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Israelische Militäraktion: "Schade, dass wir nicht alle Schiffe versenkt haben"

Aus Aschdod berichtet Ulrike Putz

Mehrere Tote, Dutzende Verletzte - Israels Angriff auf sechs Schiffe mit Ziel Gaza-Streifen sorgt weltweit für Entsetzen. Doch dort will man von einem Fehlschlag nichts wissen. Schuld seien die Aktivisten an Bord, sie hätten die Marinesoldaten angegriffen. Öffentliche Selbstkritik üben nur wenige.

Israeli mit Nationalflagge in Aschdod: Schuld sind immer die anderen Zur Großansicht
AFP

Israeli mit Nationalflagge in Aschdod: Schuld sind immer die anderen

Simon und seine Freunde feiern: "Das Volk Israel lebt", skandieren sie auf dem Jona-Hügel in der israelischen Hafenstadt Aschdod. Von der Anhöhe aus haben sie den besten Blick auf das Mittelmeer, auf den Hafen. Vor dieser Küste soll der biblische Wal den Propheten Jona ausgespuckt haben. Doch das scheint die etwa 200 Menschen hier herzlich wenig zu interessieren. Sie sind gekommen, um einen vermeintlichen Sieg Israels über den internationalen Terrorismus zu feiern.

Am Morgen hatte die israelische Marine sechs Schiffe mit Hilfsgütern und etwa 800 Aktivisten an Bord aufgebracht.Bei der Kommandoaktion in internationalen Gewässern, mit der Israel verhindern wollte, dass die Hilfsflotte die Seeblockade des Gaza-Streifens durchbricht und ihre Fracht in das von der Hamas beherrschte Küstengebiet bringt, wurden mehrere Passagiere getötet. Die genaue Anzahl der Toten ist noch unklar. Israels Regierung sprechen von zehn Opfern, andere Quellen nennen 16. Dutzende Aktivisten und zehn israelische Soldaten wurden teils schwer verletzt.

"Eigentlich haben wir ja gar keinen Grund zum Feiern", sagt Simon, außer Atem vom Rufen rechtsnationaler Parolen. Warum? "Na, weil es schade ist, dass wir nicht alle Schiffe versenkt haben." Sein Kumpel hält ein Schild hoch. "Gut gemacht, IDF", gratuliert er der israelischen Armee. Im Hafen landen unterdessen die von der israelischen Marine eskortierten Schiffe der Hilfsflotte an. "Verlierer!", ruft ein in die israelische Flagge gehüllter ultraorthodoxer Jude in Richtung Docks.

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"Solidaritätsflotte" für Gaza: Attacke im Morgengrauen

Leute wie Simon stehen sicher nicht für den Durchschnittsisraeli, der betroffen auf die Nachricht von den Toten und Verletzten an Bord der unter türkischer Flagge fahrenden "Mavi Marmara" reagiert haben mag. Doch er und seine Mitdemonstranten sind ein extremes Beispiel für die Zustimmung zu einer Aktion, die offenbar gründlich schiefgelaufen ist.

Denn möglicherweise haben die Soldaten die Situation auf See erst falsch eingeschätzt und dann überreagiert. Doch es wird nicht diskutiert, wer wo versagt hat. Es werden keine Verantwortlichen ausgemacht, es wird nicht versucht, dieses Desaster aufzuarbeiten, das Israels Image irreparablen Schaden zufügen könnte. Stattdessen haben sich Israels Offizielle und die Mehrheit der Medien darauf verlegt, jede Schuld weit von sich zu weisen.

"Hunderte Terroraktivisten haben versucht, israelische Soldaten zu lynchen", sagte zum Beispiel Yohanan Plesner, ein Knesset-Abgeordneter der eigentlich links der Mitte angesiedelten Kadima-Partei, der BBC. Die Verantwortung für die Vorfälle läge ergo bei den "Terroristen" an Bord der Schiffe. Kommentatoren der großen israelischen Fernsehsender stimmten zu: Israel habe sich nichts zuschulden kommen lassen, sagte Roni Daniel, der Militärexperte des zweiten Kanals.

Israels Ministerpräsident Benjamin Nentanjahu erklärte, die Streitkräfte hätten in Notwehr gehandelt. Er bedauerte, dass bei der Erstürmung Menschen getötet wurden - und betonte zugleich, dass die Blockade des Gaza-Streifens fortgesetzt würde.

Dabei ist es noch völlig unklar, was sich auf hoher See zugetragen hat. Bis zum Montagnachmittag war es nicht möglich, mit Passagieren der festgesetzten Flotte Kontakt aufzunehmen, um ihre Version der Ereignisse zu hören.

An Bord der Flottille waren etwa 700 Menschen, darunter nach Angaben des Auswärtigen Amts zehn Deutsche. Auch zwei Bundestagsabgeordnete der Linken sowie ein ehemaliger Abgeordneter der Partei hatten sich der Aktion angeschlossen, ebenso wie der Bestsellerautor Henning Mankell und die Friedensnobelpreisträgerin Mairead Corrigan Maguire aus Nordirland.

Die Aktivisten wurden in eine vor Tagen im Hafengebiet errichtete Einrichtung gebracht, Zutritt für Journalisten gab es nicht. Vermutlich wird es Tage dauern, bis sie aus ihrer Sicht berichten können, was sich auf der "Mavi Marmara" zugetragen hat. Die Aktivisten werden wohl erst reden können, wenn sie in ihren Heimatländern eingetroffen sind, in die Israel sie unter Androhung von Gefängnisstrafen abschieben will. Bis zur Deportation sollen die Betroffenen festgehalten werden - ohne Zugang zu Telefon oder Internet.

Wie konnte die Spezialeinheit so überrumpelt werden?

Derweil bleibt Israel bei seiner Version der Ereignisse. "Unsere Soldaten wurden von bis zu 30 Terroristen angegriffen, als sie sich von Hubschraubern aufs Deck des Schiffs abgeseilt hatten", sagt Schahar Arieli, ein Vertreter des israelischen Außenministeriums, der internationalen Presse in Aschdod. Der Mob habe versucht, israelische Soldaten zu töten, im Zuge dessen seien zwei Soldaten ihre Waffen entrissen worden. Terroraktivisten hätten dann das Feuer auf die Israelis eröffnet, diese hätten sich bloß verteidigt.

"Israel hat es nicht auf eine Konfrontation angelegt, wir haben nicht erwartet, dass wir angegriffen werden", so Arieli. Wie es dazu kommen kann, dass hochprofessionelle Spezialeinheiten sich während eines seit Tagen geplanten Einsatzes derart überrumpeln lassen, kann er nicht erklären.

"Ein Massaker"

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Schadensbegrenzung ist angesagt - auch wenn es dabei zu Patzern kommt. Am Vormittag hatte Jerusalem kolportiert, die Hilfsflotte sei nicht etwa in internationalen Gewässern angegriffen worden, sondern innerhalb der 20-Meilen-Blockade-Zone vor dem Gaza-Streifen. Kommentatoren und Politiker beriefen sich darauf, als sie den Angriff legitimierten. Später musste die Regierung eingestehen, dass die "Mavi Marmara" sehr wohl in internationalen Gewässern aufgebracht wurde.

Besonnene Stimmen? In der Minderheit

Im Übrigen mache es gar keinen Unterschied, wo sich der Zwischenfall zugetragen habe, sagt Außenamtssprecher Arieli nun in Aschdod. "Wenn man weiß, dass jemand versuchen wird, ein Verbrechen zu begehen, darf man ihn schon im Vorfeld daran hindern. Wenn du weißt, dass jemand in dein Haus einbrechen will, kannst du ihn schon auf der Straße stoppen", erklärt der Offizielle.

Es sind nur wenige Israelis, die sich an diesem Tag besonnen zu Wort melden. Amos Harel, der Militärexperte der linksliberalen Tageszeitung "Haaretz", schreibt, der Schaden, den sich Israel international zugefügt habe, könne wohl kaum überschätzt werden. Tatsächlich hat die Attacke auf den Konvoi international scharfe Kritik hervorgerufen.

In Tel Aviv wollen einige Israelis demonstrieren, auf Facebook wird zu einer abendlichen Mahnwache vor dem Verteidigungsministerium aufgerufen. Israel habe "eine Regierung von Pyromanen, die die Region in Brand steckt", schreiben die Veranstalter, dagegen müsse jeder Bürger auf die Straße gehen.

Viel Unterstützung findet diese Sicht der Dinge offenbar nicht: Am Nachmittag haben gerade mal 438 Facebook-Nutzer ihre Teilnahme an der Demo zugesagt.

Mit Material von dpa

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Die Streitpunkte zwischen Israelis und Palästinensern
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Grenzen
Palästinensische Politiker fordern, dass Israel sich aus den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten zurückzieht. Das Westjordanland und Gaza sollen Staatsgebiet des unabhängigen Staates Palästina sein - mit der Hauptstadt Jerusalem.

Israel wäre wohl bereit, sich aus mehr als 90 Prozent des Westjordanlands zurückzuziehen und einen Kompromiss einzugehen: Israel behält die großen Siedlungsblöcke und entschädigt die Palästinenser dafür mit Land in der Wüste Negev, das an Gaza grenzt.
Rückkehrrecht der Flüchtlinge
Israel soll das Recht auf Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge anerkennen, so wie es die Resolution 194 der Vollversammlung der Vereinten Nationen beschreibt. Wie das Recht praktisch umgesetzt wird, soll in einem bilateralen Abkommen geregelt werden.

Israel will das Recht auf Rückkehr nur für die Gebiete eines zukünftigen Staates Palästina in die Praxis umsetzen. Es soll keine Rückkehr in israelisches Territorium geben.
Verbindung zwischen Gaza und dem Westjordanland
Die Palästinenser fordern einen Landweg zwischen den räumlich getrennten Territorien des Gaza-Streifens und des Westjordanlands, der vom Staat Palästina verwaltet und gesichert wird.

Israel will das Westjordanland und Gaza durch hohe Brücken oder Tunnel miteinander verbinden. Israel verwaltet und sichert den Verbindungsweg.
Jerusalem
Die Palästinenser wollen Ost-Jerusalem als Hauptstadt des zu gründenden palästinensischen Staates. Der gesamte Tempelberg würde dann vom Staat Palästina kontrolliert, nur die Klagemauer stünde weiterhin unter israelischer Hoheit.

Israel will die Mehrheit der palästinensischen Viertel Jerusalems vom Staat Palästina verwalten lassen, die jüdischen Enklaven in Ost-Jerusalem stehen unter israelischer Verwaltung. Beide Staaten kontrollieren den Tempelberg gemeinsam, möglicherweise mit internationaler Beteiligung.

Fläche: 22.072 km²

Bevölkerung: 8,358 Mio.

Regierungssitz: Jerusalem

Staatsoberhaupt:
Reuven Rivlin

Regierungschef: Benjamin Netanjahu

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Die Hilfsorganisation Free Gaza
Die Ziele
Die internationale Organisation Free Gaza will mit Hilfsgütern die palästinensische Bevölkerung des Gaza-Streifens unterstützen. Solidaritätsfahrten von Schiffen sollen auch öffentlichkeitswirksam auf die Blockade des Gebiets durch Israel hinweisen. "Wir wollen der Strangulation und dem Aushungern einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Menschen nicht tatenlos zusehen", heißt es von der Organisation dazu.
Die Helfer
Free-Gaza-Spendensammlungen werden in Deutschland unter anderem unterstützt von der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft, die kirchliche Friedensorganisation Pax Christi und dem Verein Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Mehrfach wurden Fahrten von "Solidaritätskonvois" mit Dutzenden bis Hunderten Aktivisten an Bord und prominenten Unterstützern organisiert.
Die Konvois
Im August 2008 erreichten laut Free Gaza zwei Schiffe mit Hilfsgütern im Wert von 200.000 Euro von Griechenland über Zypern Gaza. Im Oktober 2008 brachten 26 Aktivisten auf einem weiteren Schiff medizinische Hilfsgüter nach Gaza. Während des Gaza-Krieges endete eine Solidaritätsfahrt Ende Dezember 2008 kurz vor der Küste. Nach Angaben der Aktivisten wurde ihr Boot nach Schüssen vor den Bug von einem israelischen Kriegsschiff gerammt und zum Abdrehen gezwungen. Bei einem weiteren Versuch im Juni 2009 wurde ein Hilfsschiff vor Gaza abgefangen und in den israelischen Hafen Aschdod gezwungen.
Leben im Gaza-Streifen
Der Alltag der rund 1,5 Millionen Palästinenser in dem dicht bevölkerten Küstenstreifen am Mittelmeer ist seit Jahren von Gewalt und sozialer Not bestimmt. Die meisten Menschen sind auf internationale Hilfe angewiesen. Seit 2007 kontrolliert die radikal-islamische Hamas den Gaza-Streifen. Nach einem massiven Raketenbeschuss aus Gaza startete Israel im Dezember 2008 die dreiwöchige Militäroffensive "Gegossenes Blei", bei der nach palästinensischen Angaben mehr als 1400 Palästinenser getötet wurden. Israel erklärte den Gaza-Streifen zum "feindlichen Gebiet" und sperrte alle Zufahrten zu Lande und zu Wasser, was das Wirtschaftsleben weitgehend zusammenbrechen ließ.

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