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Israels Atomhäftling Vanunu: 18 Jahre Haft - und kein bisschen leise

Von Annette Großbongardt, Tel Aviv

Nach 18 Jahren Haft wurde Mordechai Vanunu jetzt aus dem Gefängnis entlassen. Als 32-Jähriger hatte er das wichtigste militärische Geheimnis des Staates Israel verraten: die atomare Bewaffnung. Für Pazifisten ist Vanunu ein Held, für viele Israelis ein Verräter. Seine Geschichte bleibt rätselhaft. Wurde er von einer blonden Agentin in die Falle gelockt?

 Mordechai Vanunu vor Haftprüfungstermin in Jerusalem: Vom Mossad gekidnappt wie Eichmann
AP

Mordechai Vanunu vor Haftprüfungstermin in Jerusalem: Vom Mossad gekidnappt wie Eichmann

Tel Aviv - Seine letzte Nachricht an die Welt, bevor er hinter Gittern verschwand, bestand aus fünf Zeilen: "Vanunu M - hijacken in Rome ITL - 30.9.86 - came to Rome -by BA Fly 504". Mordechai Vanunu hatte sie in einem unbeobachteten Moment auf die Innenfläche seiner linken Hand gekritzelt und diese dann an die Scheibe des Jerusalemer Polizeiwagens gepresst, in dem er zu einem Haftprüfungstermin gefahren wurde. Es war der 21. Dezember 1986, als die israelische Öffentlichkeit erfuhr, dass Vanunu in Italien von Mossad-Agenten gekidnappt, betäubt und nach Israel verschleppt worden war - ähnlich wie 26 Jahre zuvor der Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann, der sich im argentinischen Exil versteckt hatte.

Mordechai Vanunu, 1954 in Marokko geborener Sohn eines jüdischen Lebensmittelhändlers, hat niemanden getötet. Das Verbrechen des Nukleartechnikers bestand darin, das bis dahin gut gehütete Geheimnis über Israels Besitz von Atomwaffen gelüftet zu haben. Der britischen "Sunday Times" lieferte Vanunu, der über 9 Jahre lang in Israels Atomanlage Dimona gearbeitet hatte, erstmals akribische technische Details und Photos über die streng abgeschirmte Nuklearproduktion in der israelischen Wüste. Die Titelgeschichte "Enthüllt - die Geheimnisse von Israels Nukleararsenal", die das Blatt am 5. Oktober 1986 veröffentlichte, machte weltweit Furore. Der mit französischer Hilfe heimlich gebaute Reaktor, den die Israelis als "Textilfabrik" ausgaben, war zwar 1960 von den erbosten Amerikanern bei Satellitenaufnahmen entdeckt worden. In der Knesset musste Regierungschef David Ben-Gurion daraufhin die Existenz der Anlage erstmals öffentlich zugeben, doch er beteuerte, der Reaktor diene rein zivilen Zwecken.

Für die einen der Held, für andere ein Verräter

Für die "Times"-Titelstory bezahlte Vanunu, in einem nicht öffentlichen Prozess wegen "Spionage" und schweren "Landesverrats" verurteilt, mit 18 Jahren Gefängnis, elf davon in strenger Einzelhaft in einer sechs Quadratmeter großen Zelle. Vor allem wohl die Umstände des Prozesses und die strengen Haftbedingungen machten ihn zum Helden der internationalen Anti-Atom-Bewegung, zum Märtyrer für eine atomwaffenfreie Welt. In den USA, Großbritannien, Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern gründeten sich Komitees zur "Befreiung von Mordechai Vanunu". Er wurde mit vielen Auszeichnungen geehrt, darunter dem "Alternativen Nobelpreis" und dem "Nuklear-Free-Future-Award". Bei seiner Freilassung aus dem Gefängnis feierten ihn seine Anhänger, darunter etliche Prominente wie die britische Schauspielerin Susannah York, frenetisch als "Friedensheld". Auf riesigen Postern mit seinem Bild sagten sie "Danke, Mordechai Vanunu". Der Freigelassene präsentierte sich ihnen ungebeugt und zornig, mit den Händen formte er das Sieges-Zeichen und erklärte: "Ich bin stolz auf das, was ich getan habe."

Was hat der Rebell wirklich erreicht? Israels Atomgeheimnis wurde gelüftet. Was vorher nur ein Verdacht war, eine weit verbreitete Annahme, wurde zur Gewissheit. Aufgrund von Vanunus Daten über die Plutonium-Herstellung in Dimona rechnete die "Times" und die von ihr engagierten Experten hoch, dass Israel über 100 bis 200 Atomwaffen verfüge. Die vernichtenden Sprengsätze sind noch immer da - unangetastet, unkontrolliert. Israel ist bis heute nicht dem Atomwaffen-Sperrvertrag beigetreten, und auch die Amerikaner, die doch weltweit auf nukleare Abrüstung drängen, lassen ihren Bündnispartner in dieser Hinsicht in Ruhe. Israel selbst, das 1991 einen irakischen Atomreaktor in einem geheimen Kommandounternehmen zerbombte, macht derzeit Druck gegen die iranische Nuklearproduktion. Doch das eigene Arsenal ist nach wie vor sakrosankt.. "Wir werden nicht die ersten sein, die solche Waffen in die Region einführen", lautet die nach wie vor gebrauchte Standard-Formel der israelischen Regierung und ihrer Politik der "atomaren Undurchsichtigkeit".

Todesdrohungen bei der Freilassung

Sporadisch wird in Israel inzwischen zwar immerhin über Gesundheitsgefahren für die Arbeiter in Dimona diskutiert, und es gibt auch Atom-Gegner. Doch von einer Anti-Atombewegung kann in dem Land, dessen Kraft von dem Konflikt mit den Palästinensern aufgezehrt wird, keine Rede sein. Es ist bezeichnend, dass das israelische Parlament erstmals im Februar 2000 eine nennenswerte Debatte über die nationale Atompolitik abhielt - damals wurden den arabischen Abgeordneten, die die Diskussion angeleiert hatten, vorgeworfen, sie wollten Israels Sicherheitsinteressen gefährden. "Selbst im heutigen Israel, wo sogar die Geheimdienste wie Mossad und Shin Bet zum Gegenstand öffentlicher Debatten und Kritik geworden sind, ist der Nuklear-Komplex auffällig abwesend von der öffentlichen Agenda", kritisiert der israelische Forscher Avner Cohen, der selbst wegen seines Buches "Israel und die Bombe" in Konflikt mit der staatlichen Zensur geriet. Er wirft den demokratischen Institutionen in Israel vor, sich in der Atomfrage "ihrer demokratischen Pflichten - Prüfen, Debattieren, Informieren, Überwachen und Kritisieren - zu entledigen".

Während das israelische Publikum beim Thema nukleare Rüstung weitgehend desinteressiert bleibt, schlagen die Emotionen im Falle Vanunu umso höher. Den meisten Israelis gilt der Mann, der für seine Tat Gewissensgründe anführt, schlicht als "Verräter". Bei seiner Freilassung brüllten hasserfüllte Gegendemonstranten des rechten Lagers sogar Todesdrohungen. "Der Mann ist ein Spion und Verräter, der Israel hasst, und alles tun will, um uns zu schaden", meint auch der eher liberale Justizminister Tommi Lapid. In einer aktuellen Umfragen erklärten fast die Hälfte der befragten Israelis, Vanunu solle überhaupt nicht entlassen werden oder nicht, solange er eine Sicherheitsgefahr darstelle. Und genau davon sind israelische Führung und Justiz überzeugt. Sie glauben, er habe noch mehr Geheimnisse aus Dimona auszuplaudern und wolle dies auch tun. In der Umfrage befürworteten nur 17 Prozent seine Freilassung ohne Einschränkungen und Auflagen. Die öffentliche Aufregung um Vanunu zeigt, dass Israel mit dem so genannten "Atomspion" noch immer nicht fertig ist.

Rückkehr in ein zerrissenes Land

Vanunu nach Freilassung: Seinem Land einen Dienst erwiesen?
AFP

Vanunu nach Freilassung: Seinem Land einen Dienst erwiesen?

Dabei hat der Häftling mit der Nummer 1005962 der Landesverteidigung sogar einen Dienst erwiesen - wenn auch unbeabsichtigt. Indem er Israels Feinden bewiesen habe, dass der jüdische Staat tatsächlich über solche Waffen verfügt, habe er "Israels Abschreckungswirkung womöglich sogar gestärkt", erkannte selbst die konservative "Jerusalem Post" an.

Nach 18 Jahren Haft, in denen er die erste und die zweite Intifada der Palästinenser verpasste, aber auch die historischen Friedensversuche von Oslo und die Rückkehr Jassir Arafats nach Palästina, kommt Mordechai Vanunu in ein zerrissenes Land zurück, das unter dem Terror aber auch an sich selbst leidet und politisch deutlich nach rechts gedriftet ist. Eigentlich will der Atom-Gegner, der bereits 1986 auf einer Australienreise zum Christentum konvertierte und den Zweitnamen "John Crossman" annahm, hier gar nicht mehr leben. Er habe all die Qualen und die "barbarische Behandlung" im Gefängnis nur erlitten, weil er Christ sei, erklärte Vanunu bei seinem emotionsgeladenen Auftritt kurz nach seiner Freilassung.

Strikt weigerte er sich, hebräisch zu reden. Das Judentum verunglimpfte er, wie auch den Islam als "rückwärtsgewandte Religion" - diese Aussage machte er zum Ärger seiner Befrager in einem umstrittenen Geheimdienst-Interview wenige Tage vor seiner Freilassung. Bezeichnenderweise wurde diese Passage ebenso an die Öffentlichkeit gespielt, wie die Information, Vanunu werde sich in einem Luxusappartement in Strandnähe von Tel Aviv niederlassen. Mitgefangene wollten sogar erlebt haben, wie sich ihr meist gehasster Mitgefangener angeblich jedes Mal freute, wenn ein palästinensischer Selbstmordattentäter zuschlug.

Vanunu will mit Israel nichts mehr zu tun haben, doch er darf nicht weg. Zu den strengen Auflagen, die vor allem seine Kontakte mit Ausländern einschränken, gehört auch, dass er ein Jahr lang das Land nicht verlassen darf. Bei der Anordnung stützt sich Israel auf eine Notstandsgesetzgebung, die noch aus britischer Mandatszeit stammt, was einen Proteststurm der Bürgerrechtler in Israel und dem Ausland auslöste.

Wurde Vanunu in die Falle gelockt?

 Atomanlage in der israelischen Negev-Wüste: Was weiß Vanunu noch?
AFP

Atomanlage in der israelischen Negev-Wüste: Was weiß Vanunu noch?

Selbst Experten in Israel fragen sich, was Vanunu eigentlich noch für einen Schaden anrichten könnte, nach 20 Jahren, in denen sich die Technik weiterentwickelt hat. Vanunu beteuert, er besitze keine Geheimnisse mehr, doch israelische Sicherheitsquellen verrieten den Medien, sie hätten in seiner Zelle umfangreiche Aufzeichnungen, darunter auch Skizzen über Dimona, sichergestellt.

Doch vielleicht sei das Motiv der strengen Auflagen auch, mutmaßen israelische Kommentatoren, "hochrangige Offizielle im Verteidigungsapparat zu schützen, die für das Sicherheitsversagen verantwortlich sind?" Denen es etwa nicht gelang, den Dimona-Angestellten Vanunu als immer mehr nach links abdriftenden radikalen Studenten-Aktivisten rechtzeitig als Sicherheitsrisiko zu erkennen. Ein paar Jahre zuvor habe Vanunu bereits versucht, beim Geheimdienst anzuheuern, so "Haaretz", sei aber aus Gründen der "Unvereinbarkeit" abgewiesen worden. Mordechai sei ein Pazifist, der schon im Libanonkrieg lieber in der Küche gearbeitet habe, als zu kämpfen, sagt sein Bruder.

In dem dubiosen Knast-Interview sagt Vanunu, er habe die Welt darüber informieren wollen, "was vor sich geht". Er nährt aber auch das Gerücht, der Mossad habe ihn womöglich benutzt, um so indirekt die Nachricht von Israels Waffenmacht zu verbreiten.

"Cindy", die blonde Spionin, die Vanunu 1986 von London nach Rom in die Hände des Mossad lockte, spukt ihm jedenfalls immer noch im Kopf herum. In seinem kurzen Auftritt vor dem Gefängnis sprach er auch von ihr und legte nahe, sie könne auch für die CIA oder das FBI gearbeitet haben. Israelische Reporter spürten die heute 44-jährige Mutter von zwei Kindern im amerikanischen Orlanda auf, wohin sie nach ihrer Enttarnung aus Israel flüchtete. Im Gegensatz zu Vanunu ließ sie die Reporter abblitzen - sie will die Vergangenheit endlich vergessen.

Vanunu, der heute aus dem Knast frei kam, wird das wohl nie gelingen.

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