Suche nach verschleppten Jugendlichen Tote bei israelischer Militäroperation im Westjordanland

Es ist Israels größter Militäreinsatz im Westjordanland seit zwölf Jahren: Tausende Soldaten suchen drei entführte Jugendliche. Fünf Palästinenser wurden getötet, mehr als 300 festgenommen.


Tel Aviv/Ramallah - Die Suche nach drei verschleppten Jugendlichen hat sich zur größten israelischen Militäroperation im Westjordanland seit 2002 entwickelt. Dabei sind an diesem Sonntag zwei weitere Palästinenser ums Leben gekommen.

In Nablus sei ein Palästinenser erschossen worden, als er zum Morgengebet in die Moschee gehen wollte, berichtete die palästinensische Nachrichtenagentur "Maan". Die israelische Armee teilte mit, der Mann habe sich den Truppen "auf bedrohliche Weise" genähert und nicht auf Warnschüsse reagiert. Eine erste Untersuchung habe ergeben, dass der 36-Jährige psychisch instabil gewesen sei, so das Militär weiter.

Ein 30-jähriger Palästinenser wurde in Ramallah getötet. Der Mann habe auf einem Hausdach gestanden, als ihn eine Kugel am Kopf traf. Nach Angaben von "Maan" ergab eine Autopsie, dass er mit einem Schnellfeuergewahr getötet wurde, wie es von der israelischen Armee eingesetzt wird.

Netanjahu will Beweise gegen Hamas vorlegen

Seit Beginn der Militäroffensive "Brother's Keeper" vor mehr als einer Woche sind damit im Westjordanland fünf Palästinenser ums Leben gekommen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollte die Todesfälle weder verurteilen noch bedauern. "Gelegentlich gibt es Tote oder Verletzte auf palästinensischer Seite als Ergebnis der Selbstverteidigung unserer Sicherheitskräfte", sagte der Regierungschef.

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Israels Operation "Brother's Keeper": Suche nach Gilad, Naftali und Eyal
Seit dem 12. Juni waren die drei Religionsschüler Gilad Shaer, Naftali Frankel und Eyal Yifrah vermisst. Offenbar wurden die Jugendlichen entführt, als sie im Westjordanland von ihrer Talmudschule in ihre jüdische Siedlung trampen wollten. Die israelische Armee hat seither nach eigenen Angaben mehr als 340 Palästinenser festgenommen - unter ihnen sind 260 Hamas-Mitglieder.

Bislang hat sich niemand zu der Verschleppung bekannt, doch Netanjahu macht die Hamas für die Entführung verantwortlich. Dafür gebe es Beweise, die seine Regierung auch schon mehreren anderen Staaten vorgelegt habe. In den kommenden Tagen sollten diese Beweise auch der Weltöffentlichkeit vorgelegt werden, kündigte der Premier an.

Abbas kritisiert Israels Vorgehen

Neben der Suche nach den Jugendlichen will Netanjahu die Gelegenheit zu einem entschlossenen Schlag gegen die Hamas nutzen. In den vergangenen Tagen stürmten Sicherheitskräfte zahlreiche Einrichtungen, die zum Umfeld der Organisation gehören - etwa Moscheen, soziale Einrichtungen, Zeitungen und Radiosender. Die Bewegungsfreiheit vieler Palästinenser wurde in den vergangenen Tagen noch weiter eingeschränkt. Die israelische Armee hat besonders das Gebiet rund um Hebron weitgehend abgeriegelt.

Am Wochenende stürmte die israelische Armee ein Haus in Ramallah, in dem mehrere Journalisten ihre Büros haben. Dabei verwüsteten die Sicherheitskräfte auch das Studio des arabischen Dienstes von Russia Today.

Der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, verurteilte das militärische Vorgehen Israels: "Ich habe gesagt, dass die Entführung ein Verbrechen ist, aber rechtfertigt dies das kaltblütige Töten von palästinensischen Jugendlichen?", fragte Abbas im Gespräch mit der israelischen Zeitung "Haaretz".

Abbas forderte, Netanjahu müsse seinerseits die Gewalt und die Zerstörungen bei Razzien der Armee im Westjordanland verurteilen. "Was soll ich den Familien der getöteten palästinensischen Jugendlichen sagen?"

syd/dpa/AFP



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