Israel Olmert fordert Rückzug aus besetzten Gebieten

So weitreichende Zugeständnisse des eigenen Landes forderte noch kein israelischer Regierungschef im Nahostkonflikt: Ehud Olmert hat sich für einen Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten ausgesprochen. Seine Ansichten zur Außenpolitik seien jahrzehntelang falsch gewesen, sagte der 62-Jährige.


Tel Aviv - Israel muss nach den Worten von Ministerpräsident Ehud Olmert alle Gebiete, die im Sechs-Tage-Krieg erobert wurden, aufgeben. "Wir müssen eine Vereinbarung mit den Palästinensern treffen, deren Bedeutung darin liegt, dass wir uns aus nahezu allen, wenn nicht sogar aus allen Gebieten zurückziehen", sagte Olmert am Montag der Tageszeitung "Jediot Achronot".

Israels Ministerpräsident Olmert: "Wir müssen uns aus nahezu allen Gebieten zurückziehen"
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Israels Ministerpräsident Olmert: "Wir müssen uns aus nahezu allen Gebieten zurückziehen"

Der 62-Jährige räumte ein, dass seine Ansichten über die Außenpolitik jahrzehntelang falsch gewesen seien. "Was ich Ihnen jetzt sage, hat kein israelischer Führer vor mir gesagt: Wir müssen uns aus fast allen Gebieten, inklusive Ostjerusalem und die Golanhöhen, zurückziehen."

Zu Jerusalem sagte er: "Wer am gesamten Stadtgebiet festhalten möchte, muss 270.000 Araber der Souveränität Israels unterstellen. Das wird nicht funktionieren. Eine Entscheidung muss getroffen werden. Und diese Entscheidung ist schwierig und schrecklich. Sie steht im Gegensatz zu unserem natürlichen Gefühl, (dass Jerusalem die ewige und unteilbare Hauptstadt Israels ist), im Gegensatz zu unseren innersten Wünschen, zu unserer kollektiven Erinnerung und den Jahrtausende alten Gebeten unseres Volkes."

Die Zeitung, die Olmert anlässlich des Beginns des jüdischen Neujahrsfestes zitierte, sprach von einem denkwürdigen Interview. Wie zu allen großen Feiertagen riegelte Israel auch diesmal die Palästinensergebiete aus Furcht vor Anschlägen militanter Palästinenser an.

Israel hat nach Angaben von palästinensischen Vermittlern bereits den Rückzug von 93 Prozent des Gebiets des Westjordanlandes angeboten. 2005 hat Israel den Gaza-Streifen verlassen, kontrolliert aber weiterhin die Grenzen sowie den Luftraum. Olmert will den Palästinensern zudem ein Wüstengebiet an der Grenze zu Gaza und einen Korridor zwischen Gazastreifen und Westjordanland gewähren.

Der palästinensische Außenminister Riyad al-Malki bedauerte, dass Olmerts Eingeständnis so spät komme. "Wir wünschten, wir hätten diese persönliche Meinung vor seinem Rücktritt gehört. Wir hoffen, dass diese Zusage von der nächsten israelischen Regierung erfüllt wird", so al-Malki. Unter dem Druck von Korruptionsaffären musste Olmert vor gut einer Woche sein Amt niederlegen und ist nur geschäftsführender Ministerpräsident. Außenministerin Zippi Livni bemüht sich derzeit um die Bildung einer Nachfolgeregierung.

Mit Blick auf die syrischen Nachbarn sagte der israelische Ministerpräsident in dem Zeitungsinterview: "Ich möchte auch sehen, ob es eine ernsthafte Person in Israel gibt, die glaubt, dass man Frieden mit Syrien schließen kann, ohne letztendlich die Golanhöhen aufzugeben." Im Gegenzug müsse Syrien seine Beziehungen zu Iran, zur libanesischen Hisbollah, zur radikalislamischen Palästinenserbewegung Hamas, zum Terrornetzwerk al-Qaida sowie den "Dschihadisten im Irak" abbrechen. Er habe keinerlei Zweifel, dass Israel Syrien in einem Krieg besiegen würde, sagte Olmert. Israel würde dafür aber einen schmerzhaften Preis bezahlen.

Im Atomstreit mit Iran warnte Olmert seine Landsleute vor "Größenwahn". Es sei falsch anzunehmen, die Israelis wüssten besser als die USA, Russland, China, Großbritannien und Deutschland, wie man mit Iran verfahren solle. "Iran ist eine große Macht, die eine Gefahr für die internationale Gemeinschaft darstellt." Gerade deshalb müsse sich zu allererst die internationale Gemeinschaft mit dem iranischen Problem beschäftigen.

pes/dpa/rtr/AFP



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