70. Unabhängigkeitstag "Israel ist der Jude unter den Nationen"

Der Staat Israel wird 70: Historiker Michael Brenner erklärt, was von der Gründervision übrig ist, wie die Besatzung Palästinas die Gesellschaft verändert - und warum der Staat jüdisch und demokratisch sein kann.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Israel feiert heute seinen Unabhängigkeitstag, obwohl Staatsgründer David Ben-Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeitserklärung verlesen hat. Warum?

Brenner: Der 14. Mai 1948 entspricht im jüdischen Kalender dem 5. Ijar 5708. Der jüdische Kalender weicht vom gregorianischen Kalender ab, und in diesem Jahr beginnt der 5. Ijar am 19. April. Das erklärt die Differenz. In Israel sind heute beide Kalender üblich.

SPIEGEL ONLINE: Ist Israel nach 70 Jahren ein Staat wie jeder andere?

Brenner: Das kann man wohl kaum sagen. Israel steht unter den 194 unabhängigen Staaten in Bezug auf seine geografische Ausdehnung gerade einmal an 152. Stelle und hinsichtlich seiner Einwohnerzahl ist es Nummer 97, also ungefähr zwischen Tadschikistan und Honduras. Wenn man die Nachrichten hört, könnte man aber meinen, Israel sei so groß wie die USA, Russland oder China.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie uns ein Beispiel.

Brenner: Im amerikanischen Wahlkampf spielt das Thema regelmäßig eine große Rolle und die Uno hat Israel öfter an den Pranger gestellt als irgendeinen anderen Staat. Hierin liegt die eigentliche Ironie der Geschichte: Der Begründer des Zionismus, Theodor Herzl, wollte die Geschichte der Juden "normalisieren". Er meinte, wenn die Juden "wie alle anderen Nationen" einen eigenen Staat erhalten, dann wird auch die Aufmerksamkeit der Welt abnehmen und der Antisemitismus verschwinden. Was aber ist Israel heute? Der Jude unter den Nationen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn von Herzls Vision noch übrig?

Brenner: Herzls Vision war klar. Er wollte ein kleines, ideales Europa im Nahen Osten gründen, mit englischen Internaten, französischen Opernhäusern und natürlich Wiener Cafés. Es sollte Deutsch, Englisch und Französisch gesprochen werden. Er selbst konnte ja gar kein Hebräisch und praktizierte die jüdische Religion nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und wie dachte er über die arabische Bevölkerung?

Brenner: Selbst die arabische Bevölkerung begrüßte in seiner Vorstellung die jüdischen Einwanderer, denn sie brachten all das mit, was für den Mitteleuropäer Herzl Fortschritt bedeutete: elektrisches Licht, moderne landwirtschaftliche Methoden, städtische Kultur und auch das in Europa am Ende des 19. Jahrhunderts noch utopische Frauenwahlrecht. Die Zionisten würden die Wüste zum Blühen bringen und daher mit offenen Armen begrüßt werden. Das war seine Vision. Damit hat er sich natürlich getäuscht.

SPIEGEL ONLINE: Würde Herzl das heutige Israel gefallen?

Brenner: In Jerusalem wäre für seinen Geschmack viel zu viel religiöses Leben sichtbar. Er würde sich aber in Tel Aviv mit all den Cafés, dem Strandleben wohlfühlen und wäre begeistert von der "Start-up-Nation".

Strand von Tel Aviv
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Strand von Tel Aviv

SPIEGEL ONLINE: Israel versteht sich selbst als ein jüdischer und demokratischer Staat. Wie geht das zusammen?

Brenner: Das ist kein Widerspruch, wenn man einen jüdischen Staat als einen Staat definiert, in dem jüdische Symbole und Feiertage die gleiche Vorrangstellung haben wie christliche in Deutschland, in dem Samstag und nicht Sonntag der Ruhetag ist, in dem Hebräisch die vorrangig gesprochene Sprache ist und in dem es allen Juden erlaubt ist, die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Vergessen wir doch nicht, dass jüdische Staatsbürger in Deutschland sich an Weihnachten auch verloren vorkommen und muslimische Deutsche irritiert sind, wenn vom christlich-jüdischen Abendland die Rede ist. Problematisch wird es dann, wenn die Gleichstellung der nichtjüdischen Minderheit in Israel infrage gestellt werden soll.

Zur Person
  • Jeff Watts
    Michael Brenner (Jahrgang 1964) ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität München, wo er auch das Zentrum für Israel-Studien leitet. Seit 2013 ist er zudem Direktor des Center for Israel Studies an der American University in Washington. Seine jüngste Buchveröffentlichung ist "Israel: Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates" (C.H. Beck Verlag).

SPIEGEL ONLINE: Teile der israelischen Ultraorthodoxe machen immer wieder Schlagzeilen, etwa durch ihre Weigerung, Militärdienst zu leisten. Die Zahl der Gläubigen wächst rasant. Wie verändert das den Staat?

Brenner: Zum ersten Mal besuchen unter den Erstklässlern des Landes weniger als die Hälfte eine säkulare jüdische Schule, während über 50 Prozent entweder in eine staatlich-religiöse oder ultraorthodoxe jüdische Schule oder eine arabische gehen. Das wird in wenigen Jahrzehnten zu einer Gesellschaft führen, die wohl religiöser aussieht als heute, wobei Tel Aviv wahrscheinlich die Insel der Säkularen bleiben wird. Aber wer weiß das schon genau? Vor 70 Jahren hat auch niemand diese Entwicklung vorhergesehen.

SPIEGEL ONLINE: Israel ist seit mehr als einem halben Jahrhundert Besatzungsmacht, die Lage im Gazastreifen und im Westjordanland angespannt. Was macht das mit der Gesellschaft?

Brenner: Es zehrt an den Werten, auf denen diese Gesellschaft aufgebaut wurde. Wenn man die Kontrolle über ein Volk hat, das nicht zu diesem Staat gehören will und das man eigentlich auch gar nicht dabeihaben möchte, dann führt das zu einem grundlegenden moralischen Dilemma.

SPIEGEL ONLINE: Kann das auf Dauer gut gehen?

Brenner: Nein, aber bisher sind alle anderen Möglichkeiten gescheitert. Nicht, weil die Trennung in zwei Staaten nicht möglich ist, sondern weil beide Seiten Angst vor den Konsequenzen haben: Die Israelis fürchten um ihre Sicherheit, die Palästinenser um die endgültige Aufgabe des Landes, das sie als ihres betrachten. Und in der Zwischenzeit gewinnen auf beiden Seiten die Fundamentalisten, die zu keinen Kompromissen bereit sind, an Popularität.

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Jerusalem: Ewiger Streit um die Heilige Stadt

SPIEGEL ONLINE: Die rechtsgerichtete Regierung von Premier Benjamin Netanyahu scheint - trotz aller Skandale, die ihn umgeben - den Umfragen zufolge weiter beliebt zu sein. Woran liegt das?

Brenner: Die israelische Gesellschaft hat sich - gar nicht so verschieden von vielen europäischen Gesellschaften - in den vergangenen Jahrzehnten nach rechts bewegt. Das hängt gewiss mit demografischen Gegebenheiten, wie der Einwanderung von einer Million Juden aus der ehemaligen Sowjetunion wie auch den hohen Geburtsraten der Orthodoxen zusammen. Es liegt sicherlich auch an der fehlenden persönlichen Ausstrahlung der derzeitigen Politiker im linken Lager.

SPIEGEL ONLINE: Und inhaltlich?

Brenner: Die Rechte konnte überzeugend darstellen, dass ein großer Teil der israelischen Bevölkerung in relativer Sicherheit und relativem Wohlstand zugleich leben kann. Bei genauerem Hinsehen erweist sich diese Verklärung des Status quo aber als eine kurzlebige Errungenschaft. Irgendwann wird sich der Konflikt zurückmelden, und für die langfristige Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern hat die Rechte bisher keine Antwort gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus - und wie sieht das Israel der Zukunft aus?

Brenner: Historiker sind ja bekanntlich schlechte Propheten. Vielleicht sollte man erst einmal feststellen, dass trotz aller gesellschaftlichen Konflikte und trotz der langfristig unhaltbaren Besatzung, viele jüdische - und im Übrigen auch arabische - Israelis einen Lebensstandard haben, der nicht nur den der Nachbarstaaten, sondern auch den vieler europäischer Länder übertrifft. Doch das ist für die Zukunft nicht genug. Diese Errungenschaften können nur gesichert werden, wenn Israelis und Palästinenser eine langfristige Form der Koexistenz finden.



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