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Wüstenoperation "Sade Jarok": Israel testet Folgen der schmutzigen Bombe

Eine sogenannte schmutzige Bombe im Besitz des IS ist Israels Albtraum: Die Explosion hätte wegen des Nuklearmaterials verheerende Folgen. In der Negev-Wüste sollen die Auswirkungen jetzt heimlich simuliert worden sein.

Israelische Nuklearanlage Dimona in der Negev-Wüste: Tests gegen die gefürchtete schmutzige Bombe Zur Großansicht
AFP

Israelische Nuklearanlage Dimona in der Negev-Wüste: Tests gegen die gefürchtete schmutzige Bombe

Die Ängste Israels bekamen erst in der vergangenen Woche neue Nahrung: "Wir werden unseren Dschihad gegen die Juden und Feinde Gottes fortsetzen, und niemand kann uns davon abhalten", hieß es in einem Schreiben von Anhängern des "Islamischen Staates" (IS). Die Scheich-Omar-Hadid-Brigade aus dem Gazastreifen hatte sich dazu bekannt, mehrere Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert zu haben.

Israel wirft IS-Sympathisanten vor, einen neuen Krieg in Nahost provozieren zu wollen. Aber noch größer ist die Sorge, dass militante Islamisten einmal in den Besitz einer sogenannten schmutzigen Bombe kommen könnten, um sie dann gegen den jüdischen Staat einzusetzen. Eine schmutzige Bombe ist ein konventioneller Sprengsatz, der radioaktives Material enthält.

Die israelische Zeitung "Haaretz" meldet jetzt exklusiv, dass Israel bereits die Auswirkungen einer solchen hochgefährlichen Waffe in der Negev-Wüste getestet habe: Seit 2010 seien mit dem Projekt "Sade Jarok" (Grüne Wiese) vier Jahre lang die möglichen Schäden eines solchen Angriffs auf Israel simuliert worden. Die Tests wurden demnach von Wissenschaftlern des Atomreaktors Dimona ausgeführt, um Methoden zur Verteidigung gegen eine schmutzige Bombe zu finden.

Insgesamt seien 20 Sprengsätze mit einem Gewicht von 250 Gramm bis 25 Kilo getestet worden, schrieb "Haaretz". Sie enthielten den Stoff Technetium-99m, der unter anderem in der medizinischen Diagnostik verwendet wird.

Starke Strahlung bei Explosion im geschlossen Raum

Nur eine Explosion sei in einem geschlossenen Raum, der Rest in der Wüste erfolgt. Das Ergebnis sei gewesen, dass die Strahlung im Zentrum der Explosion sehr stark war. Eine deutlich kleinere Strahlung verbreite sich mit dem Wind.

"Die Schlussfolgerung der Studie ist, dass die Hauptgefahr solcher (schmutziger) Bomben im Vergleich zu konventionellen Sprengsätzen der psychologische Effekt auf die Öffentlichkeit ist", hieß es in dem Bericht. Eine weitere Sorge sei, dass eine Explosion mit radioaktivem Material in einem geschlossenen Raum eine lange Absperrung und aufwendige Säuberungsaktionen zur Folge hätten.

Der damalige israelische Verteidigungsminister Mosche Jaalon hatte Iran 2013 bei einer Veranstaltung in Kanada vorgeworfen, Terroristen mit nuklearem Material für schmutzige Bomben auszustatten, die sie dann gegen Ziele im Westen einsetzen könnten.

Die Auswirkungen einer solchen Waffe wurde auch schon in einer Studie der Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey im Jahre 2006 untersucht. Vor allem die psychologischen und ökonomischen Folgen der Explosion einer schmutzigen Bombe seien verheerend. Ein Angriff auf eine Metropole wie etwa New York habe das "Potenzial, immense Panik und Verwirrung in der Öffentlichkeit zu verursachen".

In dem Papier war von einem "realistischen Szenario" die Rede, in dem eine schmutzige Bombe vor der Börse an der Wall Street explodiert. Die Menschen in Manhattan würden trotz Beteuerungen der Polizei, die radioaktive Strahlung beschränke sich auf 40 Häuserblöcke, zu fliehen versuchen - und damit den Verkehr zum Erliegen bringen. Noch sechs Monate später wäre der Finanzdistrikt weitgehend gesperrt, die New Yorker Wirtschaft am Boden und die Tourismusindustrie ebenso kollabiert wie der lokale Immobilienmarkt. Die Schäden könnten sich diesem Szenario zufolge zu rund einer Billion Dollar summieren - was bei weitem mehr wäre als die geschätzten Kosten der Terroranschläge vom 11. September 2001.

als/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
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1. Strahlendosis
Bernd.Brincken 08.06.2015
Schön, dass man nach langen Studien zu dem schon bekannten Schluss kam, dass eine "schmutzige Bombe" bisher vor allem die Sicherheitsdienste und ggf. via Medien eine nur oberflächlich informierte Öffentlichkeit faszinierte. Auch Schäuble war ja als Innenminister von der Idee ganz angetan. In der Realität aber würde gerade durch die Explosion das strahlende Material so breit verteilt, dass die Strahlenwirkung auf jeden einzelnen Menschen vernachlässigbar wird. Das haben wohl auch die Terroristen begriffen...
2. Hört sich an wie eine Einladung an ISIS
NETSUBJEKT 08.06.2015
Warum veröffentlicht Israel die Folgen für eine Situation wie Wallstreet? Jede üble Aktion von Terroristen macht die wahren Väter des Terrors - die mächtigen der westlichen Welt - noch mächtiger. Weil sie sich dann alles erlauben können, gegenüber den Bürgern der restlichen Welt. Zu deren Sicherheit, versteht sich. Diese öffentlichen Angstszenarien sollten verboten werden. Es sterben jede Woche mehr Radfahrer in den Städten als Unschuldige durch Terror
3.
säkularist 08.06.2015
nun ja, dann würde ich eigentlich erwarten, dass Israel und die USA sich konsequent gegen alle IS- und sonstige Djihadisten-Unterstützer Staaten wendet, also die Golf-Staaten und die Türkei. Da diese Staaten aber explizit unter dem Schutz der USA stehen, denke ich, dass das nur blabla ist.
4. Schmutzige Bombe ist Bulls41t
Mario V. 08.06.2015
Denn der am stärksten Betroffene ist der, der das Material sammelt, die Bombe baut und "ausliefert", weil er während der ganzen Vorbereitungen der Strahlung ausgesetzt ist. Die Wirkung steht in keinem Verhältnis zum Aufwand, verglichen mit herkömmlichen Sprengsätzen.
5.
Atheist_Crusader 08.06.2015
Zitat von Mario V.Denn der am stärksten Betroffene ist der, der das Material sammelt, die Bombe baut und "ausliefert", weil er während der ganzen Vorbereitungen der Strahlung ausgesetzt ist. Die Wirkung steht in keinem Verhältnis zum Aufwand, verglichen mit herkömmlichen Sprengsätzen.
Nicht von der militärischen Wirkung, wohl aber von der moralischen. Und Sie glauben doch nicht, dass Menschen die Ungläubige exekutieren und sich Bombenrucksäcke umschnallen allzu viel Wert auf ihr eigenes Leben legen, oder?
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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
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