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Israel: Scharon gegen Gott und Gott gegen alle

Von Henryk M. Broder

Wiederholt sich Geschichte doch? Ausgerechnet der frühere Hardliner Rabin reichte Arafat und der PLO die Hand. Ausgerechnet der "Bulldozer" Scharon begann mit dem Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten. Zwei Gewandelte. Zwei, die zur falschen Zeit abtreten mussten.

Man könnte gläubig werden, wenn man den Verlauf des Nahost-Konflikts als Beweis für das Schalten und Walten einer höheren Gewalt nimmt. Immer, wenn es langsam voran geht, passiert etwas, das die Geschichte wieder umdreht - so auch mit Ariel Scharon.

Wenn es IHN gibt, dann muss ER ein Zyniker sein.

Ein gemeiner, schadenfroher Strippenzieher, der es genießt, aus sicherer Entfernung die Puppen tanzen zu lassen. Erst erklärt er die Juden zu seinem auserwählten Volk und verspricht ihnen das Gelobte Land, dann lässt er sie 40 Jahre durch die Wüste wandern.

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Ariel Scharon: Kämpfer an allen Fronten

Er rührt keinen Finger, als sie aus Palästina vertrieben werden, und schaut fast 2000 Jahre gelassen zu, wie "sein" Volk bei Kreuzzügen, Pogromen und Massakern dezimiert wird. Erst nachdem die "Endlösung" beinah geglückt ist, gibt er den Juden wieder eine Chance und führt sie in ihre historische Heimat zurück. Doch dann überlegt er es sich wieder anders. Wer rastet, der rostet. Er hält sein Volk mit fünf großen und zahllosen kleinen Kriegen in ständiger Bewegung. So wird es ihm nicht langweilig, und auch die Welt kann an einem beispiellosen Spektakel teilnehmen, Partei ergreifen für die eine oder andere Seite, Konferenzen abhalten, Pläne entwerfen und Resolutionen verabschieden.

Es geht nicht um Unrecht gegen Recht, sondern Recht gegen Recht. Der Konflikt um Palästina wird zum Weltkulturerbe, wie der schiefe Turm von Pisa, der auch in stabiler Schieflage konserviert wird.

Und nur wenn er einen Moment nicht aufpasst, passiert etwas, womit niemand gerechnet hat. Ausgerechnet Jizchak Rabin, ein Hardliner, der versprochen hatte, "den Palästinensern die Knochen zu brechen", erkennt die legitimen Rechte der Palästinenser an, schließt ein Abkommen mit der PLO und schafft so die Voraussetzungen, den Konflikt am Verhandlungstisch zu beenden.

So viel Unbotmäßigkeit macht ihn wütend, das kann er sich nicht bieten lassen. Also schickt er Yigal Amir los, einen Fanatiker, der später vor Gericht erklären wird, nur den Willen Gottes exekutiert zu haben. Seine Richter nehmen ihm die Behauptung nicht ab, aber darauf kommt es nicht an, denn Rabin ist tot und der Irrsinn geht munter weiter. Israelis bringen Palästinenser um, Palästinenser bringen Israelis um, während er zufrieden murmelt: "Na bitte, klappt doch alles bestens."

Er ist zwar allmächtig und allgegenwärtig, er lässt Mohammed Atta und Jassir Arafat gewähren und rührt auch keinen Finger, um die Anschläge von Madrid, London und Bali zu verhindern, aber er lässt sich täuschen.

Der Haudegen Gottes

Ausgerechnet Ariel Scharon, der Haudegen Gottes, weist Gott in die Schranken. Scharon, der jedes Hindernis, das sich ihm in den Weg stellt, niederwalzt, der gegen den Widerstand seiner politischen Weggefährten den Gaza-Streifen räumt, der den Likud vor 20 Jahren mitbegründet hat, um an die Macht zu kommen, und der den Likud nun liquidiert, um an der Macht zu bleiben. Scharon, die Nummer zwei auf der Hassliste der Gutmenschen-Internationale, der Mann, der in Belgien wegen des Blutbads von Sabra und Schattila zur Festnahme ausgeschrieben war, der seit einer Weile mit einem Revolver unter dem Kopfkissen schläft, der sich um sein Ansehen in der Welt ebenso wenig kümmert wie um sein Übergewicht. Scharon will den Lauf der Geschichte ändern.

Noch vor drei, vier Jahren haben liberale und vernünftige Israelis die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und die Augen verdreht, wenn nur der Name Scharon fiel. Heute beten sie für seine Genesung, damit er seine Politik fortsetzen kann. Die israelische Friedensbewegung - Uri Avnery und seine Gruppe ausgenommen - setzt ihre Hoffnungen in Scharon, den sie bis vor kurzem verachtet und bekämpft hat. Denn Scharon, der Bulldozer, hat begriffen, dass man sich nicht endlos der Wirklichkeit verweigern kann, wenn man politisch und physisch überleben will. Für Golda Meir gab es "kein palästinensisches Volk", ihre Nachfolger von Menachem Begin über Jizchak Rabin bis Ehud Barak waren weniger ignorant, nahmen aber alle an, die Zeit würde für Israel und gegen die Palästinenser arbeiten, weswegen sie lieber bis in alle Ewigkeit verhandeln als zu konkreten Ergebnissen kommen wollten.

Ariel Scharon ist der erste israelische Regierungschef, der begriffen hat, dass die Zeit nicht für, sondern gegen Israel arbeitet, nicht weil die Palästinenser eine militärische Bedrohung darstellen, sondern weil sich die globalen Parameter verschoben haben. Während kein arabisches Land mehr willens oder in der Lage ist, Israel anzugreifen, liegen Tel Aviv und Jerusalem in der Reichweite iranischer Raketen. In Europa mag man diese Gefahr gern kleinreden, in Israel wird sie ernst genommen. Verglichen mit der atomaren Apokalypse, die von Iran droht, sind alle Terroranschläge der Palästinenser nur Wespenstiche.

Diesen Konflikt kann sich Israel nicht mehr leisten

Hinzu kommt, dass Israel sich einen Konflikt nicht mehr leisten kann, der einen großen Teil seiner Ressourcen bindet. Israel könnte in einer kurzen Zeit eine Hightech-Weltmacht werden, wenn es seine Ökonomie demilitarisieren, die Kosten für die Armee reduzieren und arbeitsfähige Männer nicht viele Jahre ihres Lebens mit unproduktiven Tätigkeiten beschäftigen würde, die von der Gesellschaft finanziert werden müssen. Hinzu kommt das, was inzwischen als "demografische Zeitbombe" bezeichnet wird. In 20 bis 30 Jahren wird sich das Problem eines "jüdischen Staates" durch die höheren Geburtenraten der Palästinenser ganz natürlich erledigen - egal ob Israel an der Besatzung festhält oder sich auf das Abenteuer eines binationalen Staates einlässt.

Scharon hat die Situation erkannt und begriffen, dass Israel die Besatzung beenden muss - wenn es nicht anders geht, auch mit einseitigen Schritten, bevor sich die Autonomiebehörde mit der Hamas, die Hamas mit der Hisbollah und die Hisbollah mit dem Dschihad darüber verständigt hat, wie weit man den Israelis entgegenkommen kann und darf. Die einseitige Räumung von Gaza war nur eine Generalprobe. Es ging darum zu sehen, wie die israelische Öffentlichkeit reagiert und die Autonomiebehörde agiert. Nun ist die Lage klar.

Die Israelis sind über den "Verlust" schneller als erwartet zur Tagesordnung übergegangen, und die Autonomiebehörde ist nicht in der Lage, ein Gebiet von der Größe Hamburgs zu regieren. "Chaos" und "Anarchie" sind noch die freundlichsten Umschreibungen für die Zustände, die derzeit in Gaza herrschen. Zudem haben die Reaktionen der islamischen (und europäischen) Fundamentalisten auf den Rückzug aus Gaza gezeigt, dass der Konflikt auch dann nicht beendet wäre, wenn Israel über Nacht alle "besetzten Gebiete" räumen würde. Denn für die Hamas, den Dschihad, die Hisbollah und ihre europäischen Freunde gelten auch Haifa und Beer Sheva und Ashkelon als "besetzt", und würde Israel nur die Strandpromenade von Tel Aviv als Staatsgebiet beanspruchen, wäre auch dies für die Islamisten ein Frevel und nicht akzeptabel.

Scharon, der Realist

Deswegen hat Scharon beschlossen, das zu tun, was er für das Richtige hält - nach Gaza auch große Teile der Westbank schrittweise zu räumen und die Autonomiebehörde vor vollendete Tatsachen zu stellen. Das mag nicht sehr höflich sein, aber von allen schlechten Optionen, die zur Verfügung stehen, ist es immer noch die beste. Damit wäre auch weit mehr als die Hälfte der Israelis einverstanden. Nun, da Scharon zwischen Leben und Tod schwebt, kann kein Mensch sagen, wie es weiter gehen wird. Politische Voraussagen sind im Nahen Osten von noch kürzerer Lebensdauer als Wettervorhersagen. Während die Hamas jubelt, nannte der palästinensische Ministerpräsident Ahmed Kurei Ariel Scharon einen "Macher" und wünschte ihm eine schnelle Genesung, damit er seine Politik fortsetzen kann. Klar ist derzeit nur eines. ER hat sich wieder gemeldet. ICH bin auch noch da! Gegen MEINEN Willen läuft nix!

Schon gut, lieber Gott. Wir haben begriffen. DEIN Wille geschehe. Nur: Könntest DU nicht endlich ein anderes Volk erwählen? Wie wäre es, der Gerechtigkeit halber, mit den Palästinensern?

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