Debatte um Gewalt israelischer Soldaten Die Hilflosigkeit der Besatzer

Ein Video aus dem Westjordanland zeigt, wie ein israelischer Soldat einen palästinensischen Jungen würgt. Die Regierung beklagt eine "Pallywood"-Inszenierung - doch die Bilder belegen schlicht das Ungleichgewicht im Nahostkonflikt.

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REUTERS

Die Bilder gingen um die Welt: Ein israelischer Soldat hält einen elfjährigen Jungen im Schwitzkasten. Der linke Arm des Kindes steckt in einem Gipsverband, es weint und schreit. Zwei Frauen und ein Mädchen versuchen, den Jungen aus dem Würgegriff des Soldaten zu befreien. Das Mädchen beißt dem Soldaten in die Hand, eine Frau reißt ihm die Sturmhaube vom Kopf. Als ein weiterer Soldat auftaucht, lässt der Uniformierte das Kind frei.

Weltweit haben Medien am vergangenen Wochenende über den Vorfall berichtet, auch SPIEGEL ONLINE. Daraufhin haben Stimmen in Israel und zahlreiche Leser SPIEGEL ONLINE und anderen vorgeworfen, sie seien auf eine "Pallywood"-Inszenierung hereingefallen, die antiisraelische Ressentiments bediene. Mit "Pallywood", einer Zusammensetzung aus Palästina und Hollywood, werden gestellte Filme bezeichnet, die die öffentliche Meinung manipulieren sollen.

Was also ist am vergangenen Freitag passiert?

Der Vorfall ereignete sich in der Nähe des palästinensischen Dorfes Nabi Salih im Westjordanland. Die Dorfbewohner protestieren seit Jahren gegen die jüdische Siedlung Halamish, die 1977 auf einem Hügel oberhalb von Nabi Salih gegründet wurde und seither stetig wächst. Laut Völkerrecht ist Halamish wie alle anderen israelischen Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal, Israel bestreitet das.

Die Siedler haben auch eine Quelle übernommen, die für die Bauern aus Nabi Salih wichtig war. So leiden die palästinensischen Landwirte in dem Dorf an Wassermangel, außerdem können sie ihre Felder in der Umgebung der Quelle nicht bewirtschaften.

Fast jeden Freitag demonstrieren Einwohner von Nabi Salih gegen die israelische Besatzung. Der Protest ist inzwischen zu einer Art Ritual geworden. Dorfbewohner legen sich mit der Armee an, manchmal bewerfen Jugendliche die Soldaten mit Steinen, die Sicherheitskräfte antworten mit Tränengas und nehmen Palästinenser fest. Fotografen wissen, dass die Zusammenstöße dramatische Bilder liefern, und reisen zu den Protesten an. So war es auch am vergangenen Freitag.

Der Widerstand in Nabi Salih wird angeführt von Bassem al-Tamimi. Der Lehrer ist in den vergangenen drei Jahrzehnten Dutzende Male von Israels Sicherheitskräften verhaftet worden. Unter anderem saß er drei Jahre ohne Prozess in sogenannter Verwaltungshaft.

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Er selbst bekennt sich zum gewaltfreien Widerstand und bezeichnet Mahatma Gandhi als Vorbild. "Wir kämpfen gewaltfrei dagegen, dass die Besatzungsmacht uns unser Land, unser Leben und unsere Zukunft nimmt", sagte Tamimi 2011. "Das Töten lehnen wir ganz entschieden ab." Das Steinewerfen auf israelische Soldaten sei für ihn keine Gewalt, sondern ein symbolischer Akt. Die Europäische Union bezeichnete Tamimi 2012 als "Verteidiger der Menschenrechte".

Der Junge, den der israelische Soldat am vergangenen Freitag in den Würgegriff nahm, ist Tamimis elfjähriger Sohn Mohammed. Das Mädchen, das dem Soldaten in die Hand beißt, ist seine 15-jährige Tochter Ahed. Sie sorgte schon einmal 2012 für Aufsehen, als sie auf israelische Soldaten losging, die einen anderen Bruder während einer Demonstration festnahmen. Die türkische Regierung zeichnete das Mädchen daraufhin mit einer Tapferkeitsmedaille aus.

Bassam al-Tamimi weiß, wie wichtig die Bilder sind, die Übergriffe schwerbewaffneter israelischer Soldaten auf Kinder zeigen. Sie verdeutlichen nämlich die Asymmetrie des Nahostkonfliktes: Eine der modernsten Armeen der Welt herrscht seit 48 Jahren über ein anderes Volk und bestimmt darüber, was dieses Volk tun oder lassen darf. Ganz ohne Inszenierung.

Man mag Tamimi dafür kritisieren, dass er seine Kinder in Gefahr bringt, indem er zulässt, dass ihnen von israelischen Soldaten wehgetan wird. "Aber was immer man auch vom Kampf der Palästinenser halten mag, wir können uns die Waffen der anderen Seite nicht aussuchen", schrieb der israelische Journalist Anshel Pfeffer in einem Kommentar für "Haaretz". "Wenn es wirklich nur darum geht, Israel schlecht aussehen zu lassen, warum sorgt dann die Armee dafür, dass es jede Woche eine Extravorstellung gibt?"

Die Mehrheit der Israelis wisse tief im Inneren, dass die Besatzung falsch sei, nur habe man immer noch keinen Weg gefunden, sich aus dem Würgegriff zu lösen. Deshalb wälze man das Problem auf die Armee ab. Aber, so Pfeffer: "Keine PR und Medienarbeit wird die Besatzung eines anderen Volkes gut aussehen lassen, selbst wenn du glaubst, dass es alles deren Schuld ist."

Bei der israelischen Regierung hat sich diese Einsicht noch nicht durchgesetzt. Kulturministerin Miri Regev forderte eine Änderung der Einsatzregeln. "Ein Soldat, der angegriffen wird, muss scharf schießen dürfen. Basta", forderte die Rechtsaußen-Politikerin. Den Medienkrieg wird Israel so ganz bestimmt verlieren.



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