Betende Jüdinnen: Netanjahu soll Klagemauer-Krawalle stoppen

Von Theresa Breuer

AFP

Sie fordern die gleichen religiösen Rechte wie Männer und werden dafür mit Steinen beworfen. Die Frauenrechtsgruppe "Women of the Wall" wurde jetzt an Jerusalems Klagemauer massiver denn je attackiert. Ministerpräsident Netanjahu soll den Konflikt regeln.

Jerusalem - Es ist die Beschimpfung, mit der sie Andersdenkende gerne provozieren. "Nazis!", brüllen ultraorthodoxe Demonstranten in Jerusalem den rund 30 Frauen entgegen, wenn sie versuchen, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Sie wollen zur Klagemauer, um dort gemeinsam das Freitagsgebet zu sprechen. Stoisch ignorieren die Frauen die Trillerpfeifen und die Beschimpfungen mehrerer tausend Ultraorthodoxer, die nichts unversucht lassen, um sie davon abzuhalten.

Die Frauen nennen sich Women of the Wall. Seit über 20 Jahren kämpft die jüdische Organisation dafür, dass Frauen ihrem Glauben ebenso Ausdruck verleihen dürfen, wie Männer es tun. Das bedeutet: Sie wollen an der Klagemauer den Gebetsschal tragen und ihre Gebete laut singend vortragen. Für Ultraorthodoxe ist das eine Provokation, weil es traditionell ausschließlich Männern vorbehalten ist, laut zu beten.

An diesem Freitag waren die Proteste der Ultraorthodoxen heftiger denn je. Die Polizei musste eine Menschenkette bilden, um die aufgebrachte Menge von den singenden Frauen zu trennen. Demonstranten warfen Steine, Eier und Wasserflaschen nach den betenden Frauen. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei.

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"Women of the Wall" beim Freitagsgebet: Krawalle an der Klagemauer
Nach Ende des Gebets gab ein Polizeisprecher bekannt, dass zwei Polizisten verletzt und mehrere protestierende Männer festgenommen wurden. Einer hatte Müll auf die Beamten geworfen.

Komikerin Sarah Silverman unterstützt die Frauen auf Twitter

Die unterschiedliche Auslegung der Schriften hatte in den letzten Jahren wiederholt zu Unruhen an der heiligen Stätte geführt. Immer wieder wurden die Women of the Wall bei ihren Aktionen festgenommen. Vor zwei Wochen beschloss das Amtsgericht in Jerusalem jedoch in einem Grundsatzurteil, dass auch Frauen den traditionellen Gebetsschal an der Klagemauer tragen dürfen. Es handle sich dabei nicht um eine Verletzung religiöser Bräuche, so die Begründung des Gerichts.

Prominente Unterstützung kam unlängst von der amerikanischen Komikerin Sarah Silverman, die ihre Solidarität mit den Frauen per Twitterbekundete: "So proud of my amazing sister & niece for their ballsout civil disobedience! Ur the tits!". Frei übersetzt bedeutete das soviel wie: "Ich bin so stolz auf meine wunderbare Schwester und Nichte für ihren mannhaften zivilen Ungehorsam! Ihr seid eine Wucht!"

Trotz der Ausschreitungen am Freitag werteten die Frauen das Gebet als Erfolg. Shia Pruce, Sprecherin der "Women of the Wall", sprach von einem "historischen Moment". "Die Polizei hat beim Schutz der betenden Frauen an der Klagemauer hervorragende Arbeit geleistet", so Pruce, "das ist Gerechtigkeit". Bislang waren es immer die Frauen gewesen, die während ihres Gebets festgenommen wurden. Jetzt wurden sie das erste Mal von Sicherheitskräften beschützt.

Rabbi fordert Netanjahu zum Handeln auf

Jerusalems Polizei fordert jedoch Konsequenzen. Ihr Chef Yossi Parienti verglich die Klagemauer mit einem Schlachtfeld. "Es ist nicht angenehm, die Mauer so zu sehen", sagte er. Er hoffe, dass es in den nächsten Monaten eine politische Einigung in dem Konflikt gebe.

Auch der Rabbi der Klagemauer, Shmuel Rabinowitz, zeigte sich bestürzt: "Niemand wollte, dass es so weit kommt", sagte er im Anschluss an die Proteste, "ich bitte alle, die Klagemauer aus diesem Streit herauszuhalten". Bislang galt Rabinowitz als großer Kritiker der Frauenbewegung, jetzt zeigte er sich versöhnlicher. Im Army Radio forderte er Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und den Minister für religiöse Angelegenheiten Naftali Bennet dazu auf, endlich eine Lösung zu finden, die von allen Seiten akzeptiert werden kann.

Ein möglicher Weg könnte ein gemeinsamer Abschnitt für Frauen und Männer an der Klagemauer sein. Bislang beten Frauen und Männer getrennt - die Männer links vor einem breiten Mauerstück, die Frauen rechts auf einem sehr viel kleineren Abschnitt. Würde sich der Vorschlag durchsetzen, wäre dies ein Erfolg für die liberalen Vertreter des Judentums in Israel. Ultraorthodoxe Männer wie Frauen sind hingegen strikt gegen den Vorstoß.

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