Gewalt gegen Kinder durch Israels Armee: Eingeschüchtert, erniedrigt und verletzt

Gewalt gegen Minderjährige ist in den palästinensischen Gebieten alltäglich. In einem Bericht der Bürgerrechtsgruppe Breaking the Silence schildern israelische Soldaten, wie sie Kinder und Jugendliche schlugen, verletzten und erniedrigten. Ihre Aussagen sollen künftige Wehrpflichtige aufrütteln.

Israelische Soldaten, palästinensischer Junge: Gewalt gehört zum Alltag Zur Großansicht
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Israelische Soldaten, palästinensischer Junge: Gewalt gehört zum Alltag

Berlin/Jerusalem - "Das Kind, das dort auf dem Boden lag und um sein Leben flehte, war neun Jahre alt. Eine geladene Waffe ist auf ihn gerichtet, und er muss um Gnade betteln? Das hinterlässt Narben für das gesamte Leben." Mit diesen Worten schildert ein ehemaliger Soldat der israelischen Armee (IDF) einen Vorfall aus dem Jahre 2007.

Seine Aussage ist Teil eines 72-seitigen Berichts, den die israelische Bürgerrechtsbewegung Breaking the Silence vorgestellt hat. Darin schildern 47 ehemalige Militärangehörige den täglichen Umgang mit Kindern und Jugendlichen in den besetzten palästinensischen Gebieten. Gewalt gegen Minderjährige gehört dort demnach zum Alltag. Sie werden geschlagen, willkürlich festgenommen, eingeschüchtert, erniedrigt und verletzt. Oftmals sind diese Maßnahmen Reaktionen auf Steinwürfe der palästinensischen Jugendlichen.

Auch der zitierte Ex-Soldat rechtfertigt sein Handeln damit: "Wenn wir zu diesem Zeitpunkt nicht in das Dorf eingedrungen wären, wären wir am nächsten Tag mit Steinen beworfen worden, und beim nächsten Mal wäre vielleicht jemand verletzt oder getötet worden", sagt er.

Die ehemaligen Militärs beschreiben auch, wie palästinensische Kinder von der IDF als menschliche Schutzschilde missbraucht worden seien - eine Praxis, die Israels Oberster Gerichtshof schon vor Jahren für illegal erklärt hatte. Dennoch habe der Kommandeur einer Einheit seinen Soldaten erklärt: "Ich weiß, dass es illegal ist, aber ich nehme den Tod des Nachbarn, der Mutter, der Frau in Kauf, so dass keiner meiner Männer getötet wird, wenn wir in das Haus eindringen."

"Der Junge hatte Todesangst"

Die Aussagen der Soldaten belegten die wachsende Unmoral des israelischen Militärs, kritisiert Breaking the Silence. Das Land hat die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterzeichnet, sorge aber gleichzeitig dafür, dass Minderjährige unter israelischer Besatzung ohne Schutz aufwüchsen. Die IDF behandele palästinensische Kinder und Jugendliche wie Volljährige.

"Wenn du das erste Mal deine Waffe auf ein fünf Jahre altes Kind richtest, fühlst du dich schlecht hinterher und sagst dir, dass das nicht richtig ist", beschreibt ein Soldat den Alltag im Westjordanland. "Aber das ändert sich, wenn du in ein Dorf kommst und mit Steinen beworfen wirst. Wenn du an einer Schule vorbeikommst, bewerfen dich die Kinder jedes Mal mit Steinen."

Mehr als vier Jahrzehnte Besatzung haben dazu geführt, dass palästinensische Kinder die israelische Armee als alltägliche Bedrohung betrachten. So schildert ein Reservist einen Vorfall aus Nablus im Jahr 2006. Seine Einheit habe "aus Langeweile" einen Checkpoint eingerichtet und ein Kamerad habe einen palästinensischen Jungen angesprochen: "Er fragte ihn, was er lernt, und meinte es überhaupt nicht böse. Dann sah ich, wie sich der Junge fast in die Hosen machte, als der Typ versuchte, einen Spaß mit ihm zu machen. Sie lebten in völlig verschiedenen Welten. Der Typ machte Witze, und der Junge hatte Todesangst."

In einer ersten Reaktion kritisierte die IDF, dass Breaking the Silence dem Militär die Aussagen nicht vorab zur Verfügung gestellt habe. Daher habe die Armee die erhobenen Vorwürfe bislang nicht überprüfen können. Die Menschenrechtsorganisation versuche, ein schlechtes Licht auf die IDF und ihre Soldaten zu werfen, sagte ein Sprecher.

Trotzdem will Breaking the Silence ab der nächsten Woche den Bericht an Schulen in Israel verteilen. Damit solle die nächste Generation israelischer Soldaten auf die bittere Wirklichkeit in den besetzten Gebieten vorbereitet werden.

syd

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1.
franko_potente 27.08.2012
Zitat von sysopAFPGewalt gegen Minderjährige ist in den palästinensischen Gebieten alltäglich. In einem Bericht der Bürgerrechtsgruppe "Breaking the Silence" schildern israelische Soldaten, wie sie Kinder und Jugendliche schlugen, verletzten und erniedrigten. Ihre Aussagen sollen künftige Wehrpflichtige aufrütteln. Israelische Soldaten schildern Misshandlung von Kindern in Palästina - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852299,00.html)
mit Steinen zurückwerfen ist aber keine Option? Man hinterlääst keine Narben bei den Kindern, sondern blinden HASS auf alles jüdische. Wie kommt man denn auf den schalen Grat, Kinder mit Waffen zu bedrohen? Ich rede hier nicht von halbwüchsigen 16 jährigen, sondern von beschriebenen 5-9 jährigen. Wenn man aus der Geschichte nichts lernt.....nichtwahr...ich weiß, egtl ist das euer Text..
2. .
frubi 27.08.2012
Zitat von sysopAFPGewalt gegen Minderjährige ist in den palästinensischen Gebieten alltäglich. In einem Bericht der Bürgerrechtsgruppe "Breaking the Silence" schildern israelische Soldaten, wie sie Kinder und Jugendliche schlugen, verletzten und erniedrigten. Ihre Aussagen sollen künftige Wehrpflichtige aufrütteln. Israelische Soldaten schildern Misshandlung von Kindern in Palästina - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852299,00.html)
Und dann wundert man sich, dass sich diese Kinder die Misshandlung merken und als junge Erwachsene Raketen auf Israel abfeuern. Das ganze ist eine lächerliche und nicht aufzuhaltende Spirale der Gewalt. Diese Region braucht einen Friedensplan oder soll es die nächsten 50 Jahre so weiter gehen?
3. Schande
frautina 27.08.2012
Es ist eine Schande, wie israelische Soldaten Palästinenser behandeln. Wo sie die Möglichkeit haben, erniedrigen und quälen sie diese Menschen. Es gibt viele Berichte und Dokumentationen darüber. Kein Wunder lässt die Sympathie für Israel weiter nach oder ist tot.
4.
Zidane2008 27.08.2012
Zitat von sysopAFPGewalt gegen Minderjährige ist in den palästinensischen Gebieten alltäglich. In einem Bericht der Bürgerrechtsgruppe "Breaking the Silence" schildern israelische Soldaten, wie sie Kinder und Jugendliche schlugen, verletzten und erniedrigten. Ihre Aussagen sollen künftige Wehrpflichtige aufrütteln. Israelische Soldaten schildern Misshandlung von Kindern in Palästina - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,852299,00.html)
Das ist ja ein Interessanter Beitrag. Israel besetzt palästinensische Gebiete. Halten Waffen auf Zivilisten, verhaften und töten Menschen und dann erlauben sie sich Scherze mit einem Jungen. Der junge ist damit aufgewachsen. Was soll er sonst machen, wenn ein Israelische Soldat mit Ihm Scherze macht? Lachen?
5. Zweischneidiges Schwert
spm 27.08.2012
Es fehlt ein Buch der palästinensischen Kinder und Jugendlichen zum täglichen Umgang mit israelischen Soldaten. Die Aktionen von Reaktionen zu trennen ist hier kaum möglich.
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Geschichte Israels
Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
DPA
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
DPA
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
DPA
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
AP
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
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Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
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Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
REUTERS
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.

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Israels Regierungschefs: Wechselspiel der Macht