Israels Rache für Attentate Der Kreislauf des Hasses

Palästinensische Attentäter töten Zivilisten - dafür zerstört Israel Wohnungen von Familien der Täter. Mit diesem archaischen Ritual gelingt den Politikern nur eines: neuen Hass zu schüren.

Zerstörte Wohnung in Ostjerusalem: Kreislauf des Hasses
AP/dpa

Zerstörte Wohnung in Ostjerusalem: Kreislauf des Hasses


Ein Haus, eine Wohnung zu zerstören ist ein Symbol der Auslöschung derer, die einmal darin gelebt haben, mit all ihren Wurzeln.

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Genau das will Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu mit der Zerstörung der Wohnungen der Jerusalem-Attentäter demonstrieren: Ihr seid weniger als "Tiere in Menschengestalt", wie er die Täter auf Twitter nennt, die vor zwei Tagen in einer Synagoge drei Rabbis und einen Betenden erschossen, ein weiteres Opfer starb später im Krankenhaus. Die Bluttat in einem Gotteshaus wiederspricht jedem Respekt vor dem, was anderen heilig ist. Doch die Attentäter sind tot, Polizisten haben sie am Tatort erschossen.

Die Wucht der Racheaktion trifft die Falschen, nämlich die Familien, das sind oft drei, manchmal vier Generationen, die dort unter einem Dach leben. Möglicherweise teilen sie sogar die extremen Ansichten des Täters, vielleicht sind sie stolz auf ihn, und dann wäre es auch nachvollziehbar, dass die israelische Regierung sie für mitschuldig hält. Am Ende aber zählt nur die Tat. Die Meinungen sind extrem auf beiden Seiten.

Israels höchste Gerichte haben den Abriss oder die Verwüstung von Täter-Häusern als Kollektivstrafe immer wieder erlaubt, obgleich das klar gegen das humanitäre Völkerrecht verstößt. Hauszerstörungen spielen eine nicht unerhebliche Rolle in der Hass-Spirale des Nahost-Konflikts. Über 160.000 Menschen wurden auf diese Weise bisher obdachlos, zählte eine israelische Hilfsorganisation, die sich gegen Hauszerstörungen engagiert.

Eine Zeit lang waren solche Abrisse ausgesetzt, sogar noch unter Hardliner Ariel Scharon. Ausgerechnet die Streitkräfte und Geheimdienste behaupteten, die angebliche Abschreckungsmaßnahme gegen Terroristen führe eher zum Gegenteil, nämlich zu noch mehr Gewalt. Erst der Populist Ehud Olmert ließ wieder Häuser von Islamisten einreißen, um dem Volk das Gefühl der Genugtuung zu geben.

Die Zerstörung des Lebensraums ist eine archaische Form der Strafe. Sie brandmarkt eine ganze Familie. Wohin werden die Bewohner gehen? Sie dürften direkt in die Arme der Extremisten laufen, die sich dann um die Angehörigen des "Märtyrers" kümmern und das Attentat schon jetzt als "heroische Tat" bejubeln.

Mit Politik hat das alles wenig zu tun. Es ist der kurzsichtige Aktionismus des Politikers Netanyahu, der nur noch an Wählerstimmen und der Steuerung von Stimmungen interessiert ist. Offenbar glaubt er nicht mehr an eine Lösung und ist selbst gefangen im Kreislauf des Hasses.

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