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01. Mai 2017, 12:52 Uhr

Umgang mit Israel

U-Boote liefern, Klappe halten

Eine Kolumne von

Woher kommt die deutsche Obsession, wir müssten im Nahen Osten Frieden stiften? Auch wenn wir Deutsche uns gerne als moralische Führungsmacht sehen: Bei der Erziehung Israels sollten wir uns zurückhalten.

Ein Außenminister fährt in ein Land, von dem es in seiner Heimat heißt, dass gute, vertrauensvolle Beziehungen unerlässlich seien. Kaum angekommen, verärgert er die Regierung so sehr, dass diese ein geplantes Treffen absagt. Der Besuch endet mit gegenseitigen Schuldvorwürfen, das Verhältnis ist nach dem Besuch schwer belastet.

Normalerweise würde so ein Vorgang als diplomatisches Fiasko gelten. Man würde dem Außenminister Vorhaltungen machen, warum er im Vorfeld alle Warnungen ignoriert hat, oder ihn zumindest fragen, was er sich dabei gedacht hat, die Gastgeber ohne Not zu brüskieren. Aber das gilt nicht, wenn es um das Verhältnis zu Israel geht, also zu einem Land, von dem es eben noch hieß, dass dessen Sicherheit deutsche Staatsräson sei.

Sigmar Gabriel kehrte vergangene Woche im Triumph nach Berlin zurück. Überall wurde er für seinen Auftritt beglückwünscht, so als habe er einem Tyrannen die Stirn geboten. Das Verhalten des Außenministers sei "beispielhaft" gewesen, hieß es. Die Anspannung in der Entourage des Ministers, die am Handy die Reaktionen in Deutschland verfolgte, wich erst Erleichterung und dann purem Glück. Der Minister als Held, wer hätte das gedacht.

Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen: Das ist in einem Satz die Lehre des Israelbesuchs des deutschen Außenministers. Ich habe mir den Satz nicht ausgedacht, er stammt von dem Psychoanalytiker Zvi Rix. Er ist schon älter, aber er beschreibt gut das Auftrumpfungsbedürfnis, das in der Reaktion auf Gabriels Israelreise zutage trat. Endlich haben wir der Regierung in Jerusalem gezeigt, dass wir uns nicht länger mit dem Holocaust erpressen lassen, das war der Tenor vieler Kommentare.

Es geht uns nichts an

Es ist ja aus deutscher Sicht auch frustrierend, wie sich die Israelis verhalten, das verstehe ich. Wer wüsste nicht besser als wir, wie man Frieden stiftet. Wir sind unter den Völkern der Welt die Friedensnation Nummer eins, in der Hinsicht macht uns niemand etwas vor. Doch statt auf uns zu hören, schlagen sie in Israel beharrlich alle Mahnungen in den Wind und verfolgen einfach weiter ihre Siedlungs- und Abschreckungspolitik.

Das Bemerkenswerte an der deutschen Position ist die Unfähigkeit, sich in die Bewohner eines Landes hineinzuversetzen, das seine Existenz allein seiner Wehrhaftigkeit verdankt. Ich wünschte, wir Deutschen würden für einen Tag erleben, wie es ist, von lauter Leuten umgeben zu sein, die einem Tod und Teufel an den Hals wünschen und schon morgen ihre Drohungen wahrmachen würden, wenn sie könnten. Wir sind ja schon aus dem Häuschen, wenn andere böse mit uns sind, weil wir nicht schnell genug ihre Schulden übernehmen.

Was Israel angeht, ist meine Position ganz einfach: Von allen Nationen der Welt sollten wir die letzten sein, die Friedenspläne für Palästina schmieden. Einstaaten-, Zweistaaten- oder Dreistaatenlösung: Es geht uns ausnahmsweise einmal nichts an. Wir liefern unsere U-Boote, wenn wir darum gebeten werden, und halten ansonsten den Mund. Keine gut gemeinten Ratschläge an die israelische Regierung, keine Versuche, die Nahost-Gespräche wieder in Gang zu bringen.

Es gibt so viele Länder um uns herum, die ebenfalls wissen, was man tun sollte, und die nicht sechs Millionen Juden auf dem Gewissen haben. Es gibt die Franzosen, die Briten, die Amis. Sogar die Belgier und die Portugiesen haben mehr Recht, sich als Friedensstifter aufzuspielen als wir. Ich weiß, es fällt als moralische Vorbildnation schwer, sich in einer so wichtigen Frage zurückzuhalten. Andererseits sind wir mit Energiewende und Willkommenskultur derzeit vollends ausgelastet, ist mein Eindruck, da braucht es nicht noch den Pazifismus als Exportartikel.

Es gibt eine merkwürdige Obsession mit der palästinensischen Sache, die auch der Gabriel-Besuch wieder gezeigt hat. Seit die deutsche Jugend anfing, sich den Pali-Schal um den Hals zu legen, sind die Palästinenser das Maskottchen der besorgten Öffentlichkeit. Es gibt viele Volksgruppen, die es schwer haben, die Rohingya in Burma, die Christen in Jordanien, aber keine andere erfährt eine vergleichbare Zuneigung und Aufmerksamkeit.

Die Palästinenser sind vermutlich die am höchsten subventionierte Gruppe der Welt. Dass sie mehr Geld bekommen haben als die Europäer während des gesamten Marshall-Plans, sieht man der Autonomieregion allerdings nur an, wenn man den Blick auf die Villen der Fatah-Funktionäre in ihren Luxusenklaven wirft. Warum der Außenminister nicht das Gespräch mit Vertretern der palästinensischen Zivilgesellschaft gesucht hat, die ihn über das Leben unter der Hamas hätten aufklären können, bleibt sein Geheimnis.

Opfernachbarschaft zum jüdischen Volk

"Sozialdemokraten waren wie Juden die ersten Opfer des Holocausts. Die einen waren Opfer politischer Verfolgung, die anderen des Rassenwahns", hieß es in einem Gastbeitrag, den Gabriel kurz vor seiner Abreise aus Jerusalem in der "Berliner Zeitung" und in der "Frankfurter Rundschau" veröffentlichte. Wer den Beitrag jetzt aufruft, findet den Satz leicht verändert: Aus den "ersten Opfern des Holocausts" wurden die "ersten Opfer der Nationalsozialisten".

Irgendjemand hat offenbar bemerkt, dass der Versuch, sich in direkte Opfernachbarschaft zum jüdischen Volk zu begeben, durch die historischen Fakten nicht wirklich gedeckt ist. Dass Hitler auch etwas gegen die Sozialdemokraten hatte, ist unbestritten. Dass er sie mitsamt ihrer Familien zur Vernichtung gen Osten transportieren ließ, ist eine Erkenntnis, die der deutsche Außenminister exklusiv hat.

Der Satz war ein Lapsus, keine Frage. Aber mancher Lapsus verrät mehr über den Autor, als ihm lieb sein kann. Es ist eine schwere Bürde, einem Volk anzugehören, das angetreten war, die Welt zu unterjochen. Die Bürde wiegt doppelt, wenn man in der eigenen Familie einen schweren Antisemiten hat. Sigmar Gabriel hat ausführlich darüber berichtet, welche Last es für ihn ist, einen überzeugten Nazi zum Vater gehabt zu haben.

Der Umgang mit der Schuld geht seltsame Wege. Manchmal führt sie einen dazu, ausgerechnet dort mit dem Fuß aufzustampfen, wo man besser ganz still sein sollte.

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