Grabeskirche in Jerusalem geschlossen Zutritt verboten

Es geht um viel Geld und noch mehr Land: Israel und die Kirchenoberhäupter Jerusalems liegen im Streit. Aus Protest haben die Christen nun die Grabeskirche geschlossen - eine der heiligsten Stätten ihrer Religion.

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Hier soll Jesus begraben worden und auferstanden sein - die Grabeskirche in Jerusalem. Heute beten nicht nur sechs verschiedene christliche Konfessionen in dem Sakralbau, sondern bekämpfen sich auch oft. Die Streitereien und Schlägereien zwischen Kopten und Armeniern, Syrern und Äthiopiern, Katholiken und orthodoxen Griechen sorgen immer wieder für Schlagzeilen. Meistens geht es dabei um die Frage, wer wo wann beten darf.

Nun haben sich die Männer Gottes zusammengerauft - und die Grabeskirche bis auf Weiteres geschlossen. Der Grund: Ärger mit den israelischen Behörden. Seit Sonntag protestieren die Kirchenführer mit diesem beispiellosen Schritt gegen zwei voneinander unabhängige Beschlüsse:

  • Die Stadt Jerusalem fordert nachträglich Steuern in Höhe von 152 Millionen Dollar von den eigentlich steuerbefreiten Kirchen. Diese sollen das Geld mit Geschäften eingenommen haben, die als kommerziell eingestuft werden, wie etwa Hotels und Geschäfte. Zwar erklärte Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat am Dienstagmittag, er nehme doch Abstand von der Forderung. Die Kirchen haben sich bislang aber noch nicht geäußert.
  • Zum anderen plant die Regierung ein neues Bodenrechtsgesetz, das dem Staat die rückwirkende Enteignung von Grundstücken ermöglichen soll, die die griechisch-orthodoxe Kirche an Privatinvestoren verkauft hat. Mit diesem Schritt will Israel eigenen Angaben zufolge Bürger schützen, die Häuser auf solchen Grundstücken gebaut haben.

Auch wenn der Streit um die Grabeskirche im Gegensatz zum Tempelberg nicht dazu führen wird, wieder Unruhen in der umkämpften Stadt auszulösen, ist sie ein Ort von hoher symbolischer und politischer Bedeutung - und deshalb als Mittel geeignet, öffentlichkeitswirksam Druck aufzubauen.

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Kritik mit Nazi-Vergleichen

Die Oberhäupter der katholischen, griechisch-orthodoxen und armenischen Kirchen wollen die israelischen Forderung nicht hinnehmen. Sie haben eine Erklärung veröffentlicht, die nicht dazu beitragen dürfte, den Streit beizulegen. "Dies alles erinnert uns an ähnliche Gesetze, die während einer düsteren Periode in Europa gegen die Juden erlassen wurden", heißt es darin.

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Jerusalem: Ewiger Streit um die Heilige Stadt

Unterstützung erhalten sie von Jordanien. Das Königreich bezeichnete Israels Vorgehen als "illegal" und "einseitig". Die EU ermahnte unterdessen beide Konfliktparteien, den Streit beizulegen und den besonderen Status der Stadt zu erhalten.

Griechisch-orthodoxe Kirche größter Landbesitzer

Der Wert des Geländes, auf dem die Grabeskirche, Unesco-Weltkulturerbe und Touristenmagnet, steht, ist nicht in Dollarbeträgen zu beziffern. Andere Landbesitztümer schon, vor allem die der griechisch-orthodoxen Kirche, der größten von 13 anerkannten christlichen Konfessionen in Jerusalem.

Ihr Patriarch, Theophilos III., trägt nicht nur einen langen Titel. Der 66-jährige Grieche wird offiziell als "Patriarch der Heiligen Stadt Jerusalem und ganz Palästina und Syrien, der Gebiete jenseits des Jordan sowie von Kana in Galiläa und dem Heiligen Zion" bezeichnet. Er ist auch Großgrundbesitzer, der größte nichtstaatliche in Israel und Palästina.

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Grabeskirche geschlossen: Streit um Geld und Land

Der griechisch-orthodoxen Kirche gehören riesige Ländereien im Westjordanland, die an Palästinenser verpachtet wurden. Auch die Knesset, das israelische Parlament, und das Israel-Museum, das Nationalmuseum des jüdischen Staates, stehen auf griechisch-orthodoxem Boden, ebenso wie das Oberste Gericht.

Dubiose Landverkäufe zu Dumpingpreisen

Seit Griechenland gegen den Staatsbankrott ankämpft, ist auch die griechisch-orthodoxe Kirche nicht mehr so liquide wie früher. Ihre Patriarchen verkaufen deshalb - und nach eigenen Angaben auch auf israelischen Druck hin - seit Jahren ihren Boden im Heiligen Land.

Viele Deals waren dubios, etwa der Verkauf zweier Hotelgebäude am Jaffator der Altstadt von Jerusalem 2004. Die gingen an Mittelsmänner einer nationalreligiös-zionistischen Organisation. Theophilos' Amtsvorgänger wurde deshalb abgesetzt.

Aber auch der neue Patriarch verfolgt eine zweifelhafte Verkaufspolitik. So verscherbelte er der Tageszeitung "Haaretz" zufolge Grundstücke mit 240 Wohnungen im Stadtzentrum von Jerusalem für rund drei Millionen an einen unbekannten Investor mit Sitz auf den Virgin Islands - das ist, zumal auf dem überhitzten Wohnungs- und Grundstückmarkt, ein Schleuderpreis.

Dieses Vorgehen in Jerusalem und andernorts erzürnt Palästinenser wie Israelis. Denn: In einigen Jahrzehnten werden die bisherigen Pachtverträge auslaufen. Unklar ist, was die neuen - meistens unbekannten - Landbesitzer dann mit dem Land machen werden.

Radikalislamische Hamas unterstützt Christen

Die Wut wächst seit Monaten. Ein Autokonvoi von Theophilos III. wurde während des orthodoxen Weihnachtsfestes zu Jahresbeginn in Bethlehem sogar mit Schuhen und Steinen beworfen.

Für ihre Entscheidung, die Grabeskirche zu schließen, erhalten der griechische Patriarch und die übrigen Kirchenführer nun aber nicht nur von Jordanien Unterstützung, sondern auch von der Hamas. Der Streit spielt ihr in die Karten.

Ein Sprecher der radikalislamischen Terrororganisation erklärte, Israels Vorgehen sei eine Folge der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem einseitig als Hauptstadt des jüdischen Staates anzuerkennen. Er warf Israel vor, einen Religionskrieg gegen die Palästinenser zu entfachen - und rief zu gewalttätigen Protesten auf.

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