Militärmanöver Israel probt den nächsten Krieg gegen die Hisbollah

Israel fürchtet die erstarkte Hisbollah-Miliz im benachbarten Libanon und in Syrien. Einen Krieg mit dem Erzfeind hält die Regierung in Jerusalem für unausweichlich. Die Armee probt nun den Ernstfall.

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Es ist Israels größtes Militärmanöver seit fast 20 Jahren: Zehntausende Soldaten sind in dieser Woche in Galiläa und auf den Golanhöhen an der Nordgrenze aufmarschiert. Eineinhalb Jahre soll das Militär die Übung geplant haben. Eine Machtdemonstration, die sich vor allem gegen einen Erzfeind Jerusalems richtet: die schiitische Hisbollah-Miliz im benachbarten Libanon.

Dutzende Infanterie- und Panzerdivisionen, Luft- und Seestreitkräfte proben zehn Tage lang den Ernstfall: Überraschungsangriffe der Hisbollah zu Wasser und zu Land, die Evakuierung der Bevölkerung in grenznahen Orten und Guerilla-Kämpfe gegen die Miliz auf libanesischem Gebiet. Das Ziel: Die Hisbollah soll im Falle eines erneuten Kriegs nicht nur geschwächt, sondern ausgeschaltet werden - anders als beim Zweiten Libanonkrieg 2006, als Israel im Feldzug gegen die Hisbollah keinen klaren Sieg erringen konnte.

1998 hatte Israel zum bislang letzten Mal eine Truppenübung dieser Größenordnung abgehalten - unter der Leitung von Meir Dagan. In Erinnerung an den im vergangenen Jahr verstorbenen Ex-General und ehemaligen Chef des Auslandsgeheimdienstes Mossad wurde das Manöver nun nach ihm benannt. Doch in den vergangenen 19 Jahren hat sich vieles verändert: Dagan hatte damals noch einen Krieg gegen das Assad-Regime in Syrien simuliert. Ein solches Szenario, ein Krieg, in dem sich zwei Armeen gegenüberstehen, ist heute kein Thema mehr.

Und trotzdem richtet sich auch in diesem Jahr der Blick nicht nur Richtung Libanon, sondern auch nach Syrien. Denn auch dort kämpft die Hisbollah. Seit mehreren Jahren unterstützt sie den syrischen Diktator Baschar al-Assad. Mehr als 2000 libanesische Milizionäre haben in dieser Zeit ihr Leben verloren, deutlich mehr als in 32 Jahren Kampf gegen Israel. Zunächst sah es lange so aus, als binde der Syrienkrieg die Eliteeinheiten der Hisbollah - eine erneute Eskalation zwischen der "Partei Gottes" und der israelischen Armee galt auf absehbare Sicht als unwahrscheinlich.

Hisbollah verstößt gegen Uno-Resolution

Doch vor einigen Wochen lud die Miliz Dutzende Journalisten zu einer Tour in den Südlibanon. Dort präsentierten Kämpfer ihr Waffenarsenal, unter anderem moderne Luftabwehrraketen - mitten im Grenzgebiet zu Israel. Offen brüstete sich die Hisbollah damit, gegen Uno-Resolution 1701 zu verstoßen, die nach dem Libanonkrieg 2006 beschlossen worden war. Darin heißt es, allein die libanesische Armee und die Uno-Blauhelmtruppe Unifil dürften in der Gegend Waffen tragen.

Auch in einigen Landstrichen Syriens, die unter Kontrolle der Hisbollah stehen, demonstriert die Miliz ihre Macht. Nicht nur entlang der syrisch-libanesischen Grenze, sondern auch auf der syrischen Seite der Golanhöhen. Offenbar bereitet die Hisbollah eine dauerhafte Präsenz in Syrien vor. Ähnlich wie im Libanon tritt die Miliz auch dort an manchen Orten wie ein Staat im Staate auf.

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Eskalation mit Ansage: Schattenkrieg in der Levante

Die Folge: Israel sieht sich durch die Hisbollah nicht nur aus dem Libanon bedroht - sondern auch aus Syrien. Jerusalem erhebt deshalb auch schwere Vorwürfe gegen Iran. Unter anderem heißt es, die mächtigen Revolutionswächter errichteten im Nordwesten Syriens eine Fabrik, in der Mittel- und Langstreckenraketen für die Hisbollah hergestellt würden. Teheran ist der wichtigste Finanzier und Ausrüster der Hisbollah und des syrischen Regimes.

Politiker und Militärs in Jerusalem sind sich einig: Die Hisbollah müsse daran gehindert werden, Waffensysteme aus Syrien in den Libanon zu transportieren, mit denen die Miliz die eigene militärische Macht ausbauen könnte.

Israels Luftwaffe hat aus diesem Grund bereits mehrfach Ziele der Hisbollah in Syrien angegriffen. Sie richteten sich gegen Waffentransporte, aber auch gegen hochrangige Personen: Im Dezember 2015 etwa wurde der Hisbollah-Kommandeur Samir Kuntar bei einem Angriff auf einen Vorort von Damaskus getötet.

Iranischer Landkorridor bis zum Mittelmeer

In der kommenden Woche wird Ministerpräsident Benjamin Netanyahu eine Rede bei der alljährlichen Uno-Hauptversammlung in New York halten. Sein wichtigstes Thema: Iran, wieder einmal. Diesmal soll es aber nicht allein um das Atomprogramm der Islamischen Republik gehen, sondern auch um die Strategie Teherans, via Syrien und mithilfe von Milizen wie der Hisbollah einen Landkorridor bis zum zu Mittelmeerzu errichten - der so genannte schiitische Halbmond. Ein Schreckensbild für Israel.

Der "schiitische Halbmond"
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Der "schiitische Halbmond"

Amir Eschel, scheidender General der Luftstreitkräfte, schickte Ende Juni auf der Sicherheitskonferenz in Herzliya - einer Art Klassentreffen für Militärs und Sicherheitspolitiker aus aller Welt - eine deutliche Botschaft nach Beirut. Die israelische Armee werde im Ernstfall mit "unvorstellbarer" militärischer Macht gegen die Hisbollah vorgehen, sagte er. Was die israelischen Piloten 2006 in 34 Tagen geschafft hätten, würden sie nun in 48 bis 60 Stunden vollbringen können.

Den Preis dafür müssten libanesische Zivilisten zahlen.

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