Umstrittenes Gaza-Video: Israel weist Schuld an Tod von Zwölfjährigem zurück

Mohammed al-Durra mit Vater Jamal (Video-Ausschnitt): Die Welt sah zu Zur Großansicht
AP/ France 2

Mohammed al-Durra mit Vater Jamal (Video-Ausschnitt): Die Welt sah zu

Vor den Augen der Welt starb im September 2000 der Palästinenserjunge Mohammed al-Durra. Sein Tod wurde zum Symbol der Intifada - doch eine Untersuchungskommission bestreitet jetzt, dass der Zwölfjährige durch israelische Kugeln ums Leben kam. Das habe eine Video-Analyse ergeben.

Tel Aviv - Selten starb ein Mensch öffentlicher als Mohammed al-Durra. Ein französisches Fernsehteam war dabei, als der zwölfjährige Palästinenser mit seinem Vater bei einem Feuergefecht im Gazastreifen zwischen die Fronten geriet. Die Welt sah zu, wie der Junge sich verzweifelt gegen eine Häuserwand drückte, während rings um ihn die Kugeln einschlugen. Am Ende der Filmaufnahmen liegt das Kind getroffen auf den Beinen seines Vaters. Die Szene wurde zum Fanal, zum Symbol des Palästinenseraufstands.

Doch auch 13 Jahre später sorgt das Filmmaterial für heftige Diskussionen. So bestreitet eine israelische Untersuchungskommission nun, dass der Junge während eines Schusswechsels im Gazastreifen von israelischen Soldaten getötet wurde. Die Analyse von bisher nicht veröffentlichtem Videomaterial des Fernsehsenders France 2 habe ergeben, dass Mohammed am Ende der Aufnahmen am Leben war, berichtete der israelische Rundfunk. Es sei darauf zu sehen, wie er eine Hand hebt und den Kopf dreht.

Der damals ausgestrahlte Fernsehbericht von France 2 sei "substanzlos", heißt es in der am Sonntag veröffentlichten Analyse des Ministeriums für internationale Beziehungen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der den rund 40-seitigen Bericht in Auftrag gegeben hatte, sprach von einem "Sieg der Wahrheit über die Lügen".

"Extrem zweifelhaft"

Israel hat die Umstände schon häufig in Frage gestellt, die am 30. September 2000 zum Tod des Jungen führten. Auch einige internationale Beobachter bezweifeln inzwischen die ursprüngliche Version der Geschehnisse. Es gibt sogar Behauptungen, al-Durra sei noch am Leben. Tatsächlich ist im Bericht der Untersuchungskommission von "zahlreichen Hinweisen" die Rede, dass weder der Junge noch sein Vater Jamal überhaupt von Kugeln getroffen worden seien. Ballistischen Untersuchungen zufolge sei es auch "extrem zweifelhaft", dass Einschusslöcher in der gefilmten Umgebung von israelischen Soldaten verursacht wurden.

"Dies ist ein Beleg für die anhaltende, lügnerische Kampagne zur Delegitimierung Israels", sagte Netanjahu. Der Ruf seines Landes sei durch die Reportage zu unrecht beschädigt worden. Laut dem Ministerium für internationale Beziehungen hat France 2 zudem Filmszenen herausgeschnitten, auf denen der Zwölfjährige lebend zu sehen sei. Die Herausgabe des ungeschnittenen Originalmaterials habe der Sender aber trotz mehrfacher Anfragen verweigert.

Der Bürochef von France 2, Charles Enderlin, sagte der Nachrichtenagentur AFP, er sei jederzeit bereit zu einer unabhängigen öffentlichen Überprüfung des Falls nach internationalen Standards. Auch Jamal al-Dura, der Vater von Mohammed, sprach sich für eine solche Lösung aus. Der israelische Bericht sei "komplett gefälscht". "Die Israelis lügen und versuchen, die Wahrheit zu verschleiern", sagte er.

rls/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Alles schon bekannt - da hat wohl ein SPON-Redakteur die Archiv-Recherche vergessen ?
FRWBonn 20.05.2013
Bereits im Jahr 2002 entstand die ARD-Dokumentation "Drei Kugeln und ein totes Kind", die zum Ergebnis kam, das wenig bis nichts dafür spreche, dass Israels Militär den Jungen erschossen hätte. Siehe FAZ: Gefälschte Fernsehbilder: Lebt Mohammed al-Dura? - Fernsehen - FAZ (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/2.1756/gefaelschte-fernsehbilder-lebt-mohammed-al-dura-1921430.html) Das Video-Material lässt sogar die Deutung zu, dass der Junge damals gar nicht starb - dass also möglicherweise übel manipuliert wurde. Das alles ist nicht neu. Das sollte im SPON-Artikel bitte auch erwähnt werden!
2. Ja jetzt ist mir alles klar, natürlich!
isaban 20.05.2013
Zitat von sysopAP/ France 2Vor den Augen der Welt starb im September 2000 der Palästinenserjunge Mohammed Al-Durra. Sein Tod wurde zum Symbol der Intifada - doch eine Untersuchungskommission bestreitet jetzt, dass der Zwölfjährige durch israelische Kugeln ums Leben kam. Das habe eine Video-Analyse ergeben. Israel weist Schuld an Palästinenserjunge Mohammed Al-Dura zurück - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/israel-weist-schuld-an-palaestinenserjunge-mohammed-al-dura-zurueck-a-900795.html)
Der Ruf ist auch ohne die Journalismus längst hin, das müsste doch der PR-Abteilung Israels bekannt sein. Dass der Junge letztendlich gestorben ist, egal wie, ist ein Produkt dieses ewigen Krieges und dafür muss sich jeder an die eigene Nase fassen. Und wenn sich jetzt Israel noch einmal rechtfertigen will, schädigt es ihren Ruf um so mehr. Dass sich Israel sorgen um ihren Ruf macht erscheint da mehr als ironisch.
3. Bereits vor einigen Jahren hat der Hessische Rundfunk
atherom 20.05.2013
in einem langen Bericht ("Wer tätete Mohammed Dura?") auf Unstimmigkeiten in der damaligen Berichterstattung der Palästinenser hingewiesen. Für die meisten Leser unbekannterweise, sind sämtliche Fotografen und Kameraleute und Gaza und Westbank Araber. Als Journalisten werden ausschliesslich "geprüfte" und eben bewährte Journalisten zugelassen. Von kritischen Beobachtern wird diese Vorgehensweise als "Palywood" bezeichnet.
4. optional
hmueller0 20.05.2013
und das lässt sich alles problemlos 13 Jahre später auf einem Video mit sicher sehr mäßiger Qualität analysieren? Man weiß noch ganz genau, wer wo stand und wer wann geschossen hat? das kling ja wirklich sehr viel "glaubwürdiger". Und unabhängig vom konkreten Fall: es wird wohl Niemand ernsthaft abstreiten wollen, dass in dem Konflikt Zivilisten - und darunter auch Kinder - starben und sterben. Sei es direkt durch Kugeln etc oder indirekt durch die Lebensumstände
5. warum hat es so lange gedauert??
jewk 20.05.2013
Das ZDF-Team hat bereits vor fünf Jahren bewiesen, dass Mohammed al-Durra sich nicht auf der Schusslinie der israelischen Soldaten befunden hat und konnte dementsprechend von denen nicht getroffen werden. Auf der anderen Seite, was würde mit der Familie des Jungen passieren, wenn sie jetzt der Hamas die Schuld zuweisen würden...?...bleibt offen
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Geschichte Israels

DER SPIEGEL
Interaktiv: Das Heilige Land im Wandel


Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
DPA
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
AP
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
DPA
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.

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Israels Regierungschefs: Wechselspiel der Macht