Israelische Attacke in Gaza Gefangen im Haus des Todes

Dreiste Hamas-Propaganda? Ein tragischer Unfall? Oder eine der fürchterlichsten Geschichten dieses Krieges? Israelische Soldaten sollen Zivilisten in ein Gebäude gedrängt haben - 24 Stunden später wurde es von Granaten getroffen. Dutzende Menschen starben. Israel weist alle Anschuldigungen zurück.

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Hamburg - Den Wahrheitsgehalt dieser Geschichte wird man vielleicht nie überprüfen können - weil derzeit kaum jemand weiß, was sich wirklich im Gaza-Streifen abspielt. Noch immer lässt Israel keine ausländischen Journalisten in das Kampfgebiet, in dem das Militär gegen die radikalislamische Hamas vorgeht. Der Gaza-Streifen ist hermetisch abgeriegelt, freie Berichterstattung gibt es nicht. Auch die Hamas übt Zensur, Bilder von kämpfenden Palästinensern liefert das Hamas-Fernsehen kaum, dafür Aufnahmen von leidenden oder toten Zivilisten. Und auch die Hamas lehnt unabhängige internationale Beobachter ab.

Der 13-jährige Ahmed Ibrahim Samuni im Al-Quds-Krankenhaus in Gaza: "Wir schliefen, als die Panzer und Flugzeuge kamen"
REUTERS

Der 13-jährige Ahmed Ibrahim Samuni im Al-Quds-Krankenhaus in Gaza: "Wir schliefen, als die Panzer und Flugzeuge kamen"

Vieles bleibt also vage in diesem Krieg - und deshalb lässt sich nur schwer beurteilen, was wenige Stunden nach Beginn der israelischen Bodenoffensive in Seitun wirklich geschah.

Sollten die Berichte von Überleben zutreffen, die unter anderem das Uno-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (Ocha) verbreitet, dann ereignete sich in der Nacht zum vergangenen Sonntag in dem heruntergekommenen Viertel im Norden von Gaza-Stadt eine entsetzliche Tragödie. Nach diesen Berichten befahlen israelische Soldaten in Gaza-Stadt über hundert Zivilisten, ihre Wohnungen zu verlassen und sich in einem Gebäude zu versammeln - zu ihrem eigenen Schutz. 24 Stunden später fielen Panzergranaten auf das Haus. Die Menschen, die eigentlich vor Bomben in Sicherheit gebracht werden sollten, hatten keine Chance. Dutzende starben in den Trümmern.

Wenige Stunden nach dem Beginn der israelischen Bodenoffensive patrouillierten demnach Soldaten durch Seitun und gaben den Bewohnern die fatale Anweisung.

In dem Uno-Report findet sich kein Hinweis darauf, dass die Israelis das Haus absichtlich bombardierten. Doch der Beschuss löste heftige Kritik aus: Von "einem der schwersten Vorfälle seit Beginn der Luftangriffe" spricht die Uno. Die Uno-Kommissarin für Menschenrechte fordert eine Untersuchung wegen möglicher Kriegsverbrechen Israels.

"Wir wissen nicht, dass wir das Haus beschossen haben"

Das israelische Militär wies die schweren Vorwürfe am Freitag nachdrücklich zurück. Israelische Soldaten hätten keine Menschen in ein Gebäude im Stadtteil Seitun gedrängt, um dieses dann einen Tag später zu bombardieren, sagte Armeesprecher Jacob Dallal gegenüber Reuters. Keinesfalls würden Zivilisten "absichtlich ins Visier" genommen. Die Armee habe am 5. Januar auf kein Gebäude in oder nahe Seitun gezielt. "Es gibt überall Gefechte, Gaza ist ein Kriegsgebiet."

"Wir setzen alles daran, Zivilisten vor dem Krieg zu schützen", erklärte auch Armeesprecherin Avital Leibovich. "Wenn Zivilisten in der Nähe sind, stellen wir das Feuer unmittelbar ein." Zudem gebe das Militär niemals derartige Anweisungen. "Wir wissen nicht, dass wir das Haus beschossen haben, es gibt keine Bestätigung dafür." Armeesprecher Ilan Tor warnte davor, auf Hamas-Propaganda hereinzufallen.

"Wir schliefen, als die Panzer kamen"

Die Uno beruft sich in ihrem Bericht auf mehrere Zeugen. Demzufolge befahlen israelische Soldaten am 4. Januar rund 110 Palästinensern in Seitun, ihre Häuser zu verlassen. Sie sollten sich in dem später beschossenen Gebäude versammeln und dort bleiben, so die Anweisung, um den Soldaten nicht im Weg zu stehen.

Die Londoner "Times" zitiert den Überlebenden Arafat Helmi Samuni. Ihm zufolge umfasst der Samuni-Clan insgesamt über 400 Angehörige - Dutzende von ihnen sollen sich in dem Gebäude aufgehalten haben. Der 36-Jährige bestätigte den Report des Uno-Büros. "Sie holten uns aus unseren Wohnungen und brachten uns in ein Haus in der Nähe der Moschee".

"Wir schliefen, als die Panzer und Flugzeuge kamen, wir schliefen alle in einem Raum", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters den 13-jährigen Ahmed Ibrahim Samuni. "Eine Granate traf unser Haus. Gott sei dank wurden wir nicht verletzt. Wir rannten aus dem Haus und sahen 15 Männer. Sie landeten aus Hubschraubern auf den Dächern." Die Soldaten hätten die Einwohner geschlagen und sie gezwungen, alle in ein Haus zu gehen, so schildert es der Junge.

Am nächsten Tag schlugen dann in diesem Haus Granaten ein. "24 Stunden später bombardierten die israelischen Kräfte dieses Haus mehrmals", heißt es in dem Uno-Bericht. Die Überlebenden, die dazu in der Lage gewesen seien, hätten anschließend einen zwei Kilometer langen Fußmarsch auf sich genommen, um dann in Zivilfahrzeugen in ein Krankenhaus gebracht zu werden. Drei verletzte Kinder - das jüngste erst fünf Monate alt - seien in der Klinik gestorben.

Ocha erklärte, bei dem Beschuss durch die israelische Armee seien mindestens 30 Menschen ums Leben gekommen. Die meisten gehörten zu Samunis Familie. "Die Verwundeten mussten auf Eselskarren abtransportiert werden", sagt Ocha-Vizechefin Allegra Pacheco.

Auch die Mutter des 13-jährigen Ahmed Ibrahim Samuni starb Reuters zufolge. Er selbst überlebte mit Wunden an Brust und Beinen den Beschuss. Tagelang musste er mit seinen drei jüngeren Brüdern hungernd in dem Gebäude ausharren. "Da waren vielleicht mehr als 25 Tote", sagt Samuni. Der Junge kümmerte sich nach dem Tod der Mutter um seine drei Brüder. Er versuchte, den zwischen den Toten liegenden verletzten Erwachsenen zu helfen. "Es gab kein Wasser, kein Brot, nichts zu essen."

Warum ein Haus mit Dutzenden Zivilisten beschossen wurde, ist bislang unklar. Die israelische Menschenrechtsgruppe B'Tselem zitierte gegenüber der "Washington Post" die 19-jährige Überlebende Meysa Fawzi Samuni. Auch sie wartete in dem Haus, "eine Art Lagerhalle", auf neue Anweisungen. Ihrer Aussage zufolge begann das Bombardement in dem Moment, als zwei ihrer Verwandten das Gebäude verließen. Sie wollten weitere Mitglieder des Samuni-Clans zu sich holen.

"Mein Mann und ich liefen sofort hin, um zu helfen, doch dann traf eine Granate das Dach des Hauses. Ich warf mich auf den Boden, hielt meine kleine Tochter umklammert", so die junge Frau. "Als sich der Rauch legte, sah ich etwa 20 bis 30 Tote im Raum und sehr viele Verletzte."

Kinder, die sich an ihre toten Mütter schmiegen

Helfer vom Roten Kreuz machen der israelischen Armee allerdings auch wegen ihres Verhaltens nach den Angriffen schwere Vorwürfe. Erst am Mittwoch erreichten Sanitäter das Haus. Das Militär habe ihnen tagelang den Zugang in die militärische Sperrzone verwehrt. Erst nach Tagen sei ihnen gestattet worden, während einer dreistündigen Feuerpause die Opfer zu bergen. "Die Überlebenden waren zu schwach, um aus eigener Kraft aufzustehen", berichtete das zur Neutralität verpflichtete Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Israelische Bulldozer hätten in den Straßen des Viertels Erdwälle aufgeschüttet gehabt, so dass Krankenwagen nicht zu dem Haus gelangen konnten.

Israel habe seine Verpflichtung unter internationalem Recht verletzt, für die Verletzten zu sorgen und sie in Sicherheit zu bringen, heißt es in einer Erklärung des IKRK. Die israelische Armee müsse von dem Vorfall gewusst, aber den Verwundeten nicht geholfen haben.

Grausame Details schilderte auch ein Krankenwagenfahrer des Roten Kreuzes in Gaza, Khaled Abuzaid, der "Washington Post". Der Helfer erzählt, die israelischen Soldaten hätten den Sanitätern verboten, Kameras oder Mobiltelefone mit in die Sperrzone zu nehmen. Seine Gruppe habe schließlich 16 Leichen aus dem großen, völlig zerstörten Raum geborgen. Sieben Frauen, sechs Kinder, drei Männer. Laut Abuzaid wiesen einige Tote auch Schussverletzungen auf. Mehrere Kinder, die den Beschuss überlebt hatten, lagen zusammengekauert unter Decken - angeschmiegt an ihre toten Mütter.

In den Trümmern des Hauses könnten noch immer Opfer sein, sagt Abuzaid. "Aber ohne Strom und Wasser werden sie sterben."

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Mit Material von AP, Reuters, dpa



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