Diplomatie auf Twitter Israel eröffnet virtuelle Botschaft für Golfstaaten

Offiziell herrscht diplomatische Eiszeit zwischen Israel und den Golfstaaten - inoffiziell bestehen seit Jahren wirtschaftliche Beziehungen. Nun will Israel mit den Golf-Arabern über Twitter in Kontakt treten. Die Reaktionen sind gemischt.

Von Theresa Breuer

Virtuelle Botschaft auf Twitter: Israel will diplomatische Eiszeit brechen

Virtuelle Botschaft auf Twitter: Israel will diplomatische Eiszeit brechen


Berlin - Es sind nur 140 Zeichen, aber oft reichen sie, um einen Sturm der Entrüstung loszutreten. "Frohen Ramadan an alle Golfstaaten", twitterte vor wenigen Tagen das israelische Außenministerium, "wir wünschen allen Muslimen Frieden und Menschlichkeit". Die Antworten ließen nicht lange auf sich warten. "Frieden und Menschlichkeit? Oh richtig, weil die Palästinenser sich ja selbst töten und foltern", twitterte jemand sarkastisch zurück und gehörte damit noch zu den gemäßigten Kommentaren.

Seit dem 18. Juli führt Israel den neuen Twitter-Account @IsraelintheGCC. GCC steht für Gulf Cooperation Council und besteht aus Saudi Arabien, Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Oman, Kuwait und Bahrain. "Israel in the GCC" soll, so die Selbstbeschreibung des Accounts, als virtuelle Botschaft für einen Dialog zwischen den Golfstaaten, seinen Einwohnern und Israel sorgen.

Offizielle diplomatische Beziehungen gibt es zwischen Israel und den Golfstaaten nicht. Vor allem, weil viele Menschen in den arabischen Staaten mit den Palästinensern sympathisieren.

Und so ist auch die Resonanz zu dem diplomatischen Vorstoß - zumindest auf Twitter - gemischt. "Der Untergang der zionistischen Entität, die Palästina besetzt, ist nah!", schreibt ein User. "Wartet ab ihr Idioten, wir werden euch spüren lassen, was ihr den Palästinensern angetan habt", ein anderer. Doch neben wüsten Beschimpfungen gibt es auch gemäßigte Stimmen: "Anstelle des Twitter-Accounts könnte Israel auch die jüngste arabische Friedensinitiative akzeptieren, dann müsste die Botschaft nicht nur virtuell sein." Andere wiederum äußern sich regelrecht euphorisch: "Ihr seid supersmart! Das hättet ihr schon vor langer Zeit tun sollen. Wir brauchen mehr Dialog. Großes Like!".

Virtuelle Botschaften kann man nicht stürmen oder besetzen

Einer der Männer hinter dem Account ist Yigal Palmor, Sprecher im israelischen Außenministerium. "Wir haben entschieden, dass Twitter ein gutes Medium ist, um mit den Menschen aus den Golfstaaten in Kontakt zu treten", sagte er. Mit der Wiederaufnahme eines Friedensprozesses mit den Palästinensern habe das Projekt aber nichts zu tun, so Palmor weiter.

Das Konzept der virtuellen Botschaft ist nicht neu. Bereits 2011 eröffneten die USA eine Online-Botschaft für Iran. Allerdings ist die Seite in Iran nicht aufrufbar. Bereits einen Tag nach der Eröffnung ließ die Regierung sie sperren, da hinter der Botschaft die "Judenlobby in den USA" stünde, so damals der iranische Parlamentssprecher Ali Laridschani.

Solange sie nicht gesperrt wird, hat eine virtuelle Botschaft durchaus Vorteile: Man kann sie weder stürmen noch besetzen. Versuche von israelischer Seite, die Beziehungen mit den Golfstaaten im "echten Leben" zu stärken, sind in der Vergangenheit gescheitert. Mitte der neunziger Jahre hatte Israel ein Handelszentrum in Doha, der Hauptstadt von Katar, eröffnet. Die katarische Regierung hatte dieses 2009 allerdings wieder geschlossen, nachdem Israel 2008 in Gaza eingefallen war. Ähnlich verhielt es sich mit einem diplomatischen Büro im Oman. Das hatte 1996 eröffnet und war vier Jahre später im Zuge der Zweiten Intifada wieder geschlossen worden.

Software und Medikamente werden gehandelt - und Diamanten

Trotzdem floriert der Handel zwischen Israel und den Golfstaaten. Das liegt daran, dass die arabischen Machthaber in der Region in erster Linie an guten Geschäften interessiert sind - und nicht an Ideologien. Zwar werden die wirtschaftlichen Beziehungen totgeschwiegen. Und offiziell ist die Einfuhr israelischer Produkte in die GCC-Staaten verboten. Schätzungen zufolge belaufen sich die israelischen Exporte in die Golfstaaten trotzdem auf rund 500 Millionen US-Dollar pro Jahr. Eine genaue Zahl ist schwer zu ermitteln, da der Handel über Drittstaaten geführt wird.

Die Produkte, die Israel exportiert, reichen von Computersoftware über Landwirtschaftstechnologie bis hin zu Medikamenten. Auch Diamanten werden zwischen den Staaten stark gehandelt. WikiLeaks hatte bereits 2010 im Zuge des "Cablegate"-Skandals eine amerikanische Depesche veröffentlicht, die zeigte, dass israelische Geschäftsmänner in den Vereinigten Arabischen Emirate aktiv sind. Ganz offiziell, mit israelischem Pass und Einverständnis der dortigen Herrscher.



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insgesamt 8 Beiträge
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LarsLondon 24.07.2013
1. Und jetzt?
Wenn diese "virtuelle Botschaft" ausschliesslich auf Twitter besteht, halten sich die Angebotenen Dienstleistungen wohl eher in Grenzen. Das hat wohl maximal symbolische Bedeutung.
Faceoff 24.07.2013
2. Reales
Nette Idee. Kommunikation ist nichts Schlechtes, auch nicht zwischen Feinde. Solange Israel aber in den Golfstaaten real morden lässt (s. z. B. Mord in Dubai: Mossad-Killer in Aktion -Video - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/video/mord-in-dubai-mossad-killer-in-aktion-video-1049801.html)), wird es sich äußerst schwer tun, dort auch eine reale Botschaft eröffnen zu dürfen.
mehdihusseini 24.07.2013
3. Gute Geschäfte oder Ideologie..
Das ist ein seltenes Phänomen. Die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung in Palästina wird seit über 60 Jahren unterdrückt, ermordet und vertrieben. Und komischerweise ist es die schiitische Achse Iran, Syrien und Hisbollah die basierend auf der Gerechtigkeit und ihrer Ideologie Israel nicht anerkennen und jegliche wirtschaftliche Beziehungen ablehnen. Die Golfstaaten, welche sunnitisch sind, betreiben Geschäfte mit den Israelis und verraten ihre eigene Konfession. Das ist alles Paradox, aber entspricht der Realität..
alfredoneuman 24.07.2013
4.
Zitat von mehdihusseiniDas ist ein seltenes Phänomen. Die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung in Palästina wird seit über 60 Jahren unterdrückt, ermordet und vertrieben. Und komischerweise ist es die schiitische Achse Iran, Syrien und Hisbollah die basierend auf der Gerechtigkeit und ihrer Ideologie Israel nicht anerkennen und jegliche wirtschaftliche Beziehungen ablehnen. Die Golfstaaten, welche sunnitisch sind, betreiben Geschäfte mit den Israelis und verraten ihre eigene Konfession. Das ist alles Paradox, aber entspricht der Realität..
Erst zeichnen Sie sich ein Zerrbild der Verhältnisse, und wundern sich am Ende, dass die Dinge irgendwie nicht passen wollen. Die Golfstaaten sind am Bürgerkrieg in Syrien beteiligt, dort sind bisher mehr Araber umgekommen als in sämtlichen arabisch/israelischen Kriegen der letzten 60 Jahren. Wie verträgt sich das wohl mit deren Konfession? Und die andere Seite, die schiitisch-iranische ist genauso brutal und menschenverachtend. Angesichts dieser bizarren Verhältnisse in der Umma, ist es immer wieder bemerkenswert, mit welchem Eifer sich Manche an Israel abarbeiten.
heinrichiv. 24.07.2013
5. Das koennte daran
Zitat von mehdihusseiniDas ist ein seltenes Phänomen. Die mehrheitlich sunnitische Bevölkerung in Palästina wird seit über 60 Jahren unterdrückt, ermordet und vertrieben. Und komischerweise ist es die schiitische Achse Iran, Syrien und Hisbollah die basierend auf der Gerechtigkeit und ihrer Ideologie Israel nicht anerkennen und jegliche wirtschaftliche Beziehungen ablehnen. Die Golfstaaten, welche sunnitisch sind, betreiben Geschäfte mit den Israelis und verraten ihre eigene Konfession. Das ist alles Paradox, aber entspricht der Realität..
liegen, dass die sunnitische Achse, bestehend aus Saudi-Arabien, Katar usw. sich im Unterschied zu den Steinzeit-Mullahs und ihren schiitischen Handlangern mit der Realiteat doch irgendwie abgefunden hat , dass man sich mit der Atommacht Israel irgendwie arrangieren muss, es auch kann und dabei sogar sein Gesicht wahren kann. Das hat irgendwas mit Anerkennung der wirklichen Machtverhaeltnisse zu tun und haelt den ungeliebten Iran auch gleichzeitig vom Leibe, was ich gut nachvollziehen kann.
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