Israelische Militäroffensive Umstrittener Erfolg im Kampf gegen die Hisbollah

17 Tage dauern die Angriffe auf den Libanon jetzt an. Die israelische Armee behauptet, die radikal-islamische Hisbollah sei schwer angeschlagen. Doch beim Geheimdienst Mossad regen sich Zweifel an den Erfolgsmeldungen.


Tel Aviv - Offen widersprach jetzt Mossad-Chef Meir Dagan seinem Kollegen vom militärischen Geheimdienst: Hisbollah sei nach wie vor dazu in der Lage, den Kampf auf dem bisherigen Niveau fortzusetzen - und das auf lange Zeit, sagte Dagan laut einem Bericht der Online-Ausgabe der israelischen Zeitung "Haaretz". Amos Yadlin, Chef des militärischen Geheimdienstes, teilt diese Einschätzung jedoch nicht: Die radikal-islamische Schiitenmiliz sei an vielen Punkten mittlerweile zerstört, soll er laut "Haaretz" gestern während einer Sicherheitssitzung des israelischen Kabinetts gesagt haben. 200 getötete Hisbollah-Kämpfer will die Armee bisher gezählt haben.

Khiam, Südlibanon: Unter Beschuss
AP

Khiam, Südlibanon: Unter Beschuss

Die schwersten Verluste habe die Hisbollah im Süd-Libanon bei Kämpfen um die Ortschaften Marun al-Ras und Bint Dschbeil hinnehmen müssen, hieß es heute aus Kreisen der israelischen Armee IDF. Dort seien allerdings auch mindestens 16 israelische Soldaten ums Leben gekommen.

Auch heute setzte die israelische Luftwaffe ihre Angriffe auf Ziele im Libanon fort. Binnen 24 Stunden wurden rund 130 Ziele getroffen, darunter ein Stützpunkt der Hisbollah im Bekaa-Ebene, wie die Streitkräfte mitteilten. Nach libanesischen Angaben wurden bei der Bombardierung eines Wohnhauses in Nabatijeh am Morgen mindestens ein Mensch getötet und vier weitere Personen verletzt.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Beirut sind den Kämpfen seit dem 12. Juli bereits 600 Zivilpersonen zum Opfer gefallen. Die offizielle Zahl der zivilen Todesopfer im Libanon lag bis gestern Abend allerdings bei 382. Auf israelischer Seite wurden 33 Soldaten und 19 Zivilpersonen getötet.

Unterdessen zogen sich die israelischen Streitkräfte nach einem Vorstoß mit Panzern in den nördlichen Gazastreifen wieder zurück. Die Luftangriffe gingen jedoch weiter. Bei der zweitägigen Bodenoffensive wurden 29 Palästinenser getötet. Bei einem Luftangriff auf eine Metallwerkstatt in Chan Junis wurden am Morgen nach Angaben palästinensischer Sanitäter neun Menschen verletzt, darunter zwei Kinder. Bei Nablus im Westjordanland fand die israelische Polizei ein ausgebranntes Fahrzeug mit einem verkohlten Leichnam. Dem israelischen Rundfunk zufolge könnte es sich um einen jüdischen Siedler handeln, der von militanten Palästinensern entführt worden sei.

Israelische Zeitungen berichten, US-Außenministerin Condoleezza Rice werde am Samstagabend erneut in Israel eintreffen, um sich um eine Beilegung des Libanon-Konflikts zu bemühen. Von Regierungsseite wurde dies zunächst nicht bestätigt. Die USA hatten zuvor eine Verurteilung Israels wegen des Angriffs auf den Posten der Unifil verhindert.

London will US-Bombenlieferungen genehmigen

Großbritannien will laut der britischen Zeitung "The Times" einen US-Transport mit Bomben für Israel über sein Territorium genehmigen. Die beiden Airbus 310-Flugzeuge mit den Laserbomben, die am Wochenende auf dem Flughafen Glasgow Prestwick zwischengelandet waren, dürften ihren Flug fortsetzen, berichtet die Zeitung unter Berufung auf einen Regierungsmitarbeiter. Dieser habe versichert, dass London diese Genehmigung stets erteilt habe.

Die Lieferung hatte in den vergangenen Tagen für Verstimmungen zwischen der britischen und der US-Regierung gesorgt, da die US-Behörden die Transporte als "Zivilflüge" deklariert und die tatsächliche Lieferung verschwiegen hatten. Washington wies die britischen Bedenken gestern als Formalfrage zurück.

Dem "Times"-Bericht zufolge wollte der britische Premierminister Tony Blair die Angelegenheit während seines Besuchs in den USA nicht weiter ansprechen. Blair wird am Abend von US-Präsident George W. Bush empfangen. In Großbritannien steht der Premier wegen seiner Nähe zu Washington derzeit heftig in der Kritik. Laut einem Bericht der Tageszeitung "Guardian" will Blair Bush aber von der Notwendigkeit einer Waffenruhe im Nahen Osten überzeugen.

Deutscher Einsatz bleibt umstritten

In der Debatte um einen möglichen Einsatz deutscher Soldaten in Nahost hat der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Gernot Erler, zur Zurückhaltung gemahnt. "Es ist viel zu früh, ohne Kenntnis des Mandats über eine mögliche deutsche Beteiligung zu sprechen", sagte Erler in einem Interview mit der "Neuen Presse" in Hannover. "Wir sollten uns hier zurückhalten", so Erler weiter. Er bekräftige zugleich, dass es in der Bundesregierung eine breite Unterstützung für den Vorschlag gebe, eine Friedenstruppe im Krisengebiet einzusetzen. "Solch ein Mandat müsste nicht nur robust sein, sondern weit mehr als militärische Aufgaben umfassen."

Erler signalisierte, dass sich Berlin um eine Freilassung der entführten israelischen Soldaten bemühen wolle, um so die Lage im Nahen Osten zu entspannen. Die Bundesregierung habe dazu drei Erkundungsteams nach Beirut, Damaskus und zu den Vereinten Nationen nach New York geschickt.

lan/AFP/AP



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