Israel Mutmaßlicher Sex-Täter klammert sich ans Präsidentenamt

Präsident Katzav gilt den allermeisten Israelis inzwischen als Ärgernis und Schande - nur er selbst sieht keinen Grund zum Rücktritt. Dabei rät ihm jetzt auch der Generalstaatsanwalt dringend zum Amtsverzicht: Zu schwer wiegen die Sex-Vorwürfe von mindestens zehn Frauen.

Von , Tel Aviv


Längst ist er zum öffentlichen Ärgernis geworden. Doch Israels Staatspräsident Mosche Katzav denkt (noch) nicht daran, seinen Platz zu räumen. Stur hält er daran fest, oberster Zeremonienmeister der Nation zu bleiben. Dabei steht das Staatsoberhaupt laut polizeilichen Ermittlungen im Verdacht schwerer strafrechtlicher Verfehlungen. Es werden ihm Vergewaltigung, sexuelle Nötigungen, Behinderung der Justiz und andere Delikte vorgeworfen.

Moshe Katzav: Der Präsident hat sich "noch nicht entschieden", sagt sein Anwalt
REUTERS

Moshe Katzav: Der Präsident hat sich "noch nicht entschieden", sagt sein Anwalt

Jetzt will der Generalstaatsanwalt dem uneinsichtigen Präsidenten zur Vernunft verhelfen. Er legt ihm dringend einen "vorübergehenden Amtsverzicht" nahe. Es sei "falsch und unangebracht", wenn Katzav weiter im Amt bleibe, schreibt heute Generalstaatanwalt Meni Masus in einem Gutachten an den Obersten Gerichtshof. Das Verbleiben Katzavs im Präsidentenpalast könnte außerdem die Untersuchungen behindern. Bei anderer Gelegenheit hatte Masus durchblicken lassen, dass er genügend Beweise habe, um gegen Katzav in ein paar Wochen Anklage zu erheben. Spätestens dann wäre der Präsident zum Rücktritt gezwungen. Fast freundschaftlich mahnt Masus den Präsidenten deshalb, der Zwangsabsetzung zuvorzukommen, um sich und dem Land diese Peinlichkeit zu ersparen.

Katzav lässt sich Zeit. "Er habe noch nicht entschieden", lässt er über seinen Rechtsanwalt ausrichten. Die Beweislast der polizeilichen Untersuchung ist zwar erdrückend, und die Warnungen des Generalstaatsanwaltes sind unmissverständlich. Aber Katzav macht sich noch Hoffnung, alles werde sich als böser Traum entpuppen. Obwohl sich die Anklageschrift auf massive Vorwürfe von mindestens zehn Frauen stützen kann, spricht Katzav von einer Verschwörung. "Gewisse Kreise" wollten verhindern, dass er nach dem Ende seiner regulären Amtszeit als Präsident ein hohes Amt in der Politik anstrebe, vermutet er.

Der Präsident mimt Normalität

Die Polizei hat vor zwei Wochen empfohlen, den Ersten Bürger des Staates vor Gericht zu stellen. Doch Katzav bestreitet jede Schuld. Er weigert sich deshalb, den Palast zu räumen, will nicht einsehen, dass bei ihm strengere Maßstäbe gelten sollen als bei allen anderen Bürgern: Diese seien ja auch solange unschuldig, als kein rechtskräftiges Urteil gegen sie vorliege, schmollt Katzav. Dass gerade das Präsidentenamt eine Persönlichkeit erfordert, deren moralisches Ansehen über jeden Zweifel erhaben sein muss, will er als Rücktrittsgrund nicht akzeptieren.

Also mimt er Normalität, lächelt freundlich in die Kameras, gibt bei staatlichen Banketts Banalitäten von sich. Nur zwei Zeremonien ist er auf öffentlichen Druck ferngeblieben: Der Vereidigung der Präsidentin des Obersten Gerichtshofes und der Eröffnung der Wintersession des Parlaments. Sonst aber nimmt er wie selbstverständlich die Beglaubigungsschreiben neuer Botschafter entgegen oder unterstützt Benefizveranstaltungen für die Krebsforschung. Auch die angesagte Gedenkfeier für Jitzchak Rabin, der am 4. November 1995 von einem religiösen Fanatiker ermordet wurde, werde er gerne mit seiner Anwesenheit beehren, versichert seine Sprecherin. Den 11. Rabin-Gedenktag wird er deshalb wie üblich im Präsidentenpalast mit dem Anzünden einer Kerze eröffnen. Doch die Familie Rabin will ihn bei ihrer öffentlichen Feier nicht dabei haben. Es wäre ihr lieber, die Feier ohne Katzav durchzuführen, sagt Tochter Dalia Rabin-Pelosoff.

Im In- und Ausland ist Katzav zum Gespött geworden

Während Katzav noch zaudert, ist schon das Rennen um die Nachfolge im Gange - in fast allen Parteien hat er den Rückhalt verloren. Den Präsidenten zum Rücktritt auffordern kann zwar nur die Knesset. Dazu ist die Zustimmung von 90 der 120 Abgeordneten erforderlich. Ein Quorum, das bisher als unerreichbar galt. Doch jetzt wenden sich sogar Parteien von Katzav ab, denen er im Jahre 2001 die Wahl zum Präsidenten verdankte. Der Vorsitzende der ultra-orthodoxen Shas-Partei fordert ihn ebenso zum Rücktritt auf wie Limor Livnat von Katzavs eigener Partei oder Parlamentarier der Kadima-Partei von Premier Ehud Olmert.

Nur auf zwei Frauen aber kann sich der Präsident stets verlassen. Auf seine Ehefrau Gila und auf seine Mutter Goher. "Niemals würde er seine Gila betrügen", behauptet die Schwiegermutter der First Lady tapfer. Der Generalstaatsanwalt ist für sie wohl Teil der Verschwörung gegen ihren Mosche.

Was auch immer die Justiz befinden wird: Der Sexskandal schädigt den ohnehin angeschlagenen Ruf der Regierung und des Landes zusätzlich. Sowohl im In- als auch im Ausland ist Katzav zum Gespött geworden. In Israel unterstellen Videoclips dem Präsidenten, er würde seine Personalpolitik auf den Brustumfang der Mitarbeiterinnen abstellen. Und als Premier Ehud Olmert in Moskau den russischen Präsidenten Putin traf, lobte der Kremlchef Katzav angeblich als "starken Kerl": Er hätte ihm nie zugetraut, zehn Frauen zu vergewaltigen: "Er (Katzav) hat uns alle überrascht. Wir beneiden ihn alle." Putin freilich ließ dies alles später als Übersetzungsfehler dementieren.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche"



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.