton

Unter anderem verweist die Uno-Mission auf die regelmäßigen Dreiparteiengespräche, an denen Vertreter von Unifil, israelischem und libanesischem Militär teilnehmen. Anfangs weigerten sich die Libanesen noch, gemeinsam mit den Israelis in einem Raum zu sitzen. Doch inzwischen sind die Treffen zu einem Forum geworden, in dem die Konfliktparteien Meinungsverschiedenheiten ausräumen und Missverständnisse verhindern.

Heißt das also, dass Israel die Bedrohung durch die Hisbollah übertreibt? Nein - das räumt auch Unifil ein. Offenbar verfüge die Miliz inzwischen über eine Vielzahl von Raketen mit größerer Reichweite. Die Hisbollah muss diese Waffen nicht im Grenzgebiet stationieren, das von der Unifil überwacht wird. Die Miliz kann diese Raketen fünfzig, sechzig Kilometer von der Grenze entfernt verstecken. Im Kriegsfall könnte sie damit trotzdem Ziele in Israel treffen.

Die Ruhe im Südlibanon ist trügerisch.

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