Israels Unterstützung für syrische Rebellen Gefahr auf dem Golan

Israel unterstützt syrische Rebellen auf den Golanhöhen offenbar systematischer als bislang bekannt. Die Uno ist alarmiert. Sie fürchtet eine Eskalation des Bürgerkriegs.

ZUMA Press/ imago

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Die Männer kamen mit Maultieren aus Syrien. Einige waren bewaffnet, keiner von ihnen trug offizielle Rangabzeichen. Das Ziel der Rebellengruppe: Ein israelischer Militärposten auf den Golanhöhen. Dort wurden sie bereits von Soldaten des jüdischen Staates erwartet - und begrüßt.

Mindestens 16 solcher Treffen hat es zwischen Februar und Mai dieses Jahres gegeben - ein rasanter Anstieg im Vergleich zum Vorjahr. Zwischen August und November 2016 etwa soll es nur zu zwei israelisch-syrischen Begegnungen dieser Art gekommen sein.

Das geht aus einem jüngst veröffentlichten Bericht des Uno-Generalsekretärs António Guterres hervor, über den die israelische Tageszeitung "Haaretz" zuerst berichtet hat. Bei den letzten Treffen sollen nicht näher genannte Lieferungen und Personen auf die jeweils andere Seite gebracht worden sein.

"Ohne Israel hätten wir nicht überlebt"

Israel unterstützt syrische Rebellen auf den Golanhöhen schon seit einigen Jahren mit Geld, Nahrung und Treibstoff. Auch nimmt das Land immer wieder Verletzte aus dem Nachbarland auf, mit dem es sich offiziell im Kriegszustand befindet, um diese medizinisch zu versorgen. Israel verheimlicht diese Hilfsleistungen nicht. Die Unterstützung reicht aber offenbar viel weiter.

Wie eng die Kooperation zwischen den beiden Seiten mittlerweile geworden ist, verdeutlicht nicht nur der Uno-Report, sondern auch ein Bericht des "Wall Street Journal" (WSJ).

Demnach hat die israelische Armee eine eigene Einheit aufgestellt, die Kontakt zu syrischen Rebellen hält. Auch soll es ein eigenes Budget geben. Die Gelder sollen an Kommandeure fließen, die damit ihre Kämpfer bezahlen und Waffen kaufen können.

Besonders die kleine Rebellengruppe "Ritter des Golans" genießt offenbar die Gunst der Israelis. Sie gehört zu keiner der größeren Bürgerkriegsallianzen, erhält aber nach eigenen Angaben monatlich 5000 Dollar von der Regierung in Jerusalem.

Einer ihrer Sprecher sagte der US-Tageszeitung, Israel unterstütze die Rebellentruppe auf "heldenhafte" Weise: "Wir hätten ohne die israelische Unterstützung nicht überlebt."

Die Politik des "Guten Zauns" ist nicht neu

Das israelische Militär wollte diese Aussagen auf Nachfrage des WSJ nicht kommentieren und erklärte lediglich, man werde weiterhin die eigenen Grenzen schützen und das Entstehen von "Terrorzellen" ebendort verhindern. Mit anderen Worten: Das Einsickern der von Iran protegierten Hisbollah-Miliz, die an der Seite von Machthaber Baschar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg kämpft und Erzfeind Israels ist.

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Israel: Pufferzone Golanhöhen

Die Idee, arabische Rebellen an den eigenen Landesgrenzen zu unterstützen, wie nun auf den Golanhöhen, ist nicht neu. Bereits in Folge des libanesischen Bürgerkrieges in den Siebzigerjahren unterhielt Israel enge Kontakte zu einer der Konfliktparteien - der von christlichen Arabern dominierten Südlibanesischen Armee (SLA). Sie kontrollierte den an Israel angrenzenden gleichnamigen Teil des Landes.

Libanesische Christen, vor allem Angehörige der maronitischen Minderheit, konnten damals über den Grenzübergang "Fatima-Tor" nach Israel einreisen. Die sogenannte Politik des Guten Zauns endete erst 2000 mit dem Rückzug Israels aus dem Südlibanon.

Uno-Generalsekretär warnt vor Eskalation

Die mögliche Neuauflage dieser Politik auf den Golanhöhen stößt bei den Vereinten Nationen auf wenig Verständnis. Zum ersten Mal seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges äußert Guterres in dem Uno-Dossier nun die Sorge, dass die bilateralen Treffen zu Kampfhandlungen zwischen den Rebellen und der Armee von Machthaber Baschar al-Assad führen könnten. Dadurch würden auch die Blauhelme der Uno in Gefahr geraten.

Seit 1974 ist die Undof-Truppe (United Nations Disengagement Oberserver Force) auf den Golanhöhen stationiert. Es ist eine der längsten Uno-Missionen. Momentan überwachen 959 Männer und Frauen die nach dem Jom-Kippur-Krieg eingerichtete Pufferzone zwischen Syrien und Israel.

Die Golanhöhen sind ein von Israel annektiertes Gebiet. Dies wird international nicht anerkannt

Die Soldaten stammen aus der ganzen Welt: Finnland und Fidschi-Inseln, Indien und Irland, Nepal, Neuseeland und Niederlande, aber auch aus Zypern und von den Bermuda-Inseln.

Der Blauhelm-Einsatz galt viele Jahre als weitgehend ungefährlich. Unter den Soldaten kursierte lange Zeit das Bonmot, die einzige ernsthafte und realistische Verletzung, die man sich während des Dienstes auf dem Golan zuziehen könnte, sei eine Leberzirrhose.

Diese relative Ruhe begründete sich auch im klaren Kräfteverhältnis zwischen den beiden Konfliktparteien. Syrien hat Israel militärisch seit Jahrzehnten nichts entgegenzusetzen.

Für Israel ist der Golan strategisch sakrosankt

Israel eroberte im Sechstagekrieg vor 50 Jahren die westlichen zwei Drittel der Golanhöhen von Syrien und annektierte das rund 1200 Quadratkilometer große Gebiet 1981.

Auf der israelischen Seite leben heute 40.000 Menschen in 31 landwirtschaftlichen Siedlungen und der Kleinstadt Katzrin, neben jüdischen Israelis auch Drusen sowie Angehörige der tscherkessischen und turkmenischen Minderheiten.

Die israelische Armee betrachtet die Golanhöhen als strategisch sakrosankt. Vor allem am und rund um den 2814 Meter hohen Berg Hermon haben die Militärs viele Abhöranlagen installiert, mit denen sie das Geschehen in Syrien verfolgen können.

Syrischer Bürgerkrieg ist ein internationaler Konfliktherd

In dem blutigen Bürgerkrieg kämpfen nicht nur eine Vielzahl an syrischen Gruppierungen in wechselnden Allianzen gegen das Assad-Regime. Der Konflikt ist längst ein internationaler geworden, wie ein Blick auf die Ereignisse der letzten Wochen zeigt:

Die Uno will offenkundig nicht, dass Israel nun aktiver in den syrischen Bürgerkrieg eingreift. Bislang geschah dies lediglich punktuell.


Zusammengefasst: Die Vereinten Nationen sind alarmiert. Ihren Beobachtungen zufolge kommt es immer häufiger zu Treffen zwischen israelischen Soldaten und syrischen Gruppen auf den Golanhöhen. Das "Wall Street Journal" berichtet darüber hinaus, dass Israel konsequent Rebellengruppen unterstützt - eine Taktik, die nicht neu ist. Die Uno warnt vor einer weiteren Eskalation des syrischen Bürgerkrieges, der in den vergangenen Jahren ohnehin ein internationaler Konflikt geworden ist.

insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
steueramtsrat 23.06.2017
1.
Sehr geehrte Redakteure, auf der ersten dargestellten Karte ist die Waffenstillstandslinie als Staatsgrenze Israels dargestellt worden. Auf welcher Grundlage? Die Annexion ist völkerrechtlich nicht anerkannt worden. - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion Forum
vitalik 23.06.2017
2.
Die halbe Welt mischt in Syrien mit und ein Ende ist nicht abzusehen.
eigen 23.06.2017
3.
Ich bin kein Freund der aktuellen Politik Israels und der damit verbundenen militärischen Ambitionen. Aber was hier aufgezählt wird ist doch deutlich harmloser als die Luftangriffe Israels auf syrisches Territorium und als alles das was die anderen Staaten dort treiben. Da gehts nicht um 5000$.
leser008 23.06.2017
4. Gute Nachbarschaft ist was wert
Ein fundiert geschriebener Artikel, der korrekt denn Ist Zustand wiedergibt. Und auch das zwanghafte Einmischen der israelischen Regierung. Aber auch der schönste Krieg ist irgendwann vorbei und dann wird man es mit einer syrischen Regierung zu tun haben, die es Israel nicht verzeihen wird, die islamistischen Kämpfer so massiv unterstützt zu haben. Mit Nachbarn sollte man sich gutstellen und sie nicht massiv verärgern.
KerKaraje 23.06.2017
5. naja..falsch
Was heisst hier "alawitisch-schiitisch"? Schiiten machen vielleicht 1% der Syrer aus, Alawiten 10-12%. Der syrische Staat besteht zu 80-90% aus sunnitischen Ministern und Funktionären. Die Armee zu 60-70%, und fast alle Leiter der Geheimdienste und der Polizei sind ebenfalls Sunniten. Im krassen Gegensatz zu der bewusst irreführenden und hetzerischen Propaganda westlicher und arabischer Medien. Daher sind auch Beschuldigungen "ethnischer Säuberung", zuletzt bei der Eroberung Ost-Aleppos gegen Syrien erhoben, völliger Unfug. In Aleppo wohnen zu 90% sunnitische Araber, und etwa 90-95% der Truppen, die Ost-Aleppo einnahmen waren ebenfalls sunnitische Araber, viele von Ihnen selbst Aleppaner. Man hatte bewusst keine schiitischen Milizen in die Stadt gelassen. Es sind eindeutig die Rebellen, die auf die sektiererische Karte setzen, sich an der Religion definieren und den Feind auf religiöser Basis diffamieren und dämonisieren wollen. Kein Wunder, dass nicht nur der IS sondern auch die Al Nusra massiv auf nicht-syrische Salafisten setzt. Die Rolle Israels ist unrühmlich. In Gaza erschiesst man steinewerfende 12jährige und erklärt jeden Streifenpolizisten zum Hamas-Terroristen. Auf eine Granate aus Gaza wird mit F16-Attacken beantwortet, und alle 2 Jahre im Schnitt gibt es verheerende Operationen mit 2000 Toten (überwiegend Zivilisten) in 2-3 Wochen. Aber in Syrien sorgt man sich plötzlich um das Wohl der radikalen Bärtigen, alles natürlich rein humanitär, wie man es seit Jahrzehnten in der arabisch-muslimischen Welt von Israel nicht anders kennt. Die gleichen Golan-Rebellen, denen Israel hilft, wurden von Blauhelmen dabei beobachtet, wie sie gefangene syrische Soldaten enthaupteten. Das war sicher nur Selbstverteidigung im Zuge eines "Freiheitskampfs"...
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