Israel und Gazastreifen Ein Attentat und hundert Scharfschützen

Am Gazastreifen herrscht Anspannung: Bewaffnete Palästinenser haben diese Woche die Grenzanlage nach Israel überwunden, am Wochenende soll es Massenproteste geben. Israel stockt seine Truppen auf.

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Nur wer wirklich muss, verirrt sich nach Tze'elim. Der Kibbutz liegt im Süden Israels, in der Negevwüste, einige Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Trotzdem kennt den kleinen Ort fast jeder Israeli. Denn direkt daneben befindet sich ein riesiges Trainingsgelände der Armee - eine nachgebaute arabische Stadt mit Moschee, Friedhof und Wohngebäuden.

In "Baladija", wie das rund 19 Quadratkilometer große Areal genannt wird, trainieren israelische Soldaten den Straßen- und Häuserkampf, oft auch mit verbündeten Streitkräften. Vor rund 14 Tagen erst gab es eine gemeinsame Übung mit dem US-Militär.

Mitte dieser Woche gelang es nun drei mit Messern und Granaten bewaffneten Palästinensern, die hermetische Grenzanlage des nahen Gazastreifens unentdeckt zu überwinden. Sie wurden erst nahe Tze'elim von israelischen Sicherheitskräften entdeckt und festgenommen.

"Baladija"
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"Baladija"

Es war das fünfte Mal in den zurückliegenden sechs Tagen, das Palästinenser an oder hinter der Grenzanlage festgenommen wurden. Es kam außerdem immer wieder zu Schusswechseln im Grenzgebiet. Die Lage am Gazastreifen ist angespannt. Am Wochenende beginnt das jüdische Pessachfest.

Proteste an der Grenze

Die Gefahr, dass der israelisch-palästinensische Konflikt am Gazastreifen wieder aufflammt, ist dieser Tage besonders groß. Am Freitag findet in der Mittelmeerenklave ein sogenannter "Marsch der Rückkehr" statt. Tausende Palästinenser, darunter Frauen und Kinder, sollen an dem Massenprotest teilnehmen - und auf die Grenze zulaufen.

Auch acht Zeltlager sollen nach Angaben der im Gazastreifen herrschenden Hamas in Grenznähe errichtet werden. Die Protestaktion soll bis zum 15. Mai dauern - einen Tag zuvor wird Israel den 70. Jahrestag seiner Gründung feiern, der für die Palästinenser die "Nakba" ist, auf Deutsch: Katastrophe. An diesem Tag sollen die US-Diplomaten zudem von Tel Aviv in ihre neue und umstrittene Botschaft in Jerusalem umziehen.

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Jerusalem: Ewiger Streit um die Heilige Stadt

Israels Generalstabschef Gadi Eizenkot hat seine am Gazastreifen stationierten Truppen in dieser Woche mehrmals besucht. In einem Interview mit der Zeitung "Jediot Achronot" sagte er, es seien zusätzlich zu den bereits vor Ort stationierten Truppen mehr als hundert Scharfschützen an die Grenze beordert worden.

Abbas macht Hamas für Attentat verantwortlich

Angesichts der katastrophalen Lage im syrischen Ost-Ghuta und dem Kampf um die Kurdenenklave Afrin ist der Nahostkonflikt in den vergangenen Monaten fast in Vergessenheit geraten. Aber vor allem im Gazastreifen ist die Lage prekär, die Schwelle der Unbewohnbarkeit ist nach Uno-Angaben bereits überschritten.

Dafür verantwortlich sind nicht allein Israel oder Ägypten, die den Küstenstreifen blockieren. Mit dazu beigetragen hat auch der innerpalästinensische Konflikt zwischen der Hamas und der Fatah von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Der im Westjordanland herrschende 83-Jährige hält an zahlreiche Sanktionen gegen die Hamas fest. Die Folge: Die medizinische Versorgung im Gazastreifen ist katastrophal, Strom gibt es nur wenige Stunden am Tag und selbst sauberes Wasser fehlt.

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Gazakonflikt: Die Nervosität steigt

Eigentlich hatten beide Seiten im Oktober vergangenen Jahres ihren jahrelangen Bruderkrieg für beendet erklärt, doch das ist längst Geschichte. Mitte März entging der palästinensische Fatah-Regierungschef Rami Hamdallah bei einem Besuch im Gazastreifen nur knapp einem Attentat.

Bei der Explosion nahe seinem Autokonvoi wurden sieben Menschen verletzt. Abbas machte dafür die Hamas verantwortlich. Am Wochenende will der palästinensische Geheimdienstchef Madschid Faradsch der ägyptischen Regierung in Kairo Beweise für diese Anschuldigung präsentieren. Faradsch ist auch in eigener Sache unterwegs: Er gehörte zum Tross von Hamdallah.

Teurer Fehlalarm

Die Hamas weist jede Verantwortung für den fehlgeschlagenen Anschlag zurück. Nach eigenen Angaben hat sie mittlerweile den Hauptverdächtigen sogar festgenommen. Feststeht allein: Bislang ist der Konflikt mit Israel häufig dann akuter und gefährlicher geworden, wenn im Gazastreifen die Lage akuter und gefährlicher wurde.

Ein solcher Moment war am vergangenen Sonntagabend: Israel schoss fast 20 radargesteuerte Abfangraketen seines Hightechs-Systems "Iron Dome" ab. Der Raketenalarm im Süden des Landes wurde aktiviert, Tausende Israelis rannten in ihre Bunker. Später stellte sich raus - Fehlalarm.

Das Militär hatte Maschinengewehrschüsse aus dem Gazastreifen für Raketenangriffe gehalten - ein Beleg für die wachsende Nervosität. Und ein teurer Zwischenfall: Eine israelische "Iron Dome"-Rakete kostet umgerechnet rund 50.000 Dollar.

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