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Bodenoffensive im Gazastreifen: Israels unterirdische Front

Von der Grenze zum Gazastreifen berichtet

REUTERS

Israels Premier Netanjahu schickt Soldaten in den Gazastreifen. Ihr Ziel: das Tunnelsystem zerstören und die Hamas entscheidend schwächen. Doch der Gegner ist längst darauf vorbereitet.

Wie Sternschnuppen ziehen die israelischen Leuchtraketen über den Himmel im Norden des Gazastreifens. Es ist halb zehn Uhr abends - der Beginn der israelischen Bodenoffensive. Kurz darauf sind das Rattern der Artillerie und die dumpfen Einschläge der Raketen und Bomben zu hören. Der heftige Angriff vom Wasser aus, über Land und aus der Luft wird die ganze Nacht andauern. Er begleitet den Vormarsch der Soldaten, die laut israelischem Militär anderthalb Stunden vor Mitternacht ins Grenzgebiet des Gazastreifens vordringen.

Israels Regierung weitet den Krieg aus. Seit elf Tagen schon lässt sie den Gazastreifen bombardieren, doch bisher nicht mit dem gewünschten Erfolg. Über 1500 Angriffe wurden durchgeführt - mit mehr als 1500 Tonnen Sprengstoff. Dennoch konnte nach Schätzungen israelischer Sicherheitsexperten nur zwischen einem Drittel und der Hälfte der Raketen der Palästinenser zerstört werden. Ein Großteil des auf über 10.000 Raketen geschätzten Arsenals im Gazastreifen soll unterirdisch versteckt liegen.

Unter der Erdoberfläche vermutet Israel noch eine zweite Gefahr: Tunnel aus denen die Hamas Attacken auf israelischen Boden vornimmt. So soll der unmittelbare Auslöser für den Start der Bodenoffensive ein solcher versuchter Angriff der Hamas gewesen sein. Man wolle "das unterirdische Terrortunnelnetzwerk, das in israelisches Gebiet führt", zerstören, hieß es in einer Presseerklärung von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu über die Bodenoffensive.

Das Hauptziel sind die Tunnel

In der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag sollen ein Dutzend palästinensische Kämpfer versucht haben, durch einen selbstgegrabenen Tunnel vom Norden Gazas nach Israel vorzudringen, berichtet das israelische Militär. Es sei der fünfte Tunnel von Gaza nach Israel, den man in den vergangenen eineinhalb Jahren entdeckt habe.

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Bodenoffensive gestartet: Soldaten marschieren im Gazastreifen ein
"Wir gehen auch gegen die Raketen und alle anderen Bedrohungen vor, aber das Hauptziel sind die Tunnel", sagte Naftali Bennett, der Wirtschaftsminister und Hardliner, der auf eine Ausweitung des Krieges gedrängt hatte. Schon seit Tagen hatte die Regierung fast 50.000 Reservisten an der Grenze zum Gazastreifen mobilisiert. Die Gerüchte über einen möglichen Waffenstillstand, die Israels Regierung streute, waren nach Berichten israelischer Medien offenbar nur ein Ablenkungsmanöver.

Der Raum unter der Erde wird zur nächsten erbitterten Front des Krieges. Die Gefahr aus der Luft hat Israel derzeit weitgehend gebannt. Das Land ist gut vorbereitet auf die Raketen aus Gaza, die immer weiter in israelisches Gebiet reichen. Nähert sich eine Rakete einer Wohngegend, ertönen Warnsirenen. Nahezu jedes Gebäude hat Schutzräume. Das Raketenabwehrsystem "Eiserne Kuppel" fängt nahezu 90 Prozent aller Geschosse ab, die Menschen treffen könnten.

Obwohl im jüngsten Konflikt über 1500 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert wurden, ist durch sie bisher niemand ums Leben gekommen. Ein israelischer Zivilist wurde am Samstag im Grenzbereich mit dem Gazastreifen getötet - allerdings nicht durch eine Rakete sondern durch Mörserbeschuss.

Furcht vor Sprengfallen

Bereits vor zwei Tagen hatte Israels Armee jene Bewohner im Grenzgebiet zu Israel gewarnt, unter deren Häusern sie Tunnel vermuten: "Verlasst euer Zuhause sofort und flüchtet ins Landesinnere des kleinen Gebietes." In Gaza-Stadt drängen sich nun in jedem Raum einer Uno-Schule dutzende Flüchtlinge aus dem Norden auf Behelfsmatratzen und Teppichen. Wer dem Aufruf nicht Folge leisten konnte, weil er alt oder verletzt ist, droht nun zum Opfer des Krieges zu werden.

US-Außenminister John Kerry mahnte, er erwarte, dass die Bodenoffensive in Gaza eine präzise Operation sei, die die Hamas-Tunnel nach Israel zum Ziel habe. Die Sorge ist groß, dass Israel in brutale Straßenkämpfe verstrickt werden könnte wie im dreiwöchigen Gaza-Krieg 2008/2009. Damals kamen nach verschiedenen Angaben zwischen 1100 und 1500 Menschen ums Leben - zwei Drittel davon Zivilisten. Über 5000 Menschen wurden verletzt. Auf israelischer Seite wurden 13 Menschen getötet. Während des letzten Gaza-Krieges 2012 hatte es keine Bodeninvasion gegeben.

Die Hamas war 2008 erst seit kurzem an der Macht im Gazastreifen. Dieses Mal soll sie auf eine Bodeninvasion gut vorbereitet sein, glauben israelische Militärs. Es soll Sprengfallen geben und womöglich könnten aus unterirdischen Einrichtungen heraus Attacken erfolgen.

Bisher sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums im Gazastreifen 260 Menschen ums Leben gekommen und über 2000 verletzt worden. Die meisten von ihnen Zivilisten. Donnerstagnacht wurden auch ein Krankenhaus und ein Journalistenbüro im Gazastreifen beschossen. Am Freitagmorgen wurde ein israelischer Soldat getötet.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. Hamas nutzt Zivilisten als Schutzschild
matt4866 18.07.2014
Auch wenn Isreals Netanjahu beileibe nicht immer recht hat: sein kurzer Satz: "Israel nutzt Raketen, um Zivilisten zu schuetzen, Hamas nutzt Zivilisten, um Raketen zu schuetzen", trifft den Nagel auf den Kopf. Die Hamas ist unfaehig, normale Strukturen aufzuubauen, und muss ihre Macht mit solchen Mitteln halten. Wenn nach dem Abzug der Israelis vor 10 Jahren etwas mehr Geld in nichtmilitaerische Aktivitaeten gesteckt worden waere, wo waere dann die Hamas heute .... im Abseits. Israel ist um seine Nachbarn nicht zu beneiden.
2. eine Endlosschleife
guenni 18.07.2014
bei allem Verständnis für den Versuch sich vor Raketenangriffen zu schützen bin ich immer noch der Meinung, dass 1500 Tonnen Bomben auf ein Gebiet von der Größe Bremens, in dem fast 2 Millionen Menschen wie in einem großen Freiluftgefängnis leben müssen nicht der richtige Weg sein kann. Ich denke nur an die vielen Kinder, die dort vollkommen perspektivlos und von ständigen Bombeneinschlägen traumatisiert aufwachsen. Ohne irgendwelche Perspektiven und die Aussicht auf ein vernünftiges selbstbestimmtes Leben in einem eigenen freien Land sind sie doch fast zwangsläufig dazu verdammt, sich irgendwann der radikalen Hamas oder dem Dschihad anzuschließen. Hier wird der Nachwuchs für den "islamischen Terror" oder "Freiheitskampf" (das kommt ja auf die Perspektive an) förmlich herbeigebombt. Ich denke, wenn nicht irgendwann ein Umdenken einsetzt und den Palästinensern eine Perspektive geboten wird (wozu aber sicherlich auch Zugeständnisse von Seiten Israels notwendig sind), geht das Ganze so lange weiter bis sich der Gazastreifen in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hat (viel fehlt dazu ohnehin nicht mehr) Doch kann das wirklich eine akzeptable Lösung sein? Allerdings verstehe ich auch nicht warum die Hamas immer wieder mit ihren sinnlosen Raketenangriffen, die maximal Glückstreffer landen die israelischen Vergeltungsschläge provozieren. Was erhoffen sie sich davon? Mittlerweile müsste doch auch dort bekannt sein, wie Israel darauf reagiert. Was muss noch passieren, damit sich die Verantwortlichen auf beiden Seiten endlich mal zusammensetzen, und versuchen die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu suchen. Aber so lange Israel die Hamas als reine Terrororganisation betrachtet, sehe ich da keine Hoffnung. Dabei dachte ich vor kurzem noch, die Wiederversöhnung zwischen Hamas und Fatah würde neue Chancen auf eine dauerhafte Lösung eröffnen. Aber mittlerweile glaube ich eher, das war einer der Gründe für die momentane Eskalation. Vielleicht sollte Israel seine Position der Hamas gegenüber mal überdenken. Schließlich hatten/haben auch sie bekannte Politiker (z.B. Menachem Begin, Jitzchak Schamir) in ihren Reihen, die mal an Bomben - bzw. Terroranschlägen als adäquates Mittel für den Widerstand gegen eine Besatzungsmacht erachteten. (Menachem Begin bekam ja später sogar trotz seiner terroristischen oder freiheitskämpferischen Aktivitäten mit vielen Todesopfern noch den Friedensnobelpreis verliehen)
3.
warum_denkt_keiner_nach? 18.07.2014
Zitat von matt4866Auch wenn Isreals Netanjahu beileibe nicht immer recht hat: sein kurzer Satz: "Israel nutzt Raketen, um Zivilisten zu schuetzen, Hamas nutzt Zivilisten, um Raketen zu schuetzen", trifft den Nagel auf den Kopf. Die Hamas ist unfaehig, normale Strukturen aufzuubauen, und muss ihre Macht mit solchen Mitteln halten. Wenn nach dem Abzug der Israelis vor 10 Jahren etwas mehr Geld in nichtmilitaerische Aktivitaeten gesteckt worden waere, wo waere dann die Hamas heute .... im Abseits. Israel ist um seine Nachbarn nicht zu beneiden.
Auch wenn sie diesen Unfug wiederholen. Etwas anderes als plumpe Propaganda wird er trotzdem nicht. Die Hamas ist auf die Unterstützung durch die Bevölkerung angewiesen und wird sie sich durch so etwas nicht zusätzlich verscherzen. Wenn in einem so engen Gebiet mit so vielen Menschen Kämpfe ausbrechen, dann befinden sie sich zwangsläufig in der nähen von Zivilisten. Außerdem sind Zivilisten als Schutzschilde unbrauchbar, da die Palästinenser wissen, dass die israelisch Armee trotzdem schießt...
4.
Sandaletten 18.07.2014
Mein Fazit zum Nahostkonflikt: Solange nicht alle Parteien das Existenzrecht Israels aus dessen faktischer Existenz ableiten sowie den gleichwertigen Anspruch der Palästinenser auf denselben Landstrich anerkennen und als notwendige Grundlage einer tragfähig verregelten Situation begreifen, wird die aktuelle quasidarwinistische Dialektik weiterhin die Lage bestimmen.
5. Einen Unterschied gibt es aber doch,
huddi03 18.07.2014
Zitat von guennibei allem Verständnis für den Versuch sich vor Raketenangriffen zu schützen bin ich immer noch der Meinung, dass 1500 Tonnen Bomben auf ein Gebiet von der Größe Bremens, in dem fast 2 Millionen Menschen wie in einem großen Freiluftgefängnis leben müssen nicht der richtige Weg sein kann. Ich denke nur an die vielen Kinder, die dort vollkommen perspektivlos und von ständigen Bombeneinschlägen traumatisiert aufwachsen. Ohne irgendwelche Perspektiven und die Aussicht auf ein vernünftiges selbstbestimmtes Leben in einem eigenen freien Land sind sie doch fast zwangsläufig dazu verdammt, sich irgendwann der radikalen Hamas oder dem Dschihad anzuschließen. Hier wird der Nachwuchs für den "islamischen Terror" oder "Freiheitskampf" (das kommt ja auf die Perspektive an) förmlich herbeigebombt. Ich denke, wenn nicht irgendwann ein Umdenken einsetzt und den Palästinensern eine Perspektive geboten wird (wozu aber sicherlich auch Zugeständnisse von Seiten Israels notwendig sind), geht das Ganze so lange weiter bis sich der Gazastreifen in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt hat (viel fehlt dazu ohnehin nicht mehr) Doch kann das wirklich eine akzeptable Lösung sein? Allerdings verstehe ich auch nicht warum die Hamas immer wieder mit ihren sinnlosen Raketenangriffen, die maximal Glückstreffer landen die israelischen Vergeltungsschläge provozieren. Was erhoffen sie sich davon? Mittlerweile müsste doch auch dort bekannt sein, wie Israel darauf reagiert. Was muss noch passieren, damit sich die Verantwortlichen auf beiden Seiten endlich mal zusammensetzen, und versuchen die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu suchen. Aber so lange Israel die Hamas als reine Terrororganisation betrachtet, sehe ich da keine Hoffnung. Dabei dachte ich vor kurzem noch, die Wiederversöhnung zwischen Hamas und Fatah würde neue Chancen auf eine dauerhafte Lösung eröffnen. Aber mittlerweile glaube ich eher, das war einer der Gründe für die momentane Eskalation. Vielleicht sollte Israel seine Position der Hamas gegenüber mal überdenken. Schließlich hatten/haben auch sie bekannte Politiker (z.B. Menachem Begin, Jitzchak Schamir) in ihren Reihen, die mal an Bomben - bzw. Terroranschlägen als adäquates Mittel für den Widerstand gegen eine Besatzungsmacht erachteten. (Menachem Begin bekam ja später sogar trotz seiner terroristischen oder freiheitskämpferischen Aktivitäten mit vielen Todesopfern noch den Friedensnobelpreis verliehen)
weder Schamir noch Begin und auch sonst niemand in Israel hat den Arabern grundsätzlich das Recht zu leben abgesprochen.Dass soviele achso liberale und tolerante Foristen diesen grundsätzlichen Unterschied zu Hamas,die ihre Ausrottungsphantasien ja auch noch religiös überhöht,nicht sehen wollen ist unverständlich.Sollte der Heilige Vater,ich bin übrigens nicht katholisch,erklären Christ Wiederkunft könne erst erfolgen,wenn alle Moslems ermordet sind wäre das Verständnis sicher ungleich geringer.Ich habe diesen Vergleich nur gewählt weil möglicherweise manche Mitforisten Hamas für einen normalen Player in Nahost halten.
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