Israels besetztes Land "Es herrscht nur noch Ohnmacht"

Viele israelische Journalisten berichten täglich über die Situation der Palästinenser in den besetzten Gebieten. Aber nur eine von ihnen lebt dort. Amira Hass im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE über enttäuschte Hoffnungen, mangelndes Vertrauen zum US-Präsidenten und den unterschiedlichen Wert von Blut.


SPIEGEL ONLINE:

Letzte Woche gab es in Haifa ein Selbstmordattentat - 16 Tote. Tags darauf hat die israelische Armee das Flüchtlingslager Dschabalija im Gaza-Streifen angegriffen - 13 Tote. Sie leben im Westjordanland. Wie reagieren die Menschen dort auf solche Nachrichten?

Amira Hass bei einem Recherche-Gespräch
Andre Brutmann

Amira Hass bei einem Recherche-Gespräch

Hass: Die israelischen Angriffe kommen ja nicht nur nach Selbstmordattentaten. Die gibt es die ganze Zeit. Allein im Februar wurden 72 Palästinenser getötet, darunter viele Zivilisten. Aber davon nimmt die Welt keine Notiz - und Israel schon gar nicht. Deshalb fühlen sich die meisten Palästinenser so hilflos. Sie haben den Eindruck, dass das palästinensische Blut, das fließt, nicht dieselbe Aufmerksamkeit bekommt wie israelisches Blut. Daher ist bei vielen Palästinensern das Verständnis für Selbstmordattentäter relativ groß - obwohl sie wissen, dass diese Anschläge moralisch verwerflich und selbst politisch nicht in ihrem Interesse sind.

SPIEGEL ONLINE: Es scheint fast schon Routine: Selbstmordattentat, Vergeltungsanschlag, und wenig später das nächste Selbstmordattentat... Gibt es einen Weg aus diesem Teufelskreis?

Hass: Viele vergessen, dass das erste Selbstmordattentat der zweiten Intifada stattgefunden hat, nachdem bereits viele palästinensische Zivilisten getötet worden waren. Beide Seiten sagen zwar: Die anderen haben doch angefangen. Und beide halten die andere Seite für den Aggressor. Aber das ist eine falsche Symmetrie. Schließlich ist Israel viel stärker. Dahinter steckt eine politische Motivation.

SPIEGEL ONLINE: Und die wäre?

Hass: Ich denke, Israels Premier Ariel Scharon hat eine Vision: Er will die palästinensische Gesellschaft demontieren. Er ist zwar bereit, die Rechte individueller Palästinenser anzuerkennen, aber nicht die Rechte des palästinensischen Volkes als Ganzes. Es ist kein Zufall, dass in den letzten eineinhalb Jahren alle internationalen Vorschläge, wie man weiteres Blutvergießen verhindern könnte, von Israel umgangen wurden.

SPIEGEL ONLINE: Bekommen Organisationen wie Hamas und Dschihad noch mehr Zulauf infolge der israelischen Vergeltungsmaßnahmen?

Hass: Ja, ich denke schon. Gerade unter den jungen Leuten ist die Bereitschaft sehr groß, sich an dem Kampf gegen Israel zu beteiligen - egal wie. Für sie ist das fast ein symbolischer Akt. Dabei glauben viele der Älteren, dass diese Art von Kampf beendet werden muss, weil sie zu nichts geführt hat. Doch sie können die jüngere Generation nicht wirklich beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Stehen diese jungen Menschen, die der Hamas zulaufen, denn wirklich hinter deren Zielen?

Hass: Ich glaube nicht, dass diejenigen, die sich heute solchen Gruppen anschließen, eine klare politische Vision haben. Ihr Handeln ist einfach Ausdruck ihrer Hilflosigkeit, sie haben kein bestimmtes Ziel. Sie glauben ohnehin nicht mehr, dass sie noch etwas ändern können. Vor der Intifada war das noch anders. Da waren die Leute zu einer Zwei-Staaten-Lösung bereit. Die Mehrheit konnte mit den Zielen der Hamas, die einen islamischen Staat in ganz Palästina wollte, nichts anfangen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Veränderungen haben Sie ansonsten in den rund zehn Jahren festgestellt, die sie jetzt unter Palästinensern leben?

Hass: Ich muss sagen, mich hat die Intifada nicht überrascht nach dem, was ich in Gaza und dann während der ersten Jahre in Ramallah beobachtet habe. Die Welt hat sich etwas vorgemacht: Es gab keinen Friedensprozess. Was ich in der Zeit festgestellt habe, war vielmehr der Versuch Israels, in den besetzten Gebieten ein neues System der Kontrolle zu installieren. Und das hat die Palästinenser so zornig gemacht. Natürlich hat auch die palästinensische Autonomiebehörde das Ihre dazu beigetragen, diesen Schein eines Friedensprozesses aufrechtzuerhalten, weil sie sich dadurch ihre von Israel gewährten Privilegien sicherten.

SPIEGEL ONLINE: Die Menschen setzten also von vornherein kein Hoffnung in die Oslo-Verträge?

Die "Ha'aretz"- Korrespondentin während der Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über ihre Arbeit
Andre Brutmann

Die "Ha'aretz"- Korrespondentin während der Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm über ihre Arbeit

Hass: Sicher, es gab eine Zeitlang das Gefühl, man könne seine Zukunft jetzt selbst bestimmen, man könne etwas durch Verhandlungen, durch Diskussionen, durch Überzeugungsarbeit verändern, nicht nur durch Blutvergießen. Aber die Hoffnungen wurden von den Israelis enttäuscht, vor allem dadurch dass sie die Bewegungsfreiheit der Palästinenser weiter eingeschränkt haben. Die Menschen sind heute in ihren Dörfern eingesperrt. Jetzt herrscht nur noch Ohnmacht. Es zählt nur noch die Sprache des Blutes.

SPIEGEL ONLINE: Die Intifada herrscht jetzt schon seit über zwei Jahren. Erwarten sich die Palästinenser denn wirklich, damit etwas zu erreichen?

Hass: Ich glaube nicht. Der Kampf der Palästinenser gegen die israelische Besatzung ist erbärmlich. Sie haben eine inkompetente Führung, keine gemeinsame Strategie und sind in verschiedene Fraktionen zersplittert, die einander nicht über den Weg trauen und miteinander im Wettbewerb stehen. Und sie benutzen Mord an Zivilisten als Mittel, was sich durch nichts entschuldigen lässt. Wenn man weltweite Unterstützung erlangen will, muss man sich auf einem höheren moralischen Niveau bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der drohende Irak-Krieg ein großes Thema unter Palästinensern?

Hass: Ja, auf jeden Fall. Die Menschen hier befürchten, dass damit noch mehr Unheil über sie hereinbricht, dass etwa Scharon den Krieg nutzt, um währenddessen Vertreibungsaktionen zu starten. Auf der anderen Seite befürchtet auch das israelische Militär, dass die Palästinenser im Zuge des Krieges eine Serie von Super-Attentaten gegen Israel starten. Beide Seiten haben Angst, dass der andere die Situation zum Eskalieren bringen will, während die Welt in den Irak blickt.

SPIEGEL ONLINE: US-Präsident George W. Bush hat ja gerade in einer Rede seine Visionen für eine neue Ordnung im Nahen und Mittleren Osten nach dem Krieg dargelegt. Darin spricht er auch von einem palästinensischen Staat und Zugeständnissen, die Israel machen müsse. Schöpfen die Palästinenser daraus Hoffnung?

Hass: Die Palästinenser haben wenig Vertrauen in Bush und seine Fähigkeit, Israel zu einem politischen Umdenken zu zwingen. Sie bekommen zwar - vor allem von europäischen Vermittlern - ständig zu hören, Bush sei sich bewusst, dass er sich nach einem Irak-Krieg auch um das Palästina-Problem kümmern muss. Aber die Zweifel der Menschen sind groß.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist denn die Unterstützung der Palästinenser für Präsident Jassir Arafat?

Hass: Da Israel und Amerika so sehr gegen ihn sind, solidarisieren sich natürlich viele mit ihm und sagen in dieser Situation nicht einfach, wir wollen ihn loswerden. Er gilt natürlich immer noch als Symbol für den palästinensischen Freiheitskampf. Gleichzeitig hat Arafat natürlich während des Oslo-Prozesses ein sehr undemokratisches System errichtet. Und darunter leiden die Leute.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Bush und Scharon zuhört, hat man den Eindruck, als müsse nur Arafat verschwinden, und schon würde alles gut. Ist es so einfach?

Hass: Natürlich nicht. Es wäre völlig weltfremd zu glauben, da käme jemand an Arafats Stelle, der alle Bedingungen der Israelis akzeptiert, denn das wäre in der Praxis ein unzusammenhängender Staat aus einzelnen Bantustans.

SPIEGEL ONLINE: Sie berichten auch sehr kritisch über das Arafat-Regime. Versucht die Autonomiebehörde, Ihnen die Arbeit schwer zu machen?

Hass: Früher gab es solche Versuche, 1995 wollte mich Arafat beispielsweise aus dem Gaza-Streifen werfen lassen. Aber in den letzten zwei Jahren gab es so etwas nicht mehr. Es ist jedoch sehr schwer, an diese Leute ranzukommen, vor allem an die höheren Funktionäre. Was die Arbeit am schwierigsten macht, sind jedoch die Begleiterscheinungen der Besatzung. Es ist sehr schwer, von A nach B zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Am Ende Ihres Buches schreiben Sie von dem goldenen Geschenk, das die Palästinenser den Israelis in Oslo angeboten haben, und fragen: "Haben wir diese goldene Chance verpasst?" Was meinen Sie selbst?

Hass: Manchmal fürchte ich ja. Immer weniger Palästinenser wollen etwas von einem Frieden mit Israel wissen. Andererseits habe ich die Erfahrung gemacht, dass Palästinenser leicht vergessen können, wenn sie das Gefühl haben, dass es noch Gerechtigkeit und Hoffnung für sie gibt. Aber falls wir die Chance nicht schon verpasst haben sollten: Viel Zeit haben wir jedenfalls nicht mehr.

Die Fragen stellte Dominik Baur



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