Anschlag in Jerusalem Mehr Hass, mehr Gewalt, mehr Vergeltung, mehr Hass 

Jerusalem ist von einem der schwersten Anschläge der vergangenen Jahre erschüttert worden. Die Attentäter schlugen mitten in einem orthodoxen Viertel zu, an einem Ort des Gebets. Frieden war und ist undenkbar.

REUTERS

Von


Jerusalem - Die Kehillat Bnei Torah-Synagoge war gut besetzt, als die beiden Attentäter in das Gebäude stürmten. Etwa 30 Gläubige hatten sich gegen 7 Uhr zum Morgengebet versammelt. Die Synagoge befindet sich im Stadtteil Har Nof, in dem viele orthodoxe Juden leben. Har Nof liegt am westlichen Stadtrand von Jerusalem, in der Nähe der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem und des nationalen Militärfriedhofs. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern schien hier weit weg - bis zu diesem Dienstagmorgen.

Zwei Palästinenser aus Ostjerusalem drangen während des Gebets in das Gebäude ein. Die Männer waren nach Angaben der israelischen Polizei mit Messern, Äxten und Pistolen bewaffnet. Überlebende berichteten, dass ein Attentäter auf die Betenden einstach, während der andere Schüsse abgab. Als sie mordeten, sollen sie "Allahu Akbar", "Gott ist groß" gerufen haben.

Aufnahmen vom Tatort zeigen Bilder des Schreckens: Der Boden der Synagoge ist voller Blut, in der Lache liegt noch der Gebetsschal von einem der Opfer. "Solche Dinge haben wir bisher nur während des Holocausts gesehen", sagte einer der Helfer am Tatort. Die Attentäter töteten vier Betende und verletzten acht weitere. Ein Polizist, der als einer der Ersten am Tatort eintraf, erlag später seinen Schussverletzungen. Die beiden Angreifer wurden von Sicherheitskräften erschossen.

Hamas fordert weitere Anschläge

Der Überfall auf die Synagoge ist einer der schwersten Terroranschläge in Israel in den vergangenen Jahren. Er reiht sich in eine Kette von Angriffen, die Jerusalem in den vergangenen Wochen erschüttert haben. Im August raste ein Palästinenser mit einem Bagger in eine Menschenmenge und tötete einen Israeli. Ende Oktober schoss ein Palästinenser auf den radikalen Rabbiner Jehuda Glick und verletzte diesen schwer. Seit Anfang November überfuhren Palästinenser in Ostjerusalem mehrfach mit ihren Autos gezielt israelische Passanten.

Das Attentat in Har Nof markiert eine weitere Eskalation der Gewalt. Die Täter schlugen nicht im israelisch besetzten Ostteil der Stadt zu, sondern im Herzen von Westjerusalem. Und sie wählten eine Synagoge als Anschlagsziel - einen Ort des Gebets, dem im Koran besonderer Schutz zugesprochen wird.

Fotostrecke

9  Bilder
Israel: Terror in Jerusalem

Die Konfliktparteien in Nahost reagierten nach bekanntem Muster auf das Attentat: Die Hamas pries den Terroranschlag als heroische Tat. "Das ist eine angebrachte und zweckmäßige Antwort auf die Verbrechen der Besatzung", schrieb Hamas-Sprecher Mushir al-Masri auf Facebook. Dazu veröffentlichte er eine antisemitische Karikatur, die den Überfall auf eine Synagoge zeigt. Die Hamas rief zu weiteren Racheakten auf.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu sagte ebenfalls das, was er immer nach Anschlägen ankündigt: "Wir werden mit harter Hand auf diesen brutalen Mord an Juden reagieren", erklärte der Regierungschef. Als erste Reaktion stürmten Sicherheitskräfte die Häuser der beiden Attentäter im Ostjerusalemer Stadtteil Jabal Mukaber. Mehrere Angehörige wurden festgenommen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Israels Armee die Häuser zerstört.

Abbas verurteilt den Anschlag

Netanyahu machte den Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde Mahmoud Abbas für den Anschlag mitverantwortlich. Er habe die Palästinenser aufgestachelt. Doch in einer ersten Reaktion distanzierte sich Abbas eindeutig von dem Angriff: "Der Präsident verurteilt den Angriff auf betende Juden, und er verurteilt die Tötung von Zivilisten, ganz egal, wer dahinter steckt", teilte die Autonomiebehörde in Ramallah mit.

Doch sowohl Netanyahu als auch Abbas fällt es zusehends schwerer, die eigenen Gefolgsleute zu besänftigen. Die Palästinenser sind frustriert wegen der gescheiterten Friedensverhandlungen und wegen des anhalten Siedlungsbaus in Ostjerusalem. In Israel werden rechtsradikale Gruppen immer stärker, die ein noch rücksichtsloseres Vorgehen gegen die Araber fordern und am liebsten alle Palästinenser aus Jerusalem vertreiben würden. Schon jetzt greifen jüdische Siedler fast jeden Tag Moscheen und andere arabische Einrichtungen im Westjordanland und in Jerusalem an.

Ostjerusalem ist zum Zentrum des palästinensischen Aufbegehrens geworden. Während der zweiten Intifada schickten Hamas und Fatah ihre Selbstmordattentäter noch aus dem Westjordanland nach Israel, nun kommen die Angreifer aus Ostjerusalem. Die Attentäter leben in einem Gebiet, das Israel annektiert hat und als eigenes Staatsgebiet bezeichnet. Diese Menschen kann die Regierung nicht wie die Palästinenser im Westjordanland einfach hinter eine meterhohe Sperranlage verbannen. Wenn ein Araber aus Ostjerusalem fest entschlossen ist, ein Attentat zu verüben, ist er kaum aufzuhalten.

Anders als während der Terrorserie vor zehn Jahren kommen die Angreifer auch nicht mehr mit Sprengstoffgürteln. Die neuen Waffen sind Bagger, Autos oder Messer. Trotzdem wissen die Attentäter, das sie ihre Überfälle selbst kaum überleben werden, weil in Israel viele Sicherheitskräfte patrouillieren und auch zahlreiche Zivilisten bewaffnet sind. Die neuen palästinensischen Angreifer sind Selbstmordattentäter ohne Sprengstoff.

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.