Israel und Iran Der Point of no Return rückt näher

Wie wird Israel angesichts der iranischen Drohungen reagieren? Bisher setzt die Staatsführung auf internationale Kooperation gegen Teheran. Doch die Uhr tickt - in der Region droht ein Szenario des nuklearen Schreckens.

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Jerusalem - Die israelischen Geheimdienste schlagen Alarm: In den unterirdischen Anlagen des Gottesstaates Iran werden Raketen mit nuklearen Sprengköpfen zum Abschuss auf Tel Aviv bereit gemacht. Innerhalb der nächsten 48 Stunden sei ein iranischer Angriff auf Israel zu erwarten. Der israelische Regierungschef handelt schnell und kaltblütig. Er setzt auf die Karte des atomaren Zweitschlags und lässt sowohl die atomar bestückten "Jericho"-Raketen als auch die "Dolphin"-Unterseeboote in Bereitschaft versetzen.

Dieses Grusel-Szenario existierte bisher bloß in der Phantasie des Autors Schabtai Schoval, der in seinem Roman "Ich, der Auserwählte" vor einigen Jahren die Folgen eines nuklearen Angriffs auf sein Land in Romanform beschrieb. Doch Schovals Plot fürs Jahr 2009 könnte bald von der Wirklichkeit überholt werden. Iran lässt sich von den internationalen Protesten gegen seine nukleare Aufrüstung nicht beeindrucken. Und mit einer Verbesserung der Mittelstreckenrakete "Schahab 3" wird er in absehbarer Zeit in der Lage sein, Tel Aviv zu erreichen.

Iranische Soldaten bei Militärparade: Kohorten der Mullahs gegen Israel
AP

Iranische Soldaten bei Militärparade: Kohorten der Mullahs gegen Israel

Israel werde sich mit mit der Existenz eines nuklearen Iran nicht abfinden, warnt der amtierende Premier Ehud Olmert. Generalstabschef Dan Halutz spricht von einer "existentiellen Bedrohung" des Landes. Mit solch scharfen Worten hoffen Politiker und Generäle in erster Linie, den Westen gegen Iran zu mobilisieren. Gleichzeitig wird Teheran von Jerusalem einmal mehr zum Schurkenstaat abgestempelt, der den internationalen Terror unterstützt. Der israelische Verteidigungsminister Schaul Mofas macht deshalb Iran und Syrien für den jüngsten palästinensischen Selbstmordanschlag in Tel Aviv verantwortlich. "Das Attentat wurde von Teheran finanziert, von Syrien geplant und von den Palästinensern ausgeführt", zitiert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums Mofas. Um die nukleare Aufrüstung Irans zu stoppen, setzt Israel auf eine internationale Koalition. Der Atomstreit soll vor dem Uno-Sicherheitsrat landen und der Sicherheitsrat dann Sanktionen gegen Iran beschließen.

Militärschläge können Iran wahrscheinlich nicht stoppen

In Jerusalem ist man zwar skeptisch, ob sich der Sicherheitsrat zu Sanktionen durchringen kann. Dennoch haben israelische Diplomaten ein ganzes Paket von Sanktionen vorbereitet, welche die Ajatollahs treffen sollen. Zum Arsenal müssten laut israelischer Vorstellung der Boykott iranischer Ölexporte, ein Kooperationsstopp der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) mit Teheran und Landerestriktionen für Flugzeuge der Iran Air gehören. Auch ein Schlag gegen das sportliche Image müsse erwogen werden: Das iranische Team solle für die Fußball-WM in Deutschland gesperrt werden.

Offiziell wird es kein israelischer Sprecher zugeben: Aber die Mehrheit der Experten sei der Meinung, dass Israel keine militärische Option gegen die iranische Bombe hat, sagt "Haaretz"-Journalist Yossi Melman. Israel konnte zwar im Jahr 1981 den irakischen Atomreaktor "Osiris" mit einem Angriff zerstören. Doch die Iraner haben aus den Fehlern von Saddam Hussein gelernt. Ihre Atomanlagen sind nicht nur übers ganze Land verteilt, sondern teils auch in unterirdischen Anlagen abgesichert. "Jeder Versuch, das iranische Nuklearprogramm zu zerstören, würde eine große Zahl von Angriffen auf viele Ziele nötig machen", sagt der israelische Sicherheitsexperte Schlomo Brom. Das überfordere die Kapazitäten der israelischen Luftwaffe. Diese könne zwar Ziele in Iran erreichen, sei aber nicht in der Lage, über mehrere Tage massive Angriffe durchzuführen, erklärt der israelische Experte Reuven Pedatzur. Israels Kampfjets könnten höchstens einmal hin und zurück fliegen.

Doch selbst wenn die Luftwaffe besser ausgerüstet wäre, würden Militärschläge nicht zum Erfolg führen. Es gäbe nämlich zu wenig präzise Informationen über die Standorte der Anlagen, so Pedatzur. Zudem sei noch kein schlagender Beweis, keine "smoking gun", gefunden worden. Nicht zu unterschätzen sei auch die Gefahr, dass Teheran über seinen Statthalter im Libanon, die Hisbollah-Milizen, zurückschlägt. Die von Iran finanzierte Schiiten-Armee verfügt über Raketen, welche Haifa treffen könnten. Dieses Risiko wird heute als bedeutend gravierender eingeschätzt als die Gefahr eines iranischen Atomangriffs.

Kein israelischer Alleingang

Weil ein Alleingang auf erhebliche Schwierigkeiten stieße, will die israelische Diplomatie vorerst den Westen (und vor allem die USA) überzeugen, dass die iranische A-Bombe nicht nur Israel, sondern auch Europa bedroht. Ein militärischer Angriff, so die Überzeugung israelischer Politiker, müsste deshalb von den USA ausgeführt werden. Israel ist höchstens in der Lage, mit gezielten Einzelaktionen die iranischen Atompläne zu verzögern. Schoval, der früher für den israelischen Geheimdienst gearbeitet hat, denkt deshalb laut über verdeckte Sabotage-Operationen des Mossad in Iran nach, mit denen der Zeitplan der iranischen Atomstrategen durcheinandergebracht werden soll. So wird in Tel Aviv bereits darüber spekuliert, ob der Mossad hinter dem Absturz eines iranischen Flugzeugs steht, bei dem Mitte Januar General Achmad Kazemi, der Leiter der iranischen Revolutionsgarden und Luftwaffenchef, zusammen mit hohen Offizieren ums Leben kam. Selbst wenn die Mossad-These abenteuerlich anmutet, kann als sicher gelten, dass Israel im Atomstreit mit Iran einen wichtigen Sieg in der Verzögerungsstrategie verbuchen kann. Kazemi war verantwortlich für Produktion und Entwicklung der iranischen Schihab-Raketen. Noch sind sich die westlichen Geheimdienste uneinig, wann die Mullahs die A-Bombe zu ihrem Arsenal zählen können. In wenigen Monaten werde es so weit sein, behaupten die einen, es wird noch viele Jahre dauern, widersprechen andere.

Es drohen neue Spielregeln im Nahen Osten

Ein Studium der geheimdienstlichen Linguistik bringt Klärung in die widersprüchlichen Angaben. Für Israels militärischen Geheimdienst ist der "point of no return" entscheidend, und der könnte bereits in wenigen Monaten erreicht sein. Dann wird Iran in der Lage sein, genügend spaltbares Material für den Bau von Atomwaffen zu produzieren. Für andere Experten ist aber die Frage relevant, wann das Land technisch in der Lage sein wird, die A-Bombe zu bauen. Das werde noch zwei Jahre dauern, meinen israelische Iran-Spezialisten. Dabei unterstellen sie aber die unrealistische Annahme, dass das iranische Atomprojekt bis ins Jahr 2008 mit keinerlei Problemen konfrontiert sein wird. Bereits kleine Pannen können aber zu erheblichen Verzögerungen führen.

Viele Experten richten sich deshalb nicht nach dem theoretisch kürzest möglichen Zeitpunkt. Das Londoner International Institute for Strategic Studies (IISS), das von fünf Jahren spricht, berücksichtigt eine Reihe von technischen Hindernissen, die zu überwinden sind, um genug waffenfähiges Nuklearmaterial herzustellen. Amerikanische Geheimdienstfachleute halten in ihrem Lagebericht National Intelligence Estimate (NIE) angesichts der noch zu erwartenden Schwierigkeiten allerdings auch diesen Termin für unrealistisch. Sie nehmen an, dass Iran nicht vor dem Jahr 2015 über die A-Bombe verfügen werde.

Aus Risikoüberlegungen betrachten Israels Politiker den frühestmöglichen Zeitpunkt für relevant, auch wenn er kaum realistisch ist. Bereits die Tatsache, dass Iran eines Tages zur Atommacht aufrücken könnte, sorgt nämlich für neue Spielregeln in der Krisenregion Mittlerer Osten. Mit der erwarteten Bombe im Rücken könnte der Gottesstaat versuchen, seinen Einfluss bei den Nachbarn mit Drohgebärden zu erhöhen, in der Opec noch höhere Ölpreise durchzusetzen oder seinen destabilisierenden Einfluss auf den israelisch-palästinensischen Konflikt weiter zu verstärken, um die Wiederaufnahme des Friedensprozesses zu torpedieren.

Optimisten setzen darauf, dass Iran als Atommacht die Spielregeln aus dem Kalten Krieg akzeptieren und auf den Einsatz der Nuklearwaffe verzichten würde. Es gebe allerdings zwischen Iran und Israel kein Gleichgewicht des Schreckens, sagt Ephraim Sneh, ehemaliger stellvertretender Verteidigungsminister. Zwischen den beiden Ländern gibt es keine Symmetrie - weder bezüglich der Zahl der Bevölkerung noch der Größe des Landes. Anders als Israel könnte Iran empfindliche Militärschläge hinnehmen, ohne in der Existenz getroffen zu sein.

Aufgrund ausländischer Quellen ist zwar davon auszugehen, dass der jüdische Staat über Zweitschlagkapazitäten verfügt. Kaum diskutiert wurde gemäß Melman aber die Frage, ob Israel einen Nuklearangriff überleben könnte. Die letzte bekannte Studie zu diesem Thema stammt aus dem Jahre 1982. Je nach Wetter und Windströmungen wäre mit bis zu 300.000 Toten zu rechnen, hieß es damals.



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