Israelischer Angriff auf Hamas: Gewalt in Gaza löst weltweit Bestürzung aus

Leichen in den Straßen, Panik in der Bevölkerung: Die israelischen Luftangriffe haben den Gaza-Streifen ins Chaos gestürzt. Mehr als 200 Menschen sollen getötet worden sein, Hamas-Chef Maschaal rief zu einer neuen Intifada auf. Außenminister Steinmeier warnt vor einer "Spirale der Gewalt".

Gaza/Tel Aviv - Im Nahen Osten eskaliert die Gewalt: Erst bombardierte Israel Einrichtungen der Hamas im Gaza-Streifen - inzwischen feuern Anhänger der islamistischen Organisation mit selbstgebauten Raketen zurück. Nach israelischen Polizeiangaben schlugen mehr als 30 selbstgebaute Geschosse auf israelischem Boden ein. In der Stadt Netiwot kam laut israelischen Radioberichten eine Frau ums Leben. Vier weitere Israelis wurden verletzt.

Der im Exil lebende Chef der islamistischen Hamas, Chalid Maschaal, hat die Palästinenser unterdessen zu einer neuen Intifada gegen Israel aufgefordert. "Wir rufen zu einer militärischen Intifada gegen unseren Feind auf", sagte Maschaal in einem Interview mit dem Fernsehsender al-Dschasira. "Der Widerstand wird sich mit Selbstmordaktionen fortsetzen", fügte Maschaal hinzu, der in der syrischen Hauptstadt Damaskus lebt.

Ungeachtet dessen hat die israelische Luftwaffe am Samstagabend ihre Angriffe auf Ziele im Gaza-Streifen fortgesetzt. Bei einem Angriff auf Dschabalija wurde nach palästinensischen Angaben ein militanter Palästinenser getötet. Bei einem weiteren Angriff auf Gaza starben zwei Militante. Zuvor hatten Kampfflugzeuge eine Waffenfabrik sowie ein Medienzentrum der islamistischen Hamas in der Nähe von Chan Junis im südlichen Gaza-Streifen beschossen.

In Gaza-Stadt spielten sich nach den israelischen Luftangriffen am Mittag chaotische Szenen ab. Auf den Straßen lagen tote Männer in Polizeiuniformen. Anderen Leichen fehlten der Kopf oder Gliedmaßen. Im Minutentakt wurden Verletzte in das Schifa-Krankenhaus gebracht. Die Ärzte appellierten an die Bevölkerung, Blut zu spenden. Ägypten öffnete den Rafah-Grenzübergang zum Gaza-Streifen, damit Verletzte in ägyptische Krankenhäuser gebracht werden können. In der Bevölkerung herrscht Panik. "Die Kinder schreien, wir wissen nicht, was wir tun sollen", klagte eine Mutter von fünf Kindern im Gaza-Streifen. "Wo ist es sicher? Um uns herum ist überall Rauch. Wir wissen nicht, was wir tun sollen."

Israel und Hamas geben sich dagegen unerbittlich und drohen beide mit weiteren Angriffen. Hamas-Sprecher Fausi Barhum sagte, Israel werde für das "Blutbad" einen hohen Preis zahlen - und forderte, Raketen auf Israel abzufeuern.

"Wir haben der Hamas den Krieg erklärt"

Der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak kündigte an, dass der Militäreinsatz falls notwendig ausgeweitet werde. Eine Waffenruhe mit der Hamas lehnte Barak am Samstag in einem Interview mit einem US-Fernsehsender ab. Er verglich die internationalen Aufrufe dazu mit der Forderung nach einem Waffenstillstand der USA mit der radikalen al-Qaida. "Wenn von uns eine Waffenruhe mit der Hamas verlangt wird, dann ist das für uns so, als ob Sie zu einer Waffenruhe mit der al-Qaida aufgefordert werden", so Barak.

Israels Ministerpräsident Ehud Olmert drohte mit der großen Zerstörungskraft der israelischen Armee und bereitete die internationale Gemeinschaft auf hohe Opferzahlen vor. "Wir haben der Hamas den Krieg erklärt", sagte er.

Nach Angaben eines hochrangigen Militärs gibt es für den Militäreinsatz keine zeitliche Begrenzung. Die Angriffe könnten Tage oder Monate dauern. Alles hänge von der Hamas ab. Nach den Worten des Militärs wurden ausschließlich militärische und keinerlei zivile Ziele angegriffen.

Palästina zählt schon jetzt die Leichen. Nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde kamen bei den israelischen Bombardements mehr als 200 Menschen ums Leben. 300 bis 750 Personen seien verletzt worden. Es handle sich um die höchsten Opferzahlen an einem Tag seit dem Sechstagekrieg von 1967. Unter den Toten befinde sich der Polizeichef der islamistischen Hamas-Organisation Tawfik Dschabber. Allerdings gibt es bislang keine unabhängige Bestätigung dieser Zahlen. Andere Quellen sprachen von mehr als 150 Toten.

Gaza droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken

Weltweit reagierten Regierungsvertreter auf die erneute Eskalation im Gaza-Streifen mit Bestürzung. "Der Gaza-Streifen droht erneut in einer Spirale der Gewalt zu versinken", sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) der "Bild am Sonntag". Generell billigte er Israel allerdings das Recht auf Selbstverteidigung zu. Ban Ki Moon, Generalsekretär der Uno, rief zu einem "sofortigen Stopp aller Gewalt" im Gaza-Streifen auf.

Hilfsorganisationen, darunter Medico International und Oxfam, warnten vor verhängnisvollen Folgen der Gewalt im Gaza-Streifen. Die medizinische sowie die Wasser- und Stromversorgung könnten vollständig zum Erliegen kommen, erklärte Oxfam-Direktor Jeremy Hobbs.

In der arabischen Welt lösten Israels Angriffe Empörung aus. In Ägypten, Jordanien, Syrien und dem Libanon kam es am Samstag zu Protestkundgebungen von Exil-Palästinensern. In der jordanischen Hauptstadt Amman protestierten Hunderte Demonstranten vor der dortigen Niederlassung der Vereinten Nationen.

Treffen der Arabischen Liga am Mittwoch

Die Arabische Liga verschob ihr zunächst für den Sonntag geplantes Treffen, bei dem eine gemeinsame Position zu den israelischen Angriffen im Gaza-Streifen gefunden werden soll, auf Mittwoch. Mehrere der Außenminister seien nicht abkömmlich, da es andere Termine gebe, sagte der Generalsekretär der Liga, Amr Mussa, am Samstagabend. Die Arabische Liga werde bis dahin aber nicht schweigen und die Konsultationen würden fortgeführt.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas forderte die israelische Regierung auf, "diese Aggression sofort zu beenden". Die Hamas hatte vor einer Woche den im Juni unter ägyptischer Vermittlung ausgehandelten Waffenstillstand mit Israel offiziell für beendet erklärt.

Israel rechtfertigt Angriffe als Verteidigung

Der israelische Armeesprecher Benjamin Rutland rechtfertigte die Luftangriffe dagegen als Verteidigung. Ziel sei es gewesen, den Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen zu minimieren. Dort leben 125.000 Israelis mit der ständigen Gefahr, bei einem Angriff getötet zu werden. Die Vorwarnzeit bei einem Angriff liegt in einigen Städten und Kibbuzim bei lediglich 15 Sekunden. Seit Sommer 2005 - dem Rückzug Israels aus dem Gaza-Streifen - seien mehr als 7000 Raketen und Mörsergranaten in Israel eingeschlagen, sagte Rutland. "Kein Land in der Welt würde oder sollte Angriffe dieser Art tolerieren."

Der Angriff Israels erfolgte mit voller Wucht: Rund 60 Kampfflugzeuge griffen nach israelischen Medienberichten am Samstagvormittag den Gaza-Streifen an. Rund 50 Einrichtungen der Hamas seien zerstört worden, hieß es, darunter Polizeistationen, Gebäude der Sicherheitskräfte, Ausbildungsgelände sowie Waffendepots. Danach hätten Kampfflugzeuge 25 Abschussrampen für Raketen beschossen.

Nach einer Erklärung aus dem Büro des amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert wurde eine langfristig angelegte Militäroperation bereits am 24. Dezember gebilligt. Olmert sowie Verteidigungsminister Barak und Außenministerin Zipi Livni hätten dann am Samstagmorgen die Luftangriffe genehmigt.

Das israelische Sicherheitskabinett wollte nach Medienangaben eigentlich erst am Sonntag über einen Militäreinsatz beraten. Olmert hatte noch am Donnerstag - also einen Tag, nachdem der Militäreinsatz gebilligt worden war - die militanten Palästinenserorganisationen aufgefordert, den Beschuss sofort einzustellen.

Israels Präsident Schimon Peres schloss am Samstag einen Einmarsch der Armee im Gaza-Streifen aus. "Es wird keinen Krieg geben. Wir werden nicht in Gaza einmarschieren", sagte Peres in einem Interview mit der saudi-arabischen Zeitung "Al Schark al-Awsat", das vor Beginn der Luftangriffe geführt worden war.

ssu/cte/fsc/AFP/AP/dpa/ddp/Reuters

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