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Israel: "Vorabend eines Bruderkriegs"

Von Annette Großbongardt, Jerusalem

Seit der Abzug aus dem Gaza-Streifen beschlossene Sache ist, wächst der Hass der jüdischen Siedler auf Israels Regierungschef Ariel Scharon. Der bisherigen Ikone der Nationalisten fliegen nun die Herzen der Linken zu. Dem Land steht ein schwerer innerer Kampf bevor.

Umstrittener Ministerpräsident Scharon: Drohbriefe von militanten Israelis
AP

Umstrittener Ministerpräsident Scharon: Drohbriefe von militanten Israelis

Den Abend des 4. November 1995 wird Mirit Danon wohl nie vergessen, denn damals erschoss ein religiöser jüdischer Fanatiker aus nächster Nähe Israels Premier Jizchak Rabin. Danon war seine Sekretärin, und bei ihr waren auch die hasserfüllten Drohanrufe gegen den Friedensstifter von Oslo gelandet: "Hurensohn! Verräter! Der Tod wartet schon."

Heute plagen die Chefsekretärin, die seit bald zwei Jahrzehnten im Vorzimmer der israelischen Ministerpräsidenten regiert, die alten Alpträume. Eine ähnliche mörderische Hetze richtet sich nun gegen ihren derzeitigen Boss, Ariel Scharon, der trotz des Widerstands der Rechten Siedlungen im Gaza-Streifen räumen will. "Scharon ist Hitlers Partner" und "Rabin wartet auf dich", sprühten Fanatiker auf Häuserwände in Jerusalem.

Als ihr Scharon jüngst neue Drohbriefe zeigte, entschied sich die sonst eher diskrete Sekretärin, an die Öffentlichkeit zu gehen. "Wir müssen die Leute aufwecken", erzählte sie der Tageszeitung "Maariv". "Ich habe das Gefühl, ich sitze im selben Kino und sehe denselben Horrorfilm." Seitdem das israelische Kabinett am 20. Februar den endgültigen Beschluss zum Abzug von 7000 Siedlern aus dem Gaza-Streifen und weiteren 1000 aus dem Westjordanland fasste, bereitet sich das Land auf den vielleicht schwersten inneren Kampf seit der Staatsgründung vor.

Abzugsbefürworter stehen gegen Siedler, friedliebende Demokraten gegen religiöse Zeloten, Juden gegen Juden. Die Beamten der sogenannten Abzugsbehörde werden als "Judenrat" beschimpft - so hieß die jüdische Zwangsvertretung, die in den Ghettos mit den Nazis zusammenarbeiten musste. Minister der Scharon-Regierung werden bedroht.

"Ich habe das Gefühl, wir befinden uns am Vorabend eines Bruderkriegs", vertraute Scharon engen Mitarbeitern an. War die jüngste Siedler-Demonstration mit brennenden Autoreifen und Schlägereien mit der Polizei nur ein Vorgeschmack auf das, was den Sicherheitskräften im Gaza-Streifen und im Westjordanland bevorsteht?

Zwangsräumung am 20. Juli

Das magische Datum ist der 20. Juli. Dann beginnt die Zwangsräumung der Häuser jener Siedler, die bis dahin nicht freiwillig weggezogen sind. Strom, Gas, Wasser werden ihnen abgestellt. Sondereinheiten lernen bereits, wie sie Siedlermütter von ihren Babys trennen können und wie sie Sitzstreikende mit sanfter Gewalt zum Aufstehen zwingen. Über tausend Arrestzellen werden eingerichtet.

Das Horrorszenario sieht so aus: Siedler verschanzen sich in einem Haus, womöglich sogar in einer Synagoge, verminen das Gebäude und drohen mit kollektivem Selbstmord. Tausende Polizisten trainieren für den zivilen Häuserkampf.

Israel steht ein Drama bevor. Erstmals seit dem Beginn der Okkupation nach dem Sechstagekrieg im Jahr 1967 geht es um die Aufgabe von Siedlungen und die Räumung besetzten Landes. "Der Traum von Groß-Israel ist ausgeträumt", sagt Wohnungsbauminister Isaak Herzog, ein prominentes Mitglied der linken Arbeitspartei. Israel beginne damit, sich auf seine endgültigen Grenzen zurückzuziehen.

Protest: Israelische Soldaten führen einen Siedler ab
REUTERS

Protest: Israelische Soldaten führen einen Siedler ab

"Für die Siedler und die radikale Rechte ist das die Stunde der Wahrheit", erklärt der Extremismus-Kenner Ami Pedatzur vom Haifaer Zentrum für Nationale Sicherheitsstudien. "Sie glauben, dass Gaza nur der Anfang vom Ende ist. Sie glauben, das ist das Jüngste Gericht." Angeheizt wird die Stimmung von fanatischen Rabbis, die den Rückzug als "biblische Sünde" brandmarken und Soldaten zur Befehlsverweigerung aufrufen.

Dass der "Verräter" diesmal nicht von den Linken, sondern aus dem rechtsnationalen Lager kommt, verschärft den Konflikt. Ariel Scharon, der kompromisslose Premier, der den Siedlern als Schutzherr galt, der "Bulldozer" gegen arabische Aufstände, wendet sich nun gegen seine eigenen Gefolgsleute. Deren Enttäuschung, deren Wut scheint grenzenlos.

Vom Weggefährten zum Gegner

Uri Ariel, 52, ein Abgeordneter der rechtsgerichteten "Nationalen Union", wurde in der Gründerzeit des Siedlungsbaus in den siebziger Jahren zum Weggefährten Scharons. "Er bat mich um Hilfe, die Siedlungsbewegung stark zu machen. Damals sah er es als seine Mission an, Siedlungen im Gaza-Streifen und im biblischen Judäa und Samaria zu bauen. Ich dachte, ich kenne Scharon. Das war ein Irrtum."

"Sie haben Scharon nie richtig zugehört", sagt dagegen Ranan Gissin, der Sprecher des Premiers. "Er hat immer betont, dass es ihm vor allem um Sicherheit geht. Und heute gebietet die Sicherheit und Zukunft Israels den Abzug aus einigen Siedlungen." Bereits 1988 habe Scharon vorgeschlagen, strategisch wichtiges Siedlungsgebiet zu annektieren - und andere Teile besetzten Landes dafür aufzugeben.

Doch Scharons alte Freunde verstehen die Welt nicht mehr. "Er ist verrückt geworden", erklärte Meir Har-Zion öffentlich. Der ehemalige Elitesoldat hatte unter Scharon in den fünfziger Jahren in der berüchtigten Sondereinheit 101 gedient, die Rache für arabischen Terror verübte. Den Abzugsplan geißelt Har-Zion nun als neue "Schoah" - der hebräische Begriff für den systematischen Mord der Nazis an den Juden.

Und er ist nicht der Einzige.

Paradoxerweise fliegen Scharon, der bisherigen Ikone der Nationalisten, nun die Herzen der Linken zu. Während ihm die Siedler vorwerfen, er wolle Teile des verheißenen Landes "judenrein" machen, feiern einige Kommentatoren den notorischen Falken als "Friedensmacher". In den Umfragen ist er so populär wie nie. Minister der Arbeitspartei loben seinen "historischen Mut". Treuester Partner Scharons in der Knesset ist die linke Jachad-Partei.

In seiner eigenen Partei brodelt hingegen der Widerstand. Die Likud-Rebellen gegen den Abzug - prominentester Gegner ist der Scharon-Rivale und Ex-Premier Benjamin Netanjahu - fordern ein Referendum über den Abzugsplan; 30 von 40 Likud-Abgeordneten unterschrieben eine entsprechende Petition. "Scharon wurde mit dem Gegenprogramm gewählt - dass die Siedlungen im Gaza-Streifen genauso wichtig sind wie Tel Aviv", moniert der Anführer der Rebellen, Uzi Landau.

Risiko Haushalt

Zur Volksabstimmung über die Räumung der Siedlungen wird es wohl kaum kommen. Die allerletzte Hoffnung der Scharon-Gegner ist deshalb die Verabschiedung des Haushalts, die spätestens Ende März ansteht. Bekommt der Premier dafür keine Mehrheit, ist er gescheitert.

Derweil bereiten sich die Siedler auf den Ernstfall vor. Unter dem Namen "Das Jüngste Gericht" haben sie einen Kriegsrat unter dem Kommando eines pensionierten Generals gegründet. 100.000 Unterstützer sollen bereitstehen, für die bedrohten Gaza-Siedler zu kämpfen - indem sie sich mit ihrem Körper der Polizei in den Weg stellen.

"Wir rufen zu zivilem Ungehorsam auf, wir sind gegen Gewalt", betont Siedlerführer Pinchas Wallerstein. Doch bleibt der Widerstand gewaltfrei? Etwa 3000 Siedler allein im Gaza-Streifen besitzen Waffen.

Die große Gefahr droht jedoch wohl weniger vom breiten Block der mehrheitlich als friedlichen eingeschätzten Siedler als von Rechtsextremisten. Ein fanatischer Einzelgänger ist der Alptraum des israelischen Geheimdienstes. "Der nächste Mörder lebt mitten unter uns", warnt "Maariv". "Er fällt nicht auf, er spricht moderat. Er ist anonym, still und gefährlich. Er wartet auf den richtigen Moment. Bald. Bald."

Einschlägig bekannte Extremisten wie die Anführer der verbotenen Kach-Bewegung - Noam Federman, Baruch Marzel und Itamar Ben-Gvir - werden seit längerem überwacht. "Wir werden Scharon und alle, die den Abzug unterstützen, jagen", droht Ben-Gvir. Im Vorzimmer des Premiers geht Mirit Danon indes ihrer Arbeit nach. Die erfahrene Chefsekretärin vermisst allerdings eines - einen öffentlichen Aufschrei gegen die Hetze und die Tiraden: "Wollen wir zulassen, dass es wieder geschieht?"

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