Israelisches Skandalvideo Bauchtanz zur Erniedrigung

Ein israelischer Soldat tanzt um eine gefesselte Palästinenserin, macht sie an, verhöhnt die verängstigte Frau. Ein jetzt bekannt gewordenes YouTube-Video von 2008 löste Proteste in Israel aus. Ministerpräsident Netanjahu spricht ein Machtwort - denn es ist nicht der erste solche Fall.

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Von , Jerusalem


Die Frau drückt sich gegen die Wand, scheint sich in ihr verkriechen zu wollen. Mit verbundenen Augen und gefesselten Händen macht sie sich so klein wie möglich, als die Handy-Kamera anfängt aufzuzeichnen. Nach wenigen Sekunden ist Musik zu hören, ein arabischer Rhythmus.

Ein Mann in Oliv hüpft ins Bild: Der Uniform nach ein israelischer Soldat, er trägt Sonnenbrille. Die Arme ausgestreckt, in den Knien elastisch, tanzt er im arabischen Bauchtanzstil um die Gefangene herum. Er tut so, als ob er sich an ihr reibt, gibt vor, mit ihr zu flirten. Zwischendurch ist das Gelächter von Umstehenden zu hören.

Eine Minute, 15 Sekunden dauert der Clip, der in Israel für Empörung sorgt. Die Aufnahmen sollen schon vor zwei Jahren auf der Internetplattform YouTube gepostet worden sein, diese Woche wurden sie zum Aufreger. Am Montag zeigte der israelische Sender Kanal 10 die Episode, begleitet von betroffenen Kommentaren der Moderatoren: Die Fälle, bei denen sich junge Soldaten gegenseitig beim Erniedrigen von palästinensischen Gefangenen ablichteten, nähmen langsam überhand. Was anfangs gewirkt habe wie die Missetaten Einzelner, scheine zum gesellschaftlichen Phänomen geworden zu sein.

Dass es sich bei den dokumentierten Verhöhnungen nicht mehr nur um vereinzelte Verfehlungen handelt, zeigte auch die Reaktion des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Erstmals kommentierte er einen solchen Fall und verurteilte ihn scharf. "Diese Aktionen und Videos sind für die Armee und den Staat Israel beschämend", sagte Netanjahu am Mittwoch. Sie fügten Israel international "schweren Schaden" zu. Die Armee behandle ihre Gefangenen ehrenvoll. "Sie zu beleidigen, ist nicht die Art des Staates Israel oder des jüdischen Volkes."

Schon viele Fälle von Erniedrigung

Erstmals wurde das Problem durch den Fall Eden Abergil ins Licht der Weltöffentlichkeit gebracht. Im August stellte die junge Israelin Fotos aus der Zeit ihres Militärdienstes auf Facebook. Auf ihnen ist sie breit grinsend neben einem festgenommenen Palästinenser zu sehen. Dessen Augen sind verbunden, seine Hände gefesselt. "Die beste Zeit meines Lebens", schrieb die ehemalige Soldatin über das Foto und ihren Wehrdienst. Später tauchten Kommentare auf ihrer Facebook-Seite auf, nach denen sie "froh wäre, Araber zu töten, ja, zu schlachten".

Nur Tage nach dem Skandal um Abergil wurden drei Soldaten ertappt, als sie sich gegenseitig mit ihren Handys neben Gefangenen fotografierten. Die drei wurden festgenommen.

Gegen sechs andere Soldaten laufen inzwischen Strafverfahren, weil sie - ebenfalls nach dem Abergil-Fall - während einer Patrouille in Hebron einen Filmstopp einlegten. Auf dem inzwischen gelöschten Clip "Das Bataillon 50 rockt die Kasbah von Hebron" sind die Mitglieder der Nahal-Brigade zu sehen, die bewaffnet und mit Schusswesten ausgerüstet in einem Stadtteil Hebrons patrouillieren. Just als der Muezzin die palästinensischen Einwohner Hebrons zum Gebet ruft, setzt Musik ein. Zum US-Hit "Tick Tock" tanzen die sechs daraufhin eine offenbar vorher einstudierte Choreografie à la Ententanz.

"Der Alptraum ist wieder da"

Inzwischen hat sich das palästinensische Opfer aus dem jüngsten Video zu Wort gemeldet. "Der Film hat die bösen Erinnerungen zurückgebracht, der Alptraum ist wieder da", sagte die Frau der Zeitung "Yedioth Ahronoth". Das sei die "schmutzige Wäsche" des Militärs.

Die Frau stammt aus dem Dorf Nuba im Westjordanland. Im Dezember 2007 wurde sie verhaftet - unter dem Verdacht, Mitglied des Islamischen Dschihads zu sein. Tatsächlich saß sie wegen Verbindungen zu der Gruppe später eine zweijährige Gefängnisstrafe ab.

Nach ihrem Verhör sei sie der Gruppe Soldaten in die Hände gefallen, sagte sie . "Sie haben Musik gespielt. Einer von ihnen kam mir sehr nah. Ich konnte das Tuch über meinen Augen etwas lüften und sah, dass es ein ganzer Haufen war", sagt die heute 24-Jährige. "Sie sind um mich herum getanzt, hatten eine richtige Party. Ich habe mich geschämt und erniedrigt gefühlt."

Die Frau will nun gegen den im Clip tanzenden Soldaten klagen. "Ich will, dass sie den Soldaten bestrafen. Er hat mein Bild veröffentlicht, so dass es die ganze Welt sehen kann", sagte sie "Yedioth Ahronoth".

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