Urteil im Fall Asaria Der lange siebte Tag

Der israelische Soldat Elor Asaria hat einen am Boden liegenden Attentäter erschossen, nun ist er zu 18 Monaten Haft verurteilt worden. Der Fall sagt viel aus über ein Land, das seit bald 50 Jahren Besatzungsmacht ist.

Elor Asaria mit seiner Mutter
REUTERS

Elor Asaria mit seiner Mutter

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Elor Asaria hat Abdel-Fattah al-Sharif getötet. Mit einem gezielten Kopfschuss. Im März 2016. Der israelische Soldat war damals 19 Jahre alt. Der palästinensische Attentäter, der bereits kampfunfähig am Boden lag, war 21 Jahre alt. Zwei junge Männer in einem alten Konflikt.

Für seine Tat ist Asaria an diesem Dienstag von einem Militärgericht in Tel Aviv zu 18 Monaten Haft verurteilt worden. Der Staat hat mildes Recht gesprochen.

Der Fall hat die israelischen Gesellschaften zwischen Akko und Aschkelon in den vergangenen Monaten tief gespalten. Für die einen ist Elor Asaria ein nationaler Held, für andere ein eiskalter Mörder. Der Richterspruch hätte härter ausfallen müssen, sagen die einen. Es hätte ein Freispruch sein müssen, sagen die anderen.

Die innerisraelische Debatte geht weiter. Im doppelten Sinne. Sie dreht sich nicht allein um den Mord, den Asaria als Bürger in Uniform begangen hat, sondern um eine Frage, die seit nunmehr 50 Jahren landauf, landab geführt wird.

Damals, im Jahr 1967, ist Israel über sich hinausgewachsen. In jenen Junitagen, die als Sechs-Tage-Krieg in die Geschichte eingegangen sind, hat Israel das Westjordanland, den Gazastreifen, die Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel erobert.

Im Juni dieses Jahres jährt sich dieser Krieg zum 50. Mal. Israel wird dann ein halbes Jahrhundert lang eine Besatzungsmacht sein. Die Armee verteidigt längst nicht mehr nur die Grenzen des Staates, in dessen Hymne die Hoffnung besungen wird "zweitausend Jahre alt / zu sein ein freies Volk / in unserem Land".

Viele in Israel stellen sich die Frage, welche Spätfolgen diese sechs Tage für die einzige Demokratie im Nahen Osten haben. Für ihr Land, in dem die Armee das Volk und das Volk die Armee ist.

Elor Asaria ist ein Einzelfall. Und doch ist er für sie der personifizierte Beweis dafür, dass die Besatzung Teile der israelischen Gesellschaft im Laufe dieses langen siebten Tages verroht hat.

Die, die diese Fragen privat oder öffentlich diskutieren, sind nicht so laut wie jene, die den jungen Soldaten Asaria mit Verve und Wortgewalt verteidigen. Es sind aber auch beileibe nicht nur linke Träumer aus Tel Aviv, für die Berlin oder Berkeley Städte sind, in denen Milch und Honig fließt.

Wer die Debatte für sich entscheiden wird, ist offen.

insgesamt 51 Beiträge
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Heinze 21.02.2017
1. Der Staat hat mildes Recht gesprochen
Da frage ich mich doch, was ihr Maßstab ist. Vergleichbare Urteile der deutschen Justiz können Sie wohl kaum meinen. Die Typen, welche vor ein paar Jahren am Alexanderplatz völlig grundlos einen 20jährigen umbrachten, verbrachten ebenfalls ca. 2 Jahre im Gefängnis.
hugahuga 21.02.2017
2.
Wer nun gehofft hatte, dass sich die "einzige Demokratie im Nahen Osten" auch demokratisch verhält, hat sich geirrt. Wenn ein kaltblütiger Mord - denn um den handelt es sich - mit 18 Monaten bestraft wird - dann ist das eine Farce. Die Strafen für Steine werfende palästinensische Jugendliche sind oft bei weitem höher. Und - um es ganz klar zu sagen - diese Strafe wurde auch nur deshalb ausgesprochen, da der Vorgang gefilmt wurde und weltweite Empörung auslöste. Nein - einer Demokrarie ist dieses Urteil nicht würdig. Diese Regierung hat erneut den Vorwurf bestätigt, dass es sich um einen Apartheidstaat handelt.
charlybird 21.02.2017
3. Na, das wird nicht lange dauern,
bis dieser Thread geschlossen wird. Der Mann ist leider ein Mörder, er hat einen wehrlosen Mann abgeknallt und das in Uniform eines Staates, dass für sich beansprucht ein Rechtsstaat zu sein. Und das ist dann aber ein sehr mildes Urteil. Egal, was die verfeindeten Lager dort noch alles hinnehmen müssen und selbst anrichten werden, die Lage ist sowieso aussichtslos, weil man es auch so will. Und das offensichtlich auf beiden Seiten. Genau wie die nächste Generation und die folgende und die Kindeskinder und die Urenkel und die usw. Der Israel-Palästina-Konflikt ist irgendwie das Perpetuum Mobile eines Kriegszustandes, ich bin damit aufgewachsen und glaube, dass sich eher die Grenze zwischen Nord-und Südkorea öffnet, als dass es dort tatsächlich Frieden geben wird.
hugahuga 21.02.2017
4.
"Für die einen ist Elor Asaria ein nationaler Held." Welch eine sonderbare Auffassung - auf einen wehrlos am Boden Liegenden zu schießen - und das Ergebnis nennt sich "Held". Wer so denkt, muss krank sein. "Elor Asaria ist ein Einzelfall." Davon ist nicht auszugehen, denn bisher wurden fast alle Angriffe von Palästinensern - auch, wenn der Angegriffene nur leicht verletzt wurde - mit seiner Erschießung beantwortet. "Der Täter wurde erschossen", heißt es dann lapidar. Der Fall Asaria ist nur insofern ein Einzelfall, als dass er dokumentiert wurde und an die Öffentlichkeit gelangte.
ole#frosch 21.02.2017
5. 18 Monate für einen Mord?
und welches Weltbild, welches Verständnis von Menschlichkeit haben Menschen, die dies auch noch bejubeln. Ja, der getötete/ermordete war ein Verbrecher / Terrorist. Aber auch die haben einen rechtsstaatlichen Prozess verdient. Es sei denn es ist Krieg, aber dann wäre er Kriegsgefangener gewesen und es wäre wieder Mord.
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