Israel und die Uno Eine vergiftete Beziehung

Tödliche Bomben auf vier Uno-Beobachter rufen in Israel kaum Entsetzen hervor. Insgeheim gibt mancher gar der Uno die Schuld, da sie die Hisbollah zu zahm behandelt habe. Keine guten Vorzeichen für eine mögliche neue Friedenstruppe.

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Jerusalem/Beirut - Den Nachrichtenwert erkennt man an der Platzierung in den Zeitungen. Am Donnerstag gab es in Israel vorne in den Blättern nur ein Thema: Krieg im Norden. In diesem Fall war es der bisher schlimmste Tag für die Armee, die beim Angriff auf ein Dorf acht Soldaten verlor. Langsam setzt sich selbst in den konservativen Zeitungen die Erkenntnis durch, etwas laufe falsch im Krieg gegen die Hisbollah.

Israel und Uno: Gespanntes Verhältnis
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Israel und Uno: Gespanntes Verhältnis

Eine andere Nachricht schaffte es in keiner israelischen Zeitung auf die Frontseite. Ziemlich weit hinten, ziemlich nachrichtlich notierten die Blätter, bei einem Bombardement im Südlibanon habe es vier tote Uno-Beobachter gegeben: Premierminister Ehud Olmert habe sich entschuldigt. Kofi Annan sei kritisiert worden, da er von einem absichtlichen Angriff sprach. Ermittlungen liefen - das war's.

Der Beschuss, in den meisten europäischen Ländern als Skandal bewertet, kommentiert und oben auf den Titelseiten platziert, wird in Israel als nicht so wichtig bewertet. Ob der Angriff auf die Blauhelme fahrlässig war oder nicht - Fehler passieren nun mal, so lautet eine der Erklärungen für den Angriff, der offiziell "Vorfall" genannt wird.

Stellungnahmen sind rar. Die Armee teilte mit, man untersuche den "Vorgang". Zugegeben hat sie, dass in der Region um das Uno-Camp Angriffe geflogen worden seien. Aus der Politik ziehen sich alle hinter die Entschuldigung des Premiers zurück. Intern tuschelt man gern, die Uno sei selbst schuld. Schließlich habe sie es zugelassen, dass sich Hisbollah-Stellungen sehr nah an ihren Basen eingerichtet haben sollen.

Beweise für diese Theorie gibt es bisher keine. Milos Strugar sagte für die Uno-Truppe im Libanon (Unifil) in Beirut, es gebe bisher keine Anzeichen für Hisbollah-Aktivitäten nahe dem Camp. In der Vergangenheit sei es "gelegentlich" zu militärischen Aktivitäten in der Nachbarschaft gekommen. Eine objektive und vollständige Untersuchung sei zwingend - sowohl von der Uno als von den Israelis. Der Sprecher unterstrich, dass die Basis die Israelis mehrfach auf ihre Gefährdung aufmerksam gemacht habe.

Bei der Untersuchung des Vorfalls dürfte eine lange e-Mail von einem der Uno-Soldaten interessant werden. In dem Schreiben, dass der nun bei dem Angriff getötete Major Hess-von Kruedener am 18. Juli an einen kanadischen Fernsehsender schickte, berichtete der der Soldat, dass es überall im Gebiet um den Stützpunkt befestigte Hisbollah-Stellungen gebe, von denen Raketen gen Israel gefeuert würden.

Am Ende der E-Mail wurde der Soldat recht deutlich: Mehrmals sei der Posten schon jetzt fast von Artillerie und israelischen Bomben getroffen worden. Kritik jedoch erhob er nicht. "Dies waren keine absichtlichen Treffer, sie waren alle durch taktische Notwendigkeiten gedeckt", so die E-Mail ganz am Ende.

Es kümmert Israel einfach nicht"

Timur Goksel, über 20 Jahre Berater der Unifil im Südlibanon, bezweifelt die israelische These trotzdem. Seiner Erfahrung nach operiere die Hisbollah nicht nahe den Unifil-Camps. "Die Miliz hat kein Interesse daran, beobachtet zu werden", so der Experte. Die Unifil melde jede Bewegung. Die Hisbollah laufe so Gefahr, dass Israel von möglichen Operationen erfahre. "Wenn die Hisbollah von den Blauhelmen entdeckt wird, bricht sie ihre Mission sofort ab", so Goksel.

Goksel weist darauf hin, dass Angriffe der israelischen Armee (IDF) für die Unifil eine traurige Routine seien. "Israel tut das nicht vorsätzlich oder absichtlich, es kümmert sie einfach nicht", sagt der ehemalige Berater der Truppe. Piloten und Panzerschützen wüssten, dass sie nicht bestraft würden, sollten sie die Unifil treffen. "Die IDF macht ihre eigene Politik, und das schließt die Außenpolitik mit ein", sagt er.

Das Desinteresse am Tod der Beobachter illustriert auch eine generelle Haltung in Israel zur Uno. Seit vielen Jahren hat sich eine vergiftete Beziehung voller Vorurteile entwickelt. Die Uno gilt als schwacher Partner, wenn es darum geht, Israel zu helfen. Stark, ja ungerecht jedoch empfinden die meisten Israelis mahnende Worte aus New York, wenn es um das eigene Verhalten geht.

Ist die Uno Schuld an der neuen Krise?

Am Mittwochabend schlug dem Uno-Flüchtlingsbeauftragte Jan Egeland diese Stimmung entgegen. Eigentlich wollte er berichten, was er im Krisengebiet gesehen hatte und zum Waffenstillstand aufrufen. Umgehend jedoch wurde er von israelischen Journalisten gefragt, ob die Uno nicht Schuld sei an der neuen Krise. Schließlich habe sie doch bei der Entwaffnung der Hisbollah versagt. Egeland wusste keine Antwort.

Allein die Rolle der Unifil-Mission im Süden Libanons ist oft genug ein Lieblings-Beweis für die Schwäche der Uno. Ihre heute nur noch rund 2000 Mann starke Truppe ist unbewaffnet zum Zuschauen verdammt, ihr Mandat sieht mehr nicht vor. Zu Beginn sollten die Blauhelme - da waren es noch 7000 Soldaten - den israelischen Abmarsch beobachten. Damit sollte gleichzeitig die libanesische Regierung gestützt werden.

Passiert ist das Gegenteil. Im Handumdrehen übernahm die Hisbollah den Süden. Die Uno sah mangels eines robusten Mandats zu und machte in manchen Fällen gar ihren Frieden mit den Umtrieben der Milizen. Bestes Beispiel dafür scheint die Entführung dreier israelischer Soldaten vor drei Jahren. Damals entpuppten sich die Uno-Soldaten als Beobachter, sie filmten das Kidnapping, unternahmen aber nichts.

Geschichte voller Vorwürfe

Die Geschichte der Vorwürfe gegen die Weltgemeinschaft ist viel länger. Eigentlich gibt es überhaupt nur eine positive Erfahrung mit der Uno, und die liegt lange zurück. Damals, es war der 29. November 1947, verabschiedete die Uno die Resolution mit der Nummer 181. Inhalt war, Palästina in einen jüdischen und einen arabischen Staat zu teilen. Es war die Geburtsstunde Israels.

Seitdem jedoch wurde Israel regelmäßig von der Vollversammlung verurteilt. Die schwerste Fehlentscheidung fiel im Mai 1967. Nachdem Ägyptens Präsident Nasser ein Ende der Uno-Mission auf dem Sinai gefordert hatte, zog der Uno-Generalsekretär Sithu U-Thant die Blauhelme ab – ohne den Sicherheitsrat zu konsultieren. Nasser verschärfte seinen Kriegston gegenüber Israel, blockierte die Straße von Tiran im Roten Meer, den einzigen Zugang zum israelischen Hafen Eilat. Am 5. Juni 1967 reagierte Jerusalem mit einem Präventivschlag. Es herrschte Krieg. Wieder einmal.

In den Jahrzehnten danach verabschiedete die Generalversammlung oft Resolutionen, die Israel als direkten Angriff auf seine Existenz interpretierte. So erhielt die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO im November 1974 einen Beobachterstatus, obwohl ihre Charta zur Gründung eines palästinensischen Staates vom Jordan bis zum Mittelmeer aufrief. Im November 1975 nannte die Resolution 3379 den Zionismus „eine Form von Rassismus“.

Selbst den israelisch-ägyptischen Friedensvertrag von Camp David im Jahre 1978 lehnte die Uno-Vollversammlung mit großer Mehrheit ab. Immer wieder wurde Israel für sein Vorgehen gegen Extremisten gemaßregelt und empfand diese Hinweise - auch wenn sie berechtigt waren - als vollkommen unpassend.

Verhandlungen nur bei robustem Auftrag

All das führte in Israel zu einer offenen Arroganz gegenüber der Uno. Der Weltgemeinschaft traut man nicht zu, Konflikte zu lösen, fühlt sich durch das Libanon-Beispiel nur bestätigt. Die jüngste Reaktion auf den Tod der Uno-Beobachter ebnet nicht gerade den Weg hin zu einer Friedenstruppe. Klar ist, dass diese von der Uno mit einem Mandat ausgestattet werden müsste. Ebenso klar ist auch, dass Israel nur dann mit der Uno verhandeln würde, sollte diese einen robusten Auftrag - wohlgemerkt nur gegen die Hisbollah - beschließen.

Wenn überhaupt, so zumindest deutet es sich nach den zaghaften Aussagen aus der israelischen Politik an, würde Jerusalem einer Truppe unter Nato-Führung zustimmen. Diese müsste deutliche Rechte haben - auch die Möglichkeit, selbst zu den Waffen greifen zu dürfen, um Angriffe auf Israel zu verhindern. Allein die Frage, welche Nato-Länder in eine solche Mission gehen würden, ist einer der großen Stolpersteine bei den weiteren diplomatischen Bemühungen.

Vor allem aber dürfte die Hisbollah, die nicht einen Funken Verhandlungsbereitschaft erkennen lässt, die Idee geradezu absurd finden. Für sie würde die Nato-Mission, selbst wenn sich die USA nicht direkt beteiligen, zwangsläufig wie der lange Arm des Feinds aus Washington im eigenen Gebiet aussehen. Auch der Libanon, der erst im vergangenen Jahr die syrische Besatzung abschütteln konnte, braucht noch eine Menge Zeit, um sich an die Idee einer neuen ausländischen Militärpräsenz zu gewöhnen.



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