Empörung über Grass: Israels Innenminister verlangt Aberkennung des Nobelpreises

Die israelische Regierung legt nach: Günter Grass sei ein "antisemitischer Mensch", schimpfte Innenminister Jischai, man müsste ihm den Literaturnobelpreis aberkennen. In Deutschland überwiegt bei aller Kritik am Dichter Unverständnis über das Einreiseverbot für Grass.

Literaturnobelpreisträger Grass: "Ein Mann, der eine SS-Uniform getragen hat" Zur Großansicht
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Literaturnobelpreisträger Grass: "Ein Mann, der eine SS-Uniform getragen hat"

Tel Aviv - Die israelische Regierung schlägt nach dem umstrittenen Grass-Gedicht "Was gesagt werden muss" mit aller Schärfe zurück: Innenminister Eli Jischai erklärte den deutschen Schriftsteller zur Persona non grata und erteilte Grass Einreiseverbot. Seine Anordnung unterlegte Jischai mit martialischen Worten: "Ich sehe es als Ehre an, ihm die Einreise ins Heilige Land zu verbieten", so der Politiker von der strengreligiösen Schas-Partei. Man müsse Grass nun eigentlich den Literaturnobelpreis aberkennen, so Jischai weiter im israelischen Rundfunk. Der von orientalischen Juden abstammende Politiker verglich Grass' Äußerungen mit der antisemitischen Hetze, die letztlich zum Holocaust geführt habe. "Man kann angesichts solcher Worte einfach nicht schweigen", Grass sei ein "antisemitischer Mensch" und "ein Mann, der eine SS-Uniform getragen hat".

Auch Israels Außenminister Avigdor Lieberman von der nationalistischen Partei "Unser Haus Israel" wetterte gegen Grass: Bei einem Treffen mit dem italienischen Regierungschef Mario Monti sagte Lieberman: "Seine Äußerungen sind ein Ausdruck des Zynismus eines Teils der westlichen Intellektuellen, die als Eigenwerbung und im Willen, noch ein paar Bücher zu verkaufen, dazu bereit sind, die Juden ein zweites Mal auf dem Altar verrückter Antisemiten zu opfern."

Für Israels Politiker könnte die Causa Grass auch ein willkommener Anlass sein, sich als Verteidiger der nationalen Interessen zu profilieren. In der Knesset wird seit Wochen darüber gemunkelt, dass Premier Benjamin Netanjahu die Wahlen vorziehen wolle.

Unter Intellektuellen sorgt das Einreiseverbot für Grass für geteilte Meinungen. Der bekannte israelische Historiker Tom Segev kritisierte den Erlass als "albern" und "zynisch".Israel rücke sich damit selbst in die Nähe fanatischer Regime wie Iran, so Segev im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

SPD-Mann Mützenich: "Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen"

Der in Israel geborene deutsche Historiker Michael Wolffsohn hingegen verteidigte den Beschluss aus Jerusalem. "Ich begrüße die Entscheidung der ansonsten auch von mir in vielen Punkten kritisierten Regierung Israels. Hier geht es nicht um den Innen- oder Premierminister, sondern ums Grundsätzliche. Ein Ex-SS-Mann ist keine moralische Instanz, schon gar nicht gegenüber den Opfer-Nachfahren", so Wolffsohn zu SPIEGEL ONLINE. "Unkoscheres wird auch durch den Nobelpreis nicht koscher, Bock bleibt Bock, Gärtner Gärtner und Scheinheiliges durch Selbstbeweihräucherung nicht heilig." Grass solle sich ans deutsche Sprichwort erinnern: "Jeder kehre vor seiner Türe." Das habe der Schriftsteller bislang zu wenig getan.

Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, hingegen sieht das von der israelischen Regierung gegen Günther Grass verhängte Einreiseverbot eher kritisch: Die von Innenminister Eli Jischai verhängte Maßnahme gegen den Literaturnobelpreisträger sei übertrieben und populistisch, sagte er am Sonntagabend in den ARD-"Tagesthemen".

"Ich glaube, dass der Innenminister gar nichts von Deutschland versteht. Er betreibt Innenpolitik. Ich halte das für falsch", erklärte Primor. Für ihn sei Grass kein Antisemit. "Ich weiß, wovon ich spreche." Zugleich kritisierte der Diplomat aber auch Grass' israelkritisches Gedicht. Die darin geäußerte Behauptung, Israel wolle den Iran auslöschen, sei lächerlich.

Kritik kam auch aus der deutschen Politik: Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Rolf Mützenich, sagte dem "Handelsblatt online": "Die Reaktion der israelischen Regierung ist unangemessen und wird dem Thema nicht gerecht." Nötig sei eine sachliche Auseinandersetzung mit den Thesen von Grass. "Ein demokratisches und pluralistisches Land wie Israel kann auch kontroverse Meinungen ertragen, zumal die Ansichten von Günter Grass nicht antisemitisch sind."

Auch der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, hält das Einreiseverbot für überzogen und falsch. "Das ist unsouverän und demokratisch nicht klug. Ich hoffe, dass man das noch einmal überdenkt", so Beck zu "Handelsblatt online".

Gleichzeitig äußerte Beck Verständnis für die Verärgerung in Israel. "Grass zeigt sich ignorant gegenüber der tatsächlichen Bedrohung Israels durch den Iran, den ständigen Angriffen auf Israels Staatsgebiet durch Raketen aus dem Gaza-Streifen und die Infragestellung seines Existenzrechtes durch den Iran und seinen Verbündeten in der Region."

Zustimmung für Grass auf Ostermärschen

Es ist nicht das erste Mal, dass Israel Ausländern als "Strafe" für kritische Äußerungen die Einreise verbietet:

  • Der jüdische Linguistik-Professor Noam Chomsky aus den USA etwa saß vor zwei Jahren an der Grenze in Jordanien fest.
  • Im vergangenen Sommer hinderte Israel mehrere hundert propalästinensische Aktivisten daran, ins Westjordanland zu reisen.
  • Im Oktober 2010 wies Israel die irische Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire nach einwöchiger Internierung aus. Sie war nach Israel gereist, um sich mit israelischen und palästinensischen Friedensaktivisten zu treffen.
  • Der Dirigent Daniel Barenboim hatte 2001 ein Tabu gebrochen und Musik des in Israel wegen seiner antisemitischen Ansichten verpönten Komponisten Richard Wagner gespielt. Daraufhin gab es zahlreiche Forderungen, ihn zur unerwünschten Person zu erklären - was jedoch letztlich nicht passierte.

Zustimmung erhielt Grass für sein Gedicht auf den traditionellen Ostermärschen. Auf den Kundgebungen habe es viel Rückendeckung für dessen Haltung gegeben, wonach es kein Recht auf präventive Militärangriffe gebe, teilten die Organisatoren mit. Dass Israel gegen Grass ein Einreiseverbot verhängt habe, sei ein "unmögliches Verfahren", sagte der Sprecher der Infostelle Ostermarsch, Willi van Ooyen.

Seit der Veröffentlichung des Gedichts "Was gesagt werden muss" hagelt es Kritik an Grass - auch von Schriftstellerkollegen. Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sagte der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", es sei "ein ekelhaftes Gedicht", das politisch und literarisch wertlos sei. "Der Iran will Israel auslöschen, das kündigt der Präsident immer wieder an, und Günter Grass dichtet das Gegenteil", sagte Reich-Ranicki, der als polnischer Jude nur knapp der Deportation in die deutschen Vernichtungslager entging. Der Schriftsteller Wolf Biermann verteidigte Grass "im Namen der Meinungsfreiheit", sein Israel-Gedicht aber bezeichnete er als "literarische Todsünde". In der "Welt am Sonntag" schrieb der Liedermacher, "wenn dem Künstler keine originellen Ideen mehr kommen, versucht mancher sich an einem künstlichen Tabubruch wie Grass".

Als bislang einziges Mitglied der deutschen Bundesregierung hat Außenminister Guido Westerwelle in die Debatte um das umstrittene Anti-Israel-Gedicht eingegriffen. "Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen, ist nicht geistreich, sondern absurd", schrieb Westerwelle in einem Gastbeitrag für "Bild am Sonntag".

Auch in Israel wird kontrovers über Grass diskutiert. Die "Haaretz" kommentierte online, Israelis könnten wütend auf Grass seien, müssten ihm aber dennoch zuhören: "Das Gedicht 'Was gesagt werden muss' enthält Dinge, die gesagt werden müssen. Es kann und muss gesagt werden, dass die israelische Politik den Weltfrieden gefährdet. Seine Position gegen Israels Nuklearmacht ist auch legitim. Er kann auch der Lieferung von U-Booten an Israel widersprechen, ohne dass ihm sofort seine Vergangenheit vorgehalten wird. Aber Grass hat es unnötig übertrieben in einer Art, die seine eigene Position beschädigte", so Kommentator Gideon Levy. Es sei aber besser wirklich zuzuhören und "besonders endlich das Verbot aufzuheben, Israel in Deutschland zu kritisieren."

anr/gy/dpa/dapd

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insgesamt 498 Beiträge
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1.
GlueckzumQuadrat 08.04.2012
Durch die Reaktionen Israels und deren Anhänger kann man deutlich erkennen, wie intolerant die israelische Regierung und deren Verbündete sind. Andersdenkende, wie Grass, werden in den deutschen Medien zerissen und als Hetzer diffarmiert! Die Gleichschaltung der Medien, welche Grass ansprach, ist nicht nur seit diesem Fall zu sehen, schon in den vergangen Jahren hat man gesehen, was man mit Andersdenkenden oder Kritikern der europäischen oder des israelischen Regimes macht!: Man diffamiert und verspottet sie in den Medien ! Nicht Grass Kritik an Israel ist der Skandal, der Mann hat Recht mit dem was er sagt, sondern die Art wie die deutschen Medien und die israelische Regierung auf Grass reagieren ist das skandalöse! Den Spiegel mit eingeschlossen ! Israel, widersetzt und ignoriert jahrelang UN-Resolutionen, unterzeichnet den Atomwaffensperrvertrag nicht und streubt sich gegen jede Einmischung in ihre Politik (beispielsweise die Siedlungspolitik), will dem Iran vorschreiben, was er zu tun und zu lassen hat und stützt sich auf INDIZIEN der IAEA dass der Iran an Atomwaffen bastelt. Diese Indizien der IAEA würden sie in unzähligen anderen Ländern ebenfalls finden, weil Raketentests und Kernenergie heutzutage auf der Welt selbstverständlich sind. Gruß Jörg
2. Dann halt nicht...
eurorentner 08.04.2012
Zitat von GlueckzumQuadratDie israelische Regierung legt nach: Der Schriftsteller Günter Grass sei ein "antisemitischer Mensch", erklärte Innenminister Jischai. Es sei eine Ehre, ihm die Einreise Land zu verbieten. In Deutschland überwiegt bei aller Kritik am Dichter Unverständnis über die Reaktion Jerusalems. Begründung für Einreiseverbot: Israels Innenminister schimpft Grass "antisemitischen Menschen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,826349,00.html)
...vielleicht will er ja gar nicht in Israel einreisen. Die Gelegenheit war noch nie so günstig für Kriegstreiberei und Krieg gegen den Iran. Die iranfreundlichen Länder im nahen Osten haben zur Zeit genügend eigene innenpolitische Probleme und können sich nicht einmischen.
3. Gezwungen.
ibekn 08.04.2012
Wenn ich schon wieder höre, dass man ihm vorwirft eine SS Uniform getragen zu haben muss ich den Kopf schütteln. Er war 17, hatte keine andere Wahl und war dort nicht mal ein Jahr. Und danach hat er sich jahrelang gegen den Nationalsozialismus stark gemacht. Lächerlich!
4. Der verkannte Dichter oder: Kritik, Frieden und Freiheit
Spiegelkritikus 08.04.2012
Oh, welche Lust zu treten ein auf dieses arme Dichterlein, das längst am Boden krumm sich windet, der letzte Sinn ihm bald entschwindet! Was hat er Schlimmes denn getan, dass Wut und Häme branden an? Der Dichter hat sein Wort erhoben, zu warnen vor des Krieges Toben, das ausgelöst vom ersten Schlag, kein Mensch mehr zu verhindern mag. Er mahnte zur Besonnenheit, auf dass die Welt sich nicht entzweit durch einen Angriff, wild und dumm, begründet als Verteidigung vor atomaren Waffen dort, die niemand hat gesehn vor Ort. Mit seiner Warnung hob der Dichter sich über viele hohen Richter, die vorab schon entschieden haben, was über jede Kritik erhaben. Verletzt hat er die Deutungshoheit, man wirft ihm vor, aus reiner Torheit. Kritik ist wichtig, gut und fein - doch muss sie auch genehmigt sein! Gewidmet den sehr verehrten Herren Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki sowie den Menschen in Israel, Iran, Deutschland und überall.
5. So kann man sich täuschen!
chrimirk 08.04.2012
Zitat von sysopDie israelische Regierung legt nach: Der Schriftsteller Günter Grass sei ein "antisemitischer Mensch", erklärte Innenminister Jischai. Es sei eine Ehre, ihm die Einreise Land zu verbieten. In Deutschland überwiegt bei aller Kritik am Dichter Unverständnis über die Reaktion Jerusalems. Begründung für Einreiseverbot: Israels Innenminister schimpft Grass "antisemitischen Menschen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,826349,00.html)
Freundliche Töne/Reaktionen aus Israel via D. enstehen nur gegen Cash. Die Ausfälle wegen dem Gedicht von G. Grass sind deutliches zeichen. Für D. gibt es keine freundlich-von freundschaftlich ganz zu schweigen-gesonnen Länder, Völker oder Organisationen. Es geht D. gegenüber lediglich um Cash oder andere handfeste Vorteile. Punkt. Daraus muss D. unbedingt und unverzüglich die entsprechenden Schlüsse ziehen. Denn: wenn D. mal nicht mehr "löhnen" kann, was dann? Müssen wir uns dann alles von allen gefallen lassen? Und wie soll die Reaktion von D. auf die ständigen Nazi-Filme in GB, USA & Co, in denen ein Deutschland-Bild und ein Bild der Deustchen geprägt wird, für das keinerlei Rechtfertigung gegeben ist? Sollen wir etwa kontern a la Bibel/Israel: "Auge um Auge, Zahn um..." und es auch "als Ehre empfinden", Jemand, der sich kritisch gegen D. auslässt, als Persona non grata zu betrachten? Herrn Jischai z. B.? Oder dürfen wir gar nichts?
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