Israelisch-palästinensische Expedition Frieden extrem

Acht Menschen nehmen Kurs auf die Antarktis mit einem Segelschiff, um dort einen bisher nicht bestiegenen Berg zu bezwingen. Der Törn, schon für sich ein Abenteuer, ist ein gewagtes Experiment. Denn die Crew besteht aus vier Israelis und vier Palästinensern, die mit der Reise ein Zeichen für den Frieden setzen wollen.


 Antarktis-Yacht "Pelagic": Segelschiff als Eisbrecher

Antarktis-Yacht "Pelagic": Segelschiff als Eisbrecher

Berlin - Heskel Nathaniel wirkt wie jemand, der es gewohnt ist zu führen. Jemand, der sich durchzusetzen weiß. Der smarte Israeli sitzt im Einstein-Café in der Berliner Friedrichstraße und redet: präzise, euphorisch. Es geht um den Weltkonflikt Israel-Palästina und darum, wie Nathaniel sein Scherflein dazu beitragen will, eine Lösung zu finden. Durch eine Expedition.

Mit acht Leuten, vier Israelis und vier Palästinensern, will Nathaniel auf einem Segelschiff den 1000 Kilometer langen Höllenritt von Chile zur Antarktis wagen. Und damit beweisen, dass Israelis und Palästinenser gemeinsam ans Ziel gelangen können, wenn sie nur wollen. "Es ist ein bisschen verrückt, okay, aber wir werden es durchziehen", sagt Nathaniel. "Die Reaktionen sind überwältigend, selbst bekennende Zyniker schreiben uns, dass unser Projekt anders ist und wirklich Grund zur Hoffnung gibt."

Die "Pelagic Australis" ist eine 23-Meter-Yacht. Auf ihr haben bis zu elf Personen sowie der Skipper Platz. Aber ist auch genügend Raum für zwei Nationalitäten, Religionen, Weltanschauungen? Das Schiff wurde gebaut, um den berüchtigten Winden vor Kap Horn zu trotzen. Aber wird es den Stürmen standhalten, die sich unter Deck zusammenbrauen könnten?

Extrem-Törn durchs härteste Segelrevier der Welt

"Breaking the Ice", das Eis brechen will die achtköpfige Crew, die am 1. Januar 2004 vom Südzipfel Chiles in See stechen wird. Sie wollen im härtesten Segelrevier der Welt die Strecke von Puerto Williams zum Chrystal Sound im ewigen Eis der Antarktis bewältigen. Sobald sie Eis unter den Füßen haben, warten zehn Tage Fußmarsch auf sie. Endpunkt der Reise ist ein noch unbestiegener Zweitausender.

 Organisator Nathaniel: "Bis zum Crash gehen"

Organisator Nathaniel: "Bis zum Crash gehen"

Das Ziel der "Extrem Peace Mission", wie sich die Tour nennt, ist höher als der antarktische Gipfel, den die Moslems und Juden gemeinsam besteigen und taufen wollen. Sie soll die Erste in einer Reihe von Aktionen sein, bei denen Menschen aus Israel und den Palästinenser-Gebieten gemeinsam Abenteuer erleben. "Dabei werden sie gezwungen, miteinander auszukommen und sich zu verständigen, auch auf engstem Raum und unter harten Bedingungen", sagt Initiator Nathaniel.

Auf die Probe gestellt wurde die binationale Truppe schon im Juli. Beim Empfang durch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse im Reichstagsgebäude stand das Projekt zum ersten Mal auf der Kippe. Sekunden, bevor Thierse den Raum betrat, zückten die Palästinenser entgegen den Abmachungen palästinensische Fahnen. Die Israelis fühlten sich düpiert und drohten damit, den Raum zu verlassen. Nathaniel konnte den Eklat nur knapp vermeiden. "Aber das ist das Spannende an diesem Projekt, es steht immer auf Messers Schneide und verlangt von uns allen eine enorme Disziplin", sagt der Geschäftsmann, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt.

Streit und Versöhnung per Satellit in die Welt

Der Törn dürfte also rau werden, nicht nur des Wetters wegen. Ein Kamerateam, das auf einem Begleitboot mitsegelt, wird dokumentieren, wie es steht mit dem israelisch-palästinensischen Teamgeist. Per Satellit und Internet wird von der Yacht in die Welt und auch auf SPIEGEL ONLINE übertragen, wie sich die acht bewähren, wie Streit geschlichtet und gemeinsame Erfolge gefeiert werden. Auf der Website www.breaking-the-ice.de gehen schon jetzt Hunderte von E-Mails aus Israel, den Autonomie-Gebieten und der ganzen Welt ein.

 Selbstmordanschlag in Jerusalem: Kein Friede in Sicht
REUTERS

Selbstmordanschlag in Jerusalem: Kein Friede in Sicht

Die "Extrem Peace Mission" gilt als die sportliche Variante des "West-östlichen Diwans", des israelisch-arabischen Jugendorchesters, das der jüdische Star-Dirigent Daniel Barenboim und der jüngst verstorbene palästinensische Historiker Edward Said 1999 gegründet haben. Bis es so weit ist, müssen noch einige Hürden genommen werden. Zwar hat Nathaniel das Hauptproblem inzwischen gelöst. Mit List und Mühe hat er die Ausreise der palästinensischen Teilnehmer aus den Autonomie-Gebieten durch die israelisch kontrollierten Checkpoints möglich gemacht. Doch fehlt es noch an Geld, Nathaniel sucht noch weitere Sponsoren.

Crew mit Vergangenheit und Zündstoff

Anfang des Jahres verspürte der 40-jährige Extrem-Bergsteiger den Wunsch, etwas für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern zu tun. "Ich lebe seit fünfzehn Jahren nicht mehr im Nahen Osten. Wenn man seine eigene Region so lang von außen betrachtet, glaubt man wieder, dass der Konflikt zu lösen sein muss." Nathaniel und Doron Erel, einer der bekanntesten israelischen Expeditions-Bergsteiger, tüftelten daraufhin den Trip in die Antarktis aus und begaben sich auf die Suche nach Sponsoren. 250 000 Euro kostet die Reise. "Wir wollten etwas wirklich Medien wirksames machen", sagt Nathaniel.

 Binationales Expeditionsteam: Teamgeist bei härtesten Bedingungen

Binationales Expeditionsteam: Teamgeist bei härtesten Bedingungen

Die Crew der ersten Extremmission besteht auf israelischer Seite aus Nathaniel, einem Profi-Bergsteiger, einer Linguistin und einem Anwalt. Die Palästinenser sind durch einen Arzt, eine Sportlehrerin, einen prominenten Journalisten und einen Verwaltungsbeamten vertreten. "Worauf wir vor allem geachtet haben, ist, dass alle viel Lebenserfahrung mitbringen", sagt Nathaniel.

Und diese Lebenserfahrung birgt Konfliktpotenzial: Was passiert, wenn der Anwalt, ein ehemaliger israelischer Elite-Soldat, mit dem Verwaltungsangestellten, einem früheren Mitglied der Fatah, der für den Molotow-Cocktail-Angriff auf israelische Uniformierte drei Jahre im Gefängnis saß, bei meterhoher Dünung Mitternachtswache schieben muss? Worüber sprechen der palästinensische Journalist, dessen Bruder durch einen israelischen Raketenangriff umkam, und der Israeli Erel, dessen Eltern die Todescamps der Nazis überlebten, wenn sie gemeinsam im Eiswind die Schoten dichtholen?

"Die Menschen anschubsen zum Frieden"

"Die Aktion ist ein politisches Statement, wir beweisen die Bereitschaft, einen Schritt zu machen, ein Wagnis einzugehen, dessen Ausgang wir noch nicht kennen", sagt Nathaniel. Ausgangspunkt der Mission ist Berlin, weil die Stadt ein Symbol für die Freiheit ist und weil Nathaniel hier Geschäftsführer einer Investment-Gesellschaft ist.

 Gaza nach einem israelischen Angriff: Kein Ende des Blutvergießens
AP

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Das Abenteuer mit politischer Botschaft hat namhafte Unterstützer gefunden. Der Dalai Lama, Michael Gorbatschow und Schimon Peres, ehemaliger israelischer Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger, gaben der Reise ihren Segen. Das Peres Peace Center half bei der Suche nach geeigneten palästinensischen Teilnehmern und sorgte dafür, dass sie zu einem ersten Gruppentreffen in Berlin ausreisen durften.

Viel Zeit bleibt nicht mehr, um aus acht Individuen ein Team für die strapaziöse Tour zusammenzuschweißen. Ein paar Tage in den französischen Alpen im November müssen als Kältetraining reichen. "Danach vertraue ich auf den Biss, den wir als Gruppe haben werden", sagt Nathaniel. "Wenn man weiß, dass man mit dieser Aktion andere dazu anschubsen kann, den Frieden möglich zu machen, wächst man über sich hinaus."

Zwei Völker, die um ein kleines Stück Land zwischen Mittelmeer und Jordan kämpfen. Ein Weltkonflikt, zusammengepfercht auf 23 Meter Schiff - Nathaniel ahnt, dass die acht Segler bei dem Törn an ihre Grenzen stoßen könnten. "Aber davor haben wir keine Angst. Wir wollen bis zum Crash gehen, denn erst an einer Sollbruchstelle wird klar, dass nur der ans Ziel kommt, der bereit ist, im Team zu arbeiten. Der Respekt, guten Willen und Courage zeigt."



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