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S.P.O.N. - Im Zweifel links: Israel - Das verzweifelte Land

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Israelische Soldaten nahe Hebron: Intensive Suche nach vermissten Jugendlichen Zur Großansicht
AP/dpa

Israelische Soldaten nahe Hebron: Intensive Suche nach vermissten Jugendlichen

Drei Jugendliche verschwinden - und eine Regierung verliert jedes Maß. Benjamin Netanjahu nutzt die Tragödie dreier israelischer Familien für den Kampf gegen die Hamas. Ein neues Kapitel in einem endlosen Krieg, der keine Gewinner kennt.

Seit dem 12. Juni werden drei israelische Jugendliche im Westjordanland vermisst. Einer konnte noch einen Anruf absetzen: "Ich bin entführt worden." Mehr weiß man nicht. Das wäre in jedem Land der Welt der Albtraum aller Eltern. Und überall würden die Menschen von Herzen Anteil nehmen. In Israel wird die persönliche Tragödie zur politischen Katastrophe. Die israelische Armee hat im Westjordanland die größte Militäraktion gegen die Hamas seit 2002 durchgeführt: 3000 Soldaten durchkämmten Städte und Dörfer. Mehr als 350 Palästinenser wurden verhaftet. Fünf wurden erschossen. Auf der Suche nach den jungen Leuten kümmert sich die israelische Regierung nicht um Maß oder Recht. Im Gegenteil: Benjamin Netanjahu nutzt die Gelegenheit für eine Abrechnung mit der Hamas.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat der israelischen Regierung vorgeworfen die Palästinenser in den besetzten Gebieten kollektiv zu bestrafen und die Maßnahmen aufgelistet: Auf der Suche nach den drei verschwundenen Jugendlichen wurde die Stadt Hebron abgeriegelt, 750.000 Palästinenser in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Der Verkehr von Personen und Gütern über die Grenze zum Gaza-Streifen sei reduziert worden. In den israelischen Gefängnissen sei den Häftlingen der Hamas der Kontakt zu ihren Familien erschwert worden. Und dann sind da noch die fünf Palästinenser, die getötet wurden.

Wird auf diese Weise das Leben von Ejal Jifrah, Gilad Schaaer und Naftali Fraenkel gerettet werden? Die Maßnahmen der israelischen Regierung, die inzwischen zurückgefahren werden sollen, richten sich gegen die Hamas. Israel werde die Mitgliedschaft in der Hamas in eine "Fahrkarte zur Hölle" verwandeln, sagte Wirtschaftsminister Naftali Bennett. Denn sein Premier ist überzeugt: "Diejenigen, die die Entführung unserer Jungen durchgeführt haben, sind Hamas-Leute. Das wird schlimme Folgen haben." Beweise für diese Behauptung hat Netanjahu nicht vorgelegt.

Es ist Zeit zum Rückzug

Er nutzt die Tragödie der drei israelischen Familien für seinen Kampf gegen die Hamas. Kurz vor dem Verschwinden der Jugendlichen hatten die radikale Hamas, die im Gaza-Streifen herrscht und die Fatah, die Teile des Westjordanlands kontrolliert, ihren siebenjährigen Zwist überwunden und eine palästinensische Einheitsregierung gebildet. Einige Palästinenser? Für Netanjahu eine Horrorvorstellung. Israels früherer Botschafter in Deutschland Schimon Stein hat darum in einem Zeitungsartikel geschrieben, seit der palästinensischen "Versöhnung" sei es "das Ziel Jerusalems, einen Keil in die palästinensische Regierung zu treiben und sie international zu diskreditieren". Wie ginge das besser, als durch die Beschuldigung der Hamas, drei israelische Jugendliche entführt zu haben?

Aber umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Es macht für die Hamas in Wahrheit gar keinen Sinn, ausgerechnet jetzt die Regierung zu destabilisieren, in die sie gerade eingetreten ist.

Es sind nur die Hardliner auf beiden Seiten - palästinensische und israelische - die vom Verschwinden der drei Jugendlichen profitieren werden. Und der Nahe Osten kommt einem Frieden wieder einmal keinen Schritt näher. Kein Wunder, dass aus Washington nur noch ein müdes Abwinken kommt: "Wir drängen beide Seiten zur Zurückhaltung und zur Vermeidung von Schritten, welche die Lage destabilisieren könnten", sagte eine Sprecherin des Außenministeriums. Mehr nicht.

Ihr Chef John Kerry war mehr als ein Dutzend Mal in Israel und im Westjordanland und hat dort um Frieden gerungen. Vor ein paar Monaten stellte er seine Bemühungen mit den Worten ein: "Unsere Zeit und Kraft stoßen an Grenzen, wenn die Konfliktparteien nicht gewillt sind, selber Konkretes zu tun."

Damals hatte die israelische Journalistin Avirama Golan, Mitherausgeberin der Tageszeitung "Haaretz", geschrieben, Amerika, die Europäische Union, all die Wohlmeinenden, sie sollten aufhören, Israel helfen zu wollen: "Last uns allein und lasst uns sehen, was geschieht." Das Drama um die mögliche Entführung dieser drei Jungen und was die israelische Regierung daraus macht, ist ein neuerliches Zeichen: Es ist Zeit zum Rückzug. Wer Israel und Palästina helfen will, sollte sich abwenden.

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Jakob Augstein
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