Knesset-Wahl TV-Moderator wird Israels Königsmacher

Israels Premier Netanjahu hat eine schwere Wahlschlappe erlitten. Im Amt bleiben kann er nur, wenn er mit der neuen Partei der Mitte koaliert, die von dem populären TV-Moderator Jair Lapid angeführt wird. Die Presse ruft den Newcomer zur wichtigsten Figur in der Jerusalemer Politik aus.

Von Ulrike Putz, Beirut


Es heißt, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu liebe nichts mehr, als seinen Namen in den Zeitungen zu lesen. Am Mittwoch jedoch dürfte ihm die morgendliche Lektüre wenig Freude bereitet haben. Denn obwohl sich sein Parteienbündnis Likud-Beitenu mit 31 von 120 Sitzen als stärkste Kraft im Jerusalemer Parlament behaupten konnte, gilt der Regierungschef den israelischen Medien in ihren Analysen als Verlierer der Knesset-Wahl am Dienstag: Alle großen Tageszeitungen titeln mit dem "Schlag" den der Premier hinnehmen musste, mit der "Niederlage", die seine Partei zu verkraften hat. Netanjahu sei gar eine "tragische Figur" schreibt Israels wohl bekanntester Kolumnist, Nachum Barnea, in der "Jediot Acharonot".

Israels Wähler haben Netanjahu abgestraft. Den Grund dafür verorten die Analysten vor allem im selbstgefälligen Auftreten des Premiers. Der Likud-Beiteinu-Chef sei machtversessen, eitel und mehr an seiner persönlichen Karriere denn am Wohle des Staates Israel interessiert, urteilt beispielsweise Barnea. Netanjahu, der Neuwahlen anberaumt hatte, um seine knappe Mehrheit in der Knesset auszubauen, habe das Gegenteil erreicht, schreibt Schalom Jeruschalmi in der "Maariv". "Er wird der schwächste Ministerpräsident in der Geschichte des Landes sein."

Vom TV-Moderator zum wichtigsten Mann in Jerusalem

Als strahlenden Sieger des Urnengangs gilt am Tag danach ein anderer: Jair Lapid, Vorsitzender der gerade mal vor neun Monaten gegründeten Partei Jesch Atid - zu deutsch: "Es gibt eine Zukunft". Mit 19 Sitzen hat sie sich aus dem Stand zur zweitstärksten Kraft im Parlament aufgeschwungen. An ihm führt wohl kein Weg mehr vorbei, er ist der Königsmacher. Die linksliberale "Haaretz" geht sogar noch weiter, die Zeitung schreibt: "Ein neuer König ist gekrönt: Jair Lapid."

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Wahlen in Israel: Schlappe für Netanjahu
Das offizielle Endergebnis der Stimmauszählung wird erst für Donnerstag erwartet, doch bereits in der Wahlnacht hat sich ein deutliches Bild ergeben, wie die zukünftige Regierung Israels aussehen wird. Denn nur wenn Netanjahu mit der Zukunftspartei koaliert, kann er sich aus dem Schwitzkasten der vielen kleinen Siedler- und Rechts-Parteien befreien, die seine bisherige Regierung mit teils abstrusen Forderungen in die Handlungsunfähigkeit getrieben hatten. "Es gibt keine vernünftige Regierung ohne Lapid", heißt es in der "Haaretz". Lapid sei über Nacht zur wichtigsten Figur der israelischen Politik geworden. Im Armeerundfunk hieß es, Netanjahu werde keine andere Wahl haben, als Lapid das Amt des Außen-, Verteidigungs- oder Wirtschaftsministers anzudienen.


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Die Zukunftspartei hatte im Wahlkampf vor allem um die Stimmen der von der anhaltenden Wirtschaftskrise bedrohten Mittelschicht geworben. Lapid hofierte dabei vor allem säkulare Juden: Er kündigte an, den in Israel für Männer und Frauen obligatorischen Wehrdienst auch auf ultraorthodoxe Juden auszuweiten und die religiöse Bevölkerung stärker in die Arbeitswelt einzubinden. Derzeit arbeiten große Teile der Ultraorthodoxen nicht, weil sie ihr Leben dem Torah-Studium widmen.

Protestwahl der Säkularen

Der Unmut unter säkularen Israelis ist in den vergangenen Jahren angesichts der rasch wachsenden Zahl der Frommen stetig gestiegen. Etwa zehn Prozent der israelischen Bevölkerung sind ultraorthodox, bei Grundschulkindern macht der Anteil über 20 Prozent aus.

Bei vielen Israelis scheint der Zorn über die sozialen Missstände die Wahlentscheidung beeinflusst zu haben. Neben der Zukunftspartei hat auch die Arbeitspartei davon profitiert. Im Sommer 2011 waren Hunderttausende Israelis auf die Straßen gegangen, forderten bezahlbare Wohnungen, niedrigere Steuern, bessere Schulen, Universitäten und Gesundheitsvorsorge. Netanjahu versprach zu handeln, tat es aber nicht. Dass der Regierungschef die notwendigen Reformen mit seiner Koalition aus Kleinstparteien nicht durchsetzen konnte, hatte ihn viele Sympathien gekostet und Lapid Proteststimmen zugeschanzt.

Der Chef der Zukunftspartei selbst ist ein Multitalent. Neben einer glänzenden journalistischen Karriere, die er als Wehrdienstleistender bei einer Armeezeitung begann und in deren Verlauf er zum wohl bekanntesten TV-Moderator des Landes wurde, schreibt der 49-Jährige Thriller und Kinderbücher, Fernsehserien und Theaterstücke. Auch in Spielfilmen war er schon zu sehen.

Der silberhaarige Frauenschwarm wuchs in einem hochpolitischen Haushalt auf. Sein Vater, Tommy Lapid, stand der ultrasäkularen Schinui-Partei vor und diente unter Ariel Scharon als Justizminister und stellvertretender Ministerpräsident. Wie schon sein Vater drängt Lapid Junior auf eine Wiederaufnahme der Verhandlungen mit den Palästinensern.

Angesichts der zentralen Rolle, die Lapid in der künftigen Knesset spielen wird, waren einige Kommentatoren am Mittwoch hoffnungsfroh, dass in Israel eine Zeit des Wandels eingeläutet worden ist. Wenn der Newcomer im Polit-Geschäft es nur verstünde, seine Karten klug zu spielen, schreibt Jossi Verter in "Haaretz", könne er es tatsächlich schaffen, die in seiner Wahlkampagne versprochenen Änderungen durchzusetzen.



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Seite 1
ewspapst 23.01.2013
1.
Zitat von sysopDPAIsraels Premier Netanjahu hat eine schwere Wahlschlappe erlitten. Im Amt bleiben kann er nur, wenn er mit der neuen Partei der Mitte koaliert, die von dem populären TV-Moderator Jair Lapid angeführt wird. Die Presse ruft den Newcomer zur wichtigsten Figur in der Jerusalemer Politik aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-nach-der-wahl-tv-moderator-lapid-bestimmt-netanjahus-schicksal-a-879172.html
Das kann uns friedliebende Bürger nur freuen. Vermutlich wird es denn nun hoffentlich nichts mit dem ständig angekündigten Angriff auf den Iran und man sieht dort auch keine A-Bombe mehr, wie es uns Netanjahu ständig mitteilte.
Duzend 23.01.2013
2. Jair Lapid ist ja eh beliebt, aber...
Zitat von sysopDPAIsraels Premier Netanjahu hat eine schwere Wahlschlappe erlitten. Im Amt bleiben kann er nur, wenn er mit der neuen Partei der Mitte koaliert, die von dem populären TV-Moderator Jair Lapid angeführt wird. Die Presse ruft den Newcomer zur wichtigsten Figur in der Jerusalemer Politik aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-nach-der-wahl-tv-moderator-lapid-bestimmt-netanjahus-schicksal-a-879172.html
...darf man lapidar feststellen, dass auch er ganz dazu angetan ist, das bisherige System eher zu stützen und zu zementieren, statt es zu erneuern? Ich hatte es heute früh schon versucht, aber man scheint meine Hinweise zur Relativierung seiner positiven Darstellung nicht zu wollen. Er hatte auch schon Auftritte wie diesen, Jair Lapid and His Guests on TV (http://www.youtube.com/watch?v=8OyUoGUV7b8) und das sollten ruhig alle wissen dürfen. Daran, wie eisern er für den Fall seiner Regierungsbeteiligung an seinen zuvor geäusserten Grundsätzen wird festhalten können, wird man erkennen, wie ernst er es mit dem Wandel (auch seinem eigenen) und der Erneuerung meint.
ein anderer 23.01.2013
3. ...
Zitat von sysopDPAIsraels Premier Netanjahu hat eine schwere Wahlschlappe erlitten. Im Amt bleiben kann er nur, wenn er mit der neuen Partei der Mitte koaliert, die von dem populären TV-Moderator Jair Lapid angeführt wird. Die Presse ruft den Newcomer zur wichtigsten Figur in der Jerusalemer Politik aus. http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-nach-der-wahl-tv-moderator-lapid-bestimmt-netanjahus-schicksal-a-879172.html
Ein Wandel wäre durchaus angebracht, aber dazu müsste auch das Militär überzeugt werden. Das könnte sich als hoffnungslos erweisen, da sich innerhalb der letzten 2. Jahrzehnten das Militär in den höheren Rängen von den liberalen Kräften befreit hatte. Sozusagen alle die die Visionen Rabins geteilt hatten wurden entweder aus dem Militär gedrängt oder Kaltgestellt. Nur die Gegner sind aufgestiegen. Klar, für die meisten Demokratien spielt das Militär nur eine untergeordnete politische Rolle, nicht aber in Israel.
willi45 23.01.2013
4. Die liberale Mitte wehrt sich!
Das ist ein gutes Zeichen für Israel: radikale politische Positionen und auf Kosten der anderen leben, das darf so nicht weitergehen. Wenn die Palestinenser ernsthafter Frieden und Aussöhnung anstebten, könnten auch in Israel die Scharfmacher an Unterstützung verlieren. Vor 15 Jahren war es schon einmal so weit, bevor Rabin ermordet wurde. Hoffnung keimt auf.
juttaweise 23.01.2013
5.
die entfernten Nachbarn sahen es wohl ähnlich: Qatar finanziert den Wahlkampf Netanyahus: Livni: le Qatar a financ la campagne lectorale de Netanyahu (http://www.almanar.com.lb/french/adetails.php?eid=92916&cid=22&fromval=1&frid=21&seccatid=18&s1=1)
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