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Israels Angst vor Irans Atomprogramm: "Netanjahu betreibt Panikmache"

Von , Tel Aviv

Israels Premier Netanjahu warnt fast täglich vor einem nuklear bewaffneten Iran. Nun widerspricht ein Atomwaffenexperte aus den eigenen Reihen: Ex-General Uzi Eilam wirft dem Regierungschef vor, die Bürger zu verängstigen - aus einem egoistischen Grund.

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu: Auch in den eigenen Reihen wächst die Kritik an seinem Iran-Kurs Zur Großansicht
AFP

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu: Auch in den eigenen Reihen wächst die Kritik an seinem Iran-Kurs

Ein Vorwurf, in klare Worte gefasst, nichts ist verklausuliert: "Benjamin Netanjahus Warnungen vor dem iranischen Nuklearprogramm sind nichts als Panikmache", sagt Uzi Eilam, ehemaliger Chef der israelischen Kommission für Atomenergie. Mit der systematischen Einschüchterung der Bevölkerung verfolge der israelische Premier vor allem ein Ziel: den eigenen politischen Vorteil.

Uzi Eilam ist nicht etwa ein politischer Gegner Netanjahus, sondern ein Experte seines Fachs. Zehn Jahre lang stand er der israelischen Kommission vor, die für alle Nuklearfragen verantwortlich ist. Als Brigadegeneral beschäftigte er sich hauptberuflich mit atomaren Waffen. Eilam entwickelte Strategien für das Verteidigungsministerium in Tel Aviv und beriet mehrere israelische Premierminister.

Sein Urteil steht, und es läuft den jahrelangen Überzeugungsversuchen Netanjahus von einer unmittelbaren iranischen Gefahr diametral entgegen: Das Regime in Teheran sei mindestens noch zehn Jahre davon entfernt, im Besitz einer Atombombe zu sein, sagte der hochdekorierte Ex-General in einem Interview mit der Zeitung "Jediot Acharonot". Er wisse allerdings nicht einmal, so Eilam wörtlich, "ob Iran diese Bombe überhaupt anstrebt".

Erstmals kritisiert ein israelischer Atomwaffen-Experte Netanjahu

Eilams Worte dürften all jene bestätigen, die im Vorfeld der nächsten Verhandlungsrunde mit Irans Regierung in Wien am 13. Mai entnervt Netanjahus Voreingenommenheit beklagen. Wobei mit "voreingenommen" die Wortwahl noch freundlich ausfällt.

Dass Netanjahu "besessen" davon sei, Iran anzugreifen, hört man längst nicht mehr nur aus den Reihen der israelischen Opposition. Sowohl US-Präsident Obama als auch der französische Präsident François Hollande sollen sich bereits so oder so ähnlich geäußert haben.

Kein Wunder bei der ewigen Wiederkehr derselben Argumente, die der israelische Premier in seinen Reden - ziemlich egal zu welchem Anlass - anführt. Sie gleichen einer Endlosschleife apokalyptischer Assoziationen. Eine mögliche endgültige Einigung mit Iran vergleicht er mit dem Münchner Abkommen 1938, mit dem sich Nazi-Deutschland einst das Sudetenland einverleibte.

Obwohl solche historischen Analogien zum Standardrepertoire der politischen Kultur in Israel gehören, scheint es Netanjahu mit seinen mantraartigen Lamenti auf den Podien der internationalen Gemeinschaft inzwischen übertrieben zu haben.

Dass er für die ersten diplomatischen Annäherungsversuche zwischen den USA und Iran nach Jahrzehnten kein zustimmendes Wort gefunden hat, haben ihm viele, darunter auch politisch Wohlgesonnene, übelgenommen. Mit Uzi Eilam führt nun zum ersten Mal nicht nur ein hochrangiges Mitglied des israelischen Sicherheitsestablishments das Wort gegen Netanjahu, sondern auch ein Kenner des iranischen Atomprogramms.

Um Irans Atomprogramm zu zerstören, brauche es "richtig Krieg"

"Bibi", wie Netanjahu genannt wird, verfolge "die falsche Politik, die falsche Strategie", sagt Eilam. Anders als bei vorherigen israelischen Angriffen auf feindliche Nuklearanlagen - in Syrien 2007 oder im Irak 1981 etwa - sei ein sogenannter Präemptivschlag auf Iran ungleich schwieriger.

Denn Iran halte derartige Vorrichtungen versteckt und verteilt über das ganze Land. Man müsse, um Iran wirklich anzugreifen, "richtig Krieg" führen. Wer könne das wollen?, fragt Eilam. Und antwortet gleich selbst: Solch ein Krieg liege bestimmt nicht im Interesse Israels und seiner Bevölkerung. Vielmehr wolle der Premier seine Bürger verängstigt hinter sich scharen und damit eine Art gesamtpolitischen Freibrief erhalten.

Eilam macht keinen Hehl daraus, was er über die Regierung in Jerusalem denkt. Es sei ein Irrglaube israelischer Politiker, sich selbst als allmächtig und allwissend zu betrachten. Das militärische Säbelrasseln sei vor allem schädlich für das eigene Land und die eigene Gesellschaft.

Uzi Eilam verurteilt auch die gezielten Tötungen von iranischen Ingenieuren und Wissenschaftlern, hinter denen Israel vermutet wird. Das seien "terroristische Akte" ohne Mehrwert, denn die Wissenschaft arbeite in Teams; kein einzelner habe Herrschaftswissen, das er nicht bereits an andere weitergegeben habe.

Auf die Frage des israelischen Journalisten und Sicherheitsexperten Ronen Bergman, ob denn nun die Zeit gekommen sei, das israelische Nuklearprogramm offenzulegen, antwortet Eilam ebenfalls dezidiert: "Nein." Über die atomaren Kapazitäten Israels dürfe man nicht sprechen, die sollten weiter im Ungewissen bleiben, sagt Eilam. Zumindest in dieser Hinsicht habe die Politik bisher keinen Fehler gemacht.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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1. schwer
tinosaurus 09.05.2014
zu glauben, dass der Iran keine Atombombe anstrebt. Wofür dann das langjährige Versteckspiel, die unterirdischen Anlagen, die auch nicht besichtigt werden dürfen. Und wofür das In Kauf nehmen all der belastenden Sanktionen?
2.
rus13 09.05.2014
Der Iran ist umzingelt von NATO-Militärbasen und von Staaten, die ihm gegenüber nicht wirklich freundlich gesinnt sind. Außerdem ist das iranische Militär veraltet und in schlechtem Zustand... Welche Bedrohung geht von Iran aus?!? P.S.: Das Nuklearprogramm des Iran wurde erst durch die Unterstützung der USA Ende der 50er Jahre ermöglicht.
3. Sind wir alle Antisemiten?
udar_md 09.05.2014
Nein das sind wir nicht! Wir dürfen niemals vergessen, was die verbrecherische Regierung zwischen 1933 und 1945 den Juden, den Roma und den andersdenkenden Menschen angetan haben. Dennoch müssen wir die falsche und aggressive Politik Israels kritisieren können ohne als Antisemiten gebrandmarkt zu werden.
4. ...
spon-facebook-720796197 09.05.2014
Ich hab schon seit einer Weile das Gefühl, dass Netanjahus knallrechte Politik auch innerhalb Israels und der jüdischen Gemeinde auf immer mehr Ablehnung stößt... mit guten Gründen, wie ich meine.
5.
alfredoneuman 09.05.2014
Zitat von udar_mdNein das sind wir nicht! Wir dürfen niemals vergessen, was die verbrecherische Regierung zwischen 1933 und 1945 den Juden, den Roma und den andersdenkenden Menschen angetan haben. Dennoch müssen wir die falsche und aggressive Politik Israels kritisieren können ohne als Antisemiten gebrandmarkt zu werden.
Sind wir nicht, aber Einige schon. Was hat das aber mit dem was hier verhandelt wird zu tun? Ich denke gar nichts, außer man will sich schon mal vorsorglich für seine einseitige Pauschalkritik an Israel rechtfertigen.
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