Jerusalem-Debatte Trumps Rede lässt Israelis kalt

Weltweit demonstrieren Muslime gegen die Entscheidung von US-Präsident Trump, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen. Doch im Land selbst ist das vielen Menschen egal. Sie bewegt etwas anderes.

Protest gegen Netanyahu in Tel Aviv
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Protest gegen Netanyahu in Tel Aviv

Aus Tel Aviv und Jerusalem berichtet Thore Schröder


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Am dritten Tag des Zorns gingen auch in Tel Aviv Menschen in Scharen auf die Straßen. Ganze Familien, Junge und Alte marschierten am Samstagabend nach dem Ende des Schabbats über den Rothschild-Boulevard bis zum Platz vor dem Nationaltheater. Zehntausende Menschen vereint in Zorn und Empörung, bei einer Großkundgebung, wie Israel sie in den vergangenen Jahren selten gesehen hat.

Einzig: Hier ging es nicht um die Entscheidung von US-Präsident Donald Trump, Jerusalem als Israels Hauptstadt anzuerkennen. Hier ging es nicht um die Gefühle von Millionen Arabern und Muslimen, oder gar die Angst vor einer neuen Intifada, zu der die Terrororganisation Hamas aufgehetzt hatte. Und hier ging es nicht um Frieden. In Tel Aviv ging es um Innenpolitik.

Beim "Marsch der Schande" protestierten die Menschen gegen ihren "Crime Minister". Sie schimpften über die angebliche Korruption von Premier Benjamin Netanyahu und seine Versuche, die Ermittlungen der Polizei durch neue Gesetze zu stoppen. "Wir werden so lange weitermachen, bis das aufhört", sagte ein Demonstrant, der seine kleine Tochter auf den Schultern trug. "Im Gegensatz zu dieser Erklärung in Washington ist das hier relevant für uns", hieß es von einem der Organisatoren.

Die Hauptstadt Jerusalem ist ein Faktum

"Den meisten Israelis war Trumps Erklärung ziemlich egal", sagt Avi Shilon im Gespräch mit dem SPIEGEL. Der Politikwissenschaftler hat Biografien über David Ben-Gurion und Menachem Begin geschrieben, gerade ist sein neues Buch über den Niedergang der israelischen Friedensbewegung auf Hebräisch erschienen. Shilon sagt über die Haltung seiner Landsleute: "Es gab eine gewisse Anspannung, was passieren würde nach der Rede, aber als es dann relativ ruhig blieb, hat das Interesse nachgelassen." Dass die Entscheidung den Friedensprozess torpedieren könnte, ist in Israel kein Thema, weil Frieden insgesamt kein Thema ist.

"Während der Zweiten Intifada haben die Menschen festgestellt, dass die Dinge komplizierter sind, als sie dachten, dass es nicht bloß um die Aufteilung des Landes geht, sondern um religiöse Überzeugungen und Mythen", sagt Shilon. Diese Stimmung hat sich seit der Räumung des Gazastreifens 2005 und dem anschließenden Raketenbeschuss von dort noch verfestigt. "Mittlerweile sind den Menschen andere Dinge wichtiger, etwa soziale Missstände oder eben die Korruption", so Shilon.

Dazu kommt: Für die meisten Israelis ist die Hauptstadt Jerusalem keine politische oder religiöse Frage sondern einfach ein Faktum, schließlich sind seit der Staatsgründung die wesentlichen Institutionen des Staates im Westen der Stadt untergebracht.

Für die national-religiösen Israelis war die Fernseherklärung trotzdem ein großer Schritt. Als die Stadtverwaltung am vergangenen Mittwoch nach Trumps Rede die US-amerikanische und die israelische Flagge auf die Altstadtmauer projizierte, jubelte Mordechai Taub: Er lebt in der Jerusalemer Siedlung Ma'ale Hazeitim, neben dem arabischen Viertel Ras al-Amud. Von den Hausdächern dort blickt man auf die Ostmauer der Altstadt, die al-Aqsa-Moschee und den Felsendom. Wenn Jerusalem irgendwann geteilt werden würde, läge Mordechai Taubs Zuhause in Palästina.

Die Gewalt hält sich bislang in Grenzen

Der Dank der gläubigen Juden ist dem US-Präsidenten daher gewiss. Nach Trumps Erklärung haben 250 bekannte Rabbiner einen Brief an ihn geschickt: "Wir sind sicher, dass Sie in die Geschichte des jüdischen Volks eingehen als jemand, der furchtlos an der Spitze stand." Auch unter den Strenggläubigen ist die Stimmung fröhlich, erzählt Tzipi Yarom, Journalistin bei der ultra-orthodoxen Zeitung "Hamischpacha". "Dabei kommt Jerusalem schon dreimal am Tag in unseren Gebeten vor, es ist ohnehin unsere jüdische Hauptstadt."

Die Freude ist seit der Erklärung kaum getrübt worden. Die Gewalt hält sich bisher in Grenzen. Israels größte Sorge nach dem muslimischen Freitagsgebet schien zu sein, dass die Gläubigen ihren Protest vom Tempelberg aus vor die Kameras der Weltpresse am Damaskus-Tor tragen könnten. Entsprechend rücksichtslos stoppten die Sicherheitskräfte den Protestzug in der Jerusalemer Altstadt.

Demonstrationen fanden bisher vor allem in Ost-Jerusalem, dem Westjordanland und dem Gazastreifen statt, nur vereinzelt auch in Israel selbst. Im Norden Israels, wo viele der 1,7 Millionen arabischen Staatsbürger - sie stellen damit etwa ein Fünftel der Bevölkerung - leben, blockierten Demonstranten eine Kreuzung und warfen Steine auf vorbeifahrende Fahrzeuge.

Arabische Knesset-Abgeordnete verglichen die Trump-Rede mit der Balfour-Erklärung von vor hundert Jahren, in der Großbritannien den Juden die Errichtung einer nationalen Heimstätte zugesichert hatte. Die Ursünde in den Augen der Palästinenser.

Der arabische Abgeordnete Zuheir Bahloul von der Arbeitspartei, der größten Oppositionspartei in der Knesset, differenzierte: "Israel hat das Recht auf eine Hauptstadt in West-Jerusalem, aber die Palästinenser haben auch das Recht auf einen eigenen Staat mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem." Damit widersprach er seinem eigenen Parteichef. Avi Gabbay, seit Sommer Chef der Arbeitspartei, sagte nämlich: "Das vereinte Jerusalem ist wichtiger als Frieden, denn es ist das Symbol des israelischen Volkes." Früher hätte es nach dieser Aussage einen Aufschrei gegeben, doch diese Zeiten sind in Israel lange vorbei.


Zusammengefasst: In Israel begrüßen Unterstützer und Anhänger der Regierung unisono die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt. Dass die Entscheidung den Friedensprozess mit den Palästinensern torpedieren könnte, ist in Israel kein Thema, weil Frieden insgesamt kein Thema ist. Stattdessen erzürnen viele Menschen die Korruptionsvorwürfe rund um Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.

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