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Bericht des Mossad: Netanyahu bauschte Gefahr des iranischen Atomprogramms auf

Israels Premier Netanyahu 2012: "Es ist meine Pflicht, die Wahrheit auszusprechen" Zur Großansicht
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Israels Premier Netanyahu 2012: "Es ist meine Pflicht, die Wahrheit auszusprechen"

Mitten in seiner Rede zog er eine Cartoon-Bombe hervor: Es war ein denkwürdiger Auftritt, mit dem Israels Premier Netanyahu 2012 vor einer Atommacht Iran warnte. Nun berichtet der "Guardian": Der israelische Geheimdienst sah damals gar keine Bedrohung.

Tel Aviv - Es war eine Szene mit hohem Symbolwert - dramatisch, einprägsam, unvergesslich. Während einer Rede vor der Uno-Vollversammlung zauberte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu 2012 ein Plakat mit den Umrissen einer Bombe hervor und markierte mit einem fetten Filzstift die sprichwörtliche "rote Linie", ab der die Produktion einer Atombombe in Iran nicht mehr zu stoppen sei und Israel militärisch eingreifen müsse: Spätestens im Sommer 2013 sei es soweit.

Nun berichten die britische Zeitung "Guardian" und der Fernsehsender Al Jazeera: Der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad hat wenige Wochen nach Netanyahus Rede in einem Bericht seiner Einschätzung widersprochen.

Der Mossad-Bericht sei Ende Oktober 2012 an den südafrikanischen Geheimdienst geschickt worden, so der "Guardian". Darin stehe, dass Iran "nicht bereit scheint, Uran auf ein ausreichendes Niveau anzureichern, um Atombomben zu bauen".

Die Enthüllung kommt wenige Tage vor Netanyahus Auftritt vor dem US-Kongress, wo er zu der Bedrohung durch das iranische Atomprogramm sprechen will. Die oppositionellen US-Republikaner hatten Netanyahu zum Ärger von US-Präsident Barack Obama zu der Rede am 3. März vor beiden Kammern des Kongresses eingeladen.

Er wolle die Gelegenheit nutzen, die Verhandlungen der fünf Uno-Vetomächte und Deutschlands mit Iran zu kritisieren, heißt es. Am liebsten wolle er den ganzen Prozess - und damit Obamas außenpolitisches Prestigeprojekt - zum Entgleisen bringen. Auch die meisten US-Republikaner sind gegen eine Annäherung an Iran.

Den Israeli im Alleingang zu der Rede einzuladen, ist eine öffentliche Brüskierung Obamas durch den republikanischen Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, John Boehner. Dass Netanyahu es als ausländischer Regierungschef wagt, Politiker in Washington gegeneinander aufzubringen, gilt als diplomatischer Gau.

Obama weigert sich, Netanyahu zu treffen. Vizepräsident Joe Biden steht nicht als Ersatz zur Verfügung, weil er - auffällig spontan geplant - nach Uruguay und Guatemala reist. Und auch Außenminister John Kerry werde sicher im Ausland weilen, sagt seine Sprecherin nebulös.

US-Kommentatoren sprechen bereits vom endgültigen Bruch zwischen Obama und Netanyahu. Das ist gravierend, bezeichnen sich beide Länder doch gegenseitig als engste Verbündete.

Umso schwerer wiegt ein Vorwurf, den ein meist gut informierter Autor der "Washington Post" erhob: Netanyahu soll geheime Bestandteile eines möglichen Abkommens des Westens mit Iran an die israelische Presse weitergegeben und bewusst auch Fehlinformationen gestreut haben. Das Weiße Haus habe daraufhin den Informationsaustausch mit Israel über die Verhandlungen gestoppt.

Netanyahu selbst betont, keineswegs eine Konfrontation mit dem US-Präsidenten zu suchen. Ziel seiner Ansprache sei es vielmehr, vor den großen Gefahren eines "schlechten Abkommens" bei den Atomverhandlungen zu warnen.

Der Vorschlag, der Teheran gegenwärtig vorliege, sei "sehr gefährlich für Israel und gefährlich für die Region und den Weltfrieden". Aus Netanyahus Sicht würde der Vorschlag es Teheran ermöglichen, binnen kurzer Zeit eine erste Atombombe zu bauen. "Und er würde es dem Iran erlauben, die industrielle Basis zur Urananreicherung aufzubauen, die als Treibstoff für viele weitere Bomben in den kommenden Jahren dienen kann". Es sei seine "heilige Pflicht" als israelischer Ministerpräsident, mit seiner Rede gegenzusteuern.

vet/AFP/dpa

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1.
teilzeitmutti 24.02.2015
Und wen wundert das jetzt?
2.
lupenreinerdemokrat 24.02.2015
Das überrascht nicht wirklich, dass die angebliche Gefahr eines iranischen Atomprogramms keine war. Nachdem zur Zeit andere Prioritäten gesetzt sind, in welche Richtung sich der westliche Hass richtet (Putin), kann Netanjahu auch getrost zugeben, dass es ein kleines Scherzle war, denn zur Zeit würde seine Wirkung eh verpuffen. In ein, zwei Jahren werden wir auch zu lesen bekommen, dass die angebliche "russische Aggression" nur eine aufgebauschte Blödelei war. Die Profiteure der Sanktionen und Waffenverkäufe haben ihr Ziel erreicht, von daher kann man dann auch salamitaktischerweise mit der Wahrheit rausrücken. MH17 wird auch noch spannend (hier wird es voraussichtlich nie eine Aufklärung geben) und die Scharfschützen der Maydan-Toten....
3. Das erinnert doch sehr
missbrauchtewähler 24.02.2015
an George Bush jr. und die Begründung seines Irakkriegs. Wenn man sieht, wie hier ein Kartenhaus nach dem Anderen zusammenfällt, wird einem nur noch schlecht, angesichts dessen, was den Menschen im nahen Osten angetan wird.
4. heilige Pflicht
jamguy 24.02.2015
Ich verstehe das alles total ,da aus dem Iran in dem Prozess die Wichtigkeit Israels Vernichtung verkündet wurde.
5. Wahlkampfrede
Beat Adler 24.02.2015
Netanjahu haelt in den USA eine Wahlkampfrede, die an seine Anhaenger zu Hause gerichtet ist. Allerdings braucht er oder sein Nachfolger die volle Unterstuetzung der USA nicht "nur" der Republikaner. Die juedische Diaspora in den USA neigt eh eher zu den Demokraten und der naechste Praesident, Praesidentin der USA ist wiederum ein/e Demokrat/in. israel kann den IS nicht alleine bekaempfen. Eine Herausforderung, die mindestens ebenso gross ist, wie die Unterstuetzung aller Shiiten, wo immer sie sind, durch den supreme leader Ayatollah Khamenei in Teheran. Die beiden Nachbarlaender Israels mit Friedensabkommen, Aegypten und Jordanien, sind unbedingt auf die Unterstuetzung durch die USA im Kampf gegen den IS angewiesen. Auch das ist ein absolutes Muss-Sein fuer Israel. Netanjahu sollte in den USA dafuer sorgen, dass die Gesamt-USA Israel weiterhin unterstuetzen, und nicht das Spiel Republikaner gegen Obama mitspielen.
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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
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Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
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Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
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Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
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Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
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Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.
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