Toter Journalist in Gaza Wo bleibt der Aufschrei?

Die israelische Armee hat bei den Protesten im Gazastreifen einen palästinensischen Journalisten erschossen. In Deutschland regt sich kaum ein Kollege darüber auf.

Yaser Murtaja
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Yaser Murtaja

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Ein Journalist ist tot, weil er seinen Job gemacht hat. Yaser Murtaja filmte am vergangenen Freitag die antiisraelischen Proteste im Gazastreifen. Er trug eine Schutzweste, die ihn mit der deutlich sichtbaren Aufschrift "PRESS" klar als Reporter kennzeichnete. Er stand mehr als hundert Meter vom Grenzzaun entfernt, der Israel vom Gazastreifen trennt. Trotzdem nahm ihn mutmaßlich ein Scharfschütze der israelischen Armee unter Beschuss. Die Kugel traf Murtaja seitlich an einer ungeschützten Stelle. Kurz darauf verstarb er.

Der 30-Jährige arbeitete seit Jahren als Fotograf und Videojournalist im Gazastreifen. Er war unter anderem für Al Jazeera, BBC, "Vice" tätig und arbeitete als Kameramann an zwei Projekten von Ai Weiwei mit. In den 30 Jahren seines Lebens hat er den 365 Quadratkilometer großen Gazastreifen nie verlassen dürfen, gemessen an diesen Umständen hat er es beruflich weit gebracht.

Am vergangenen Freitag wurden Murtajas Leben und Karriere jäh beendet. Den meisten Medien in Deutschland war das nur eine Randnotiz wert. Kaum ein Journalist empört sich hierzulande darüber, dass ein Kollege bei der Ausübung seines Berufs getötet wird. Es ist erst wenige Monate her, dass im Zuge der Inhaftierung des "Welt"-Journalisten Deniz Yücel in der Türkei täglich die Bedeutung der Pressefreiheit und des Schutzes für Reporter betont wurde. Dieser Schutz muss für palästinensische Reporter ebenso gelten.

Journalisten müssen frei berichten dürfen

Um es klar zu sagen: Selbstverständlich müssen israelische Soldaten die Grenze zum Gazastreifen schützen, um zu verhindern, dass Terroristen den Zaun durchbrechen und nach Israel eindringen. Und natürlich kann man die antiisraelischen Demonstrationen in Gaza verurteilen. Dass Palästinenser am vergangenen Freitag eine Hakenkreuzflagge im Grenzgebiet hissten, ist widerwärtig.

Trotzdem ist es unerlässlich, dass Journalisten über diese Proteste berichten können, ohne Gefahr zu laufen, erschossen zu werden. Auch das ist Pressefreiheit - und es ist im Grunde absurd, dass man diese Selbstverständlichkeit überhaupt betonen muss. Aber diese Pressefreiheit muss verteidigt werden. In Deutschland, in der Türkei, in Israel, im Gazastreifen.

Gedenken an Murtaja in Rafah
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Gedenken an Murtaja in Rafah

Im günstigsten Fall muss sich Israels Militär vorwerfen lassen, seine Soldaten machten an der Grenze leichtfertig von der Schusswaffe Gebrauch. Im schlimmsten Fall war es Vorsatz. Die Armee hat eine interne Untersuchung angeordnet. Eine unabhängige Untersuchung der Todesschüsse auf Palästinenser, wie sie Uno-Generalsekretär António Guterres und die EU gefordert haben, lehnen Israels Regierung und die USA aber ab. Die Bundesregierung hat sich bislang nicht geäußert.

Das am Montag publik gewordene Video eines zweiten Vorfalls, der sich bereits vor Monaten ereignet haben soll, weckt Zweifel daran, dass Israels Soldaten an der Grenze zum Gazastreifen die Regeln für den Waffeneinsatz wirklich penibel einhalten. Auf dem Video ist zu sehen, wie ein israelischer Scharfschütze unter dem Jubel seiner Kameraden einen offenbar unbewaffneten Palästinenser hinter dem Grenzzaun erschießt. Die genauen Umstände sind noch unklar, allerdings beeilten sich mehrere Minister, den Soldaten ihre Solidarität zu bekunden.

Genau diese Haltung der israelischen Regierung und großer Teile der Medien dort, laut denen israelische Soldaten gar nichts falsch machen können, wenn sie auf Palästinenser schießen, gefährdet Journalisten in Gaza. Niemand bringt das besser auf den Punkt als Verteidigungsminister Avigdor Lieberman. "Man muss verstehen, dass es keine unschuldigen Menschen in Gaza gibt. Jeder ist mit der Hamas verbunden, die werden alle von der Hamas bezahlt", sagte Lieberman am Sonntag als Reaktion auf den Tod des Journalisten. Später schob sein Ministerium nach, er habe "unschuldig" im Sinne von "naiv" gemeint.

Lieberman klingt wie Assad

Das israelische Nachrichtenportal "Walla" behauptet unter Berufung auf Sicherheitskreise gar, Murtaja sei seit 2015 ein Hamas-Funktionär gewesen. Belege dafür lieferte der Bericht nicht. Die israelische Armee teilte mit, sie habe keine entsprechenden Informationen.

Liebermans Äußerungen unterscheiden sich inhaltlich kaum vom Kommentar des syrischen Diktators Baschar al-Assad. Er hatte die gezielte Tötung der US-Journalistin Marie Colvin im Februar 2012 in Homs mit den Worten gerechtfertigt: "Sie hat mit Terroristen zusammengearbeitet. Deshalb ist sie für alles verantwortlich, was ihr zugestoßen ist."

Colvins Tod sorgte damals für einen internationalen Aufschrei. Murtajas Tod wird achselzuckend zur Kenntnis genommen. Das ist falsch.

Im Video: Mein Gaza - Leben im größten Gefängnis der Welt

dbate.de

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