AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2014

Eskalation im Nahost-Konflikt Netanjahu droht Hamas mit harten Militärschlägen

Die Schonzeit ist vorbei, kündigt Israels Ministerpräsident Netanjahu an - es sei an der Zeit, im Kampf gegen die Hamas "die Samthandschuhe auszuziehen". Die Regierung gibt grünes Licht für die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten.

Israels Premier Netanjahu: Häuser palästinensischer Aktivisten beschossen
DPA

Israels Premier Netanjahu: Häuser palästinensischer Aktivisten beschossen


Tel Aviv - Der Ton im Nahost-Konflikt wird schärfer: Bislang hatte sich Benjamin Netanjahu gegen breite Militäroperationen ausgesprochen, nun hat der israelische Ministerpräsident mit harten Militärschlägen im Gazastreifen gedroht. Im Kampf gegen die radikalislamische Hamas sei es an der Zeit, "die Samthandschuhe auszuziehen", sagte er vor einem Treffen mit Vertretern der Sicherheitskräfte in Tel Aviv.

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 28/2014
Die kühnen Strategien des Joachim Löw

Seine Zurückhaltung führte am Montag zum Bruch mit der ultrarechten Partei Israel Beitenu ("Unser Haus Israel"). Deren Vorsitzender, Außenminister Avigdor Lieberman, hatte ein hartes Vorgehen gegen die Hamas im Gazastreifen gefordert. Lieberman verlangte einen massiven Militäreinsatz, seine Parteifreunde kritisieren Netanjahus Haltung als zu zögerlich.

Mindestens sechs Menschen sterben

Derweil reagiert Israel bereits mit Härte auf den heftigen Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen: Die israelische Luftwaffe griff in der Nacht zum Dienstag mehr als fünfzig Ziele im Gazastreifen an. Nach palästinensischen Angaben kamen dabei mindestens sechs Menschen ums Leben, 25 wurden verletzt.

Die genauen Opferzahlen bleiben jedoch unklar: Im südlichen Teil des Küstenstreifens starben nach Angaben von Sanitätern vier Menschen bei einem Angriff auf ein Haus in Chan Junis. Fünf Mitglieder der radikalen Palästinenserorganisation Islamischer Dschihad seien bei einem Angriff auf ein Auto in der Stadt Gaza getötet worden, teilte der Leiter der örtlichen Rettungsdienste, Aschraf al-Kidra, mit. Ein Hamas-Mitglied sei zudem im Zentrum des Gazastreifens getötet worden. Eine offizielle Bestätigung gab es bisher nicht.

Es waren die heftigsten Gefechte zwischen Israel und extremistischen Palästinensergruppen seit November 2012. Die israelischen Streitkräfte teilten mit, auch eine mögliche Bodenoffensive vorzubereiten. Israels Regierung hat der Armee grünes Licht für die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten gegeben. Militärsprecher Arye Shalicar sagte: "Dies ist der erste Schritt, in den kommenden Tagen muss man sehen, ob es dafür Gründe gibt." Er sprach von einer großen Truppenmobilisierung "für den Fall der Fälle".

"Spirale von Gewalt und Gegengewalt"

Außenminister Frank-Walter Steinmeier äußerte sich besorgt: "Durch den Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen ist eine Lage entstanden, die eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt in Gang zu setzen droht", hieß es in einer Erklärung des SPD-Politikers. Israel habe selbstverständlich das Recht, seine Bürger vor Raketenbeschuss zu schützen. Er hoffe jedoch, dass "auf allen Seiten die Einsicht herrscht , dass eine militärische Konfrontation vermieden werden muss, die völlig außer Kontrolle gerät".

Beide Seiten beschießen sich seit Tagen mit Raketen und Granaten. In mehreren Städten kam es zu Krawallen. Auslöser der Eskalation waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Religionsschülern sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen. In der Region wächst die Sorge vor einem neuen Gaza-Krieg sowie einem neuen Palästinenseraufstand.

Auswärtiges Amt verschärft Sicherheitshinweise

Bei der Angriffswelle mit dem Codenamen "Protective Edge" wurden neben militärischen Zielen auch vier Häuser palästinensischer Aktivisten beschossen. Darunter waren in der Stadt Chan Junis die Wohnhäuser eines Kommandeurs der radikalen Hamas-Organisation sowie eines örtlichen Anführers der linksradikalen PFLP. Das meldete der staatliche israelische Rundfunk. Die Bewohner seien kurz zuvor telefonisch gewarnt worden, die Gebäude zu verlassen. Trotzdem gab es offenbar Verletzte: nach Angaben der Sanitätsdienste sieben Kinder und zwei Frauen.

Der bewaffnete Arm der Hamas, die Kassam-Brigaden, teilte mit, Israel habe mit der Zerstörung der Wohnhäuser eine "rote Linie" überschritten. "Wenn diese Politik nicht beendet wird, werden wir den Radius unserer Ziele bis zu einem Punkt ausweiten, der den Feind überraschen wird." Die Kassam-Brigaden und weitere islamistische Gruppierungen hatten am Montag nach Angaben der Armee insgesamt 81 Raketen auf Südisrael abgefeuert.

Die Trümmerteile mehrerer abgefeuerter Raketen trafen auch das Kreuzfahrtschiff "Aida Diva". Zwar kamen die Touristen an Bord mit dem Schrecken davon, dennoch änderte das Auswärtige Amt anschließend die Sicherheitshinweise für das Land. Innerhalb eines Radius von 40 Kilometern um den Gazastreifen werde von nicht notwendigen Aufenthalten abgeraten, erklärte das Ministerium auf seiner Webseite. Reisende sollten sich über Schutzräume und das Verhalten bei Raketenangriffen informieren.

vek/dpa/Reuters

© DER SPIEGEL 28/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.