Tel Aviv - Avigdor Feldman könnte der letzte Mensch sein, der den sogenannten Gefangenen X lebend gesehen hat. Der Anwalt besuchte den Australier ein bis zwei Tage vor seinem angeblichen Freitod in einem Hochsicherheitsgefängnis in Israel. Dabei habe er keine Anzeichen für eine Suizidabsicht feststellen können. Die Affäre um den mutmaßlichen Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad belastet die Beziehungen zwischen Israel und Australien erheblich.
Der Hintergrund: Ben Zygier war im Dezember 2010 tot in einer israelischen Gefängniszelle aufgefunden worden. Angeblich soll er sich erhängt haben. Anfang der Woche hatte der australische Sender ABC dann aufgedeckt, dass der Mann für den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad gearbeitet haben soll. Zygier war gebürtiger Australier, im Jahr 2000 aber nach Israel ausgewandert. Nur langsam sickern weitere Details durch - auch weil die israelische Regierung mit Informationen äußerst sparsam umgeht.
Nun gibt es eine neue Entwicklung, die Zweifel an der Suizid-Theorie zulässt. Anwalt Feldman erklärte israelischen Medien, Ben Zygier habe sich bei dem Treffen im Dezember 2010 rational verhalten und die Möglichkeiten seiner Verteidigung erwogen. Die Unterhaltung habe bis zu zwei Stunden gedauert. Anzeichen für Nervosität oder gar Depressionen seien ihm nicht aufgefallen. In Verhören sei Zygier jedoch klar gemacht worden, dass er sich auf eine lange Gefängnisstrafe einstellen müsste.
Am Tag nach seinem Besuch sei er informiert worden, dass der australische Staatsbürger sich das Leben genommen habe. Der Freitod ereignete sich in Abteilung 15 des Isolationstrakts. Es war die einzig komplett videoüberwachte Zelle des Gefängnisses.
Wie die israelische Nachrichtenseite Walla.co.il meldet, habe Zygier in seiner Zelle sogar Besuch von Angehörigen bekommen. Der bei seinem Tod 34-Jährige war mit einer Israelin verheiratet, das Paar hatte zwei junge Kinder. Wahlweise nannte er sich auch Ben Alon oder Ben Allen.
Die israelische Regierung hat inzwischen zugegeben, dass sie im Jahr 2010 eine Person "mit doppelter Staatsbürgerschaft" festgenommen hat. Der Grund für die Inhaftierung wird als "ernst" bezeichnet. Weiter ins Detail geht die Erklärung allerdings nicht. Zuvor hatte Premier Benjamin Netanjahu eine strikte Nachrichtensperre über den Fall verhängt, die erst am Mittwoch aufgehoben wurde.
Die Einzelhaft sei aus höchsten israelischen Justizkreisen angeordnet worden, heißt es im israelischen Militärradio. Zudem hätten sich drei Anwälte um die Belange des Mannes gekümmert. Feldman sei jedoch nicht Teil dieser Gruppe gewesen. In welchem Verhältnis dieser zu dem Gefangenen stand, ist unklar.
Man habe den Mann "aus Sicherheitsgründen" unter falschem Namen inhaftiert, heißt es aus israelischen Regierungskreisen weiter. Selbst das Wachpersonal habe die wahre Identität des Gefangenen nicht gekannt. Dennoch sei die Familie des Mannes in Australien informiert worden. Die Angehörigen verweigern bisher jeden Kommentar zu dem Fall.
Mögliche Kontakte in Iran?
Die Hintergründe der Festnahme bleiben rätselhaft. Nun berichtet der britische "Guardian", der Mossad habe mit Hilfe von drei Australiern mit doppelter Staatsbürgerschaft eine Scheinfirma in Europa gegründet. Einer von ihnen sei Zygier gewesen, berichtete das Blatt. Dieses Unternehmen habe elektronische Betriebsmittel unter anderem nach Iran verkauft.
Auch für die australische Regierung wird der Fall immer peinlicher. Nachdem Canberra zunächst noch angegeben hatte, von der Inhaftierung nichts gewusst zu haben, musste sie dies nun relativieren. Am Donnerstag erklärte Außenminister Bob Carr, Australien sei im Februar 2010 über die Causa Zygier unterrichtet worden. Israel habe die Sicherheit des Inhaftierten garantiert. Auch der Tod des Mannes sei am 16. Dezember mitgeteilt worden.
Wie Medien in Australien melden, sei Zygier einer von drei Staatsbürgern gewesen, die vom australischen Geheimdienst beobachtet wurden. Sie standen unter dem Verdacht, für Israel spioniert zu haben.
jok
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