Israels Chef-Stratege Ehud Barak Der Uhrmacher des Krieges

Terroristenkiller, Ex-General, Premier, gescheiterter Friedensstifter: Das Leben von Israels Verteidigungsminister ist ebenso wechselvoll wie die Geschichte seines Landes. Den Angriff auf Gaza bereitete Barak minutiös vor - vom Erfolg der Operation hängt auch seine eigene politische Zukunft ab.

Von , Tel Aviv


Tel Aviv - Ehud Barak, der alte Krieger, der stets aufs Ganze geht, meldet sich zurück. Minutiös hat er monatelang den Angriff auf die islamistische Hamas vorbereitet. Dabei setzte er, wie so oft zuvor, auf listige Täuschungsmanöver. Während ihm, dem Verteidigungsminister, in den vergangenen Wochen Kritiker vorwarfen, nichts gegen den unerträglichen Raketenbeschuss aus Gaza zu unternehmen, ließ er in aller Stille eine Liste der Hamas-Ziele erstellen, die er vernichten wollte. Und als der Angriff bereits beschlossene Sache war, warnte er eindringlich vor den Gefahren und rügte diejenigen, die laut über Militäraktionen gegen Gaza nachdachten. In der vergangenen Woche präsentierte er seine letzte Finte: An der Regierungssitzung vom 28. Dezember würde über künftige Schritte entschieden, ließ er mitteilen, obwohl er bereits wusste, dass die Angriffe am 27. Dezember beginnen würden.

Ehud Barak: Kämpfer, General, Minister
DPA

Ehud Barak: Kämpfer, General, Minister

In seiner 36-jährigen Militärkarriere war Barak an vielen waghalsigen Aktionen des Staates beteiligt. Oft setzte er, wie jüngst bei der Vorbereitung der Angriffe auf Gaza, auf sein Talent für den Bluff. So befreite er 1972 israelische Geiseln aus einer gekidnappten Sabena-Maschine, indem er sich in weiße Kleider hüllte und sich den Terroristen gegenüber als Mechaniker ausgab, bevor er sie überwältigte. Ein Jahr später schlich er sich in Frauenkleidern nach Beirut, um jene umzubringen, die israelische Sportler bei den Olympischen Spielen von München ermordet hatten.

Er kenne kein Gefühl der Angst, urteilt ein politischer Freund über Barak. 1976 plante er die Rettung von Passagieren einer Air-France-Maschine, die nach Entebbe in Uganda entführt worden waren.

Der passionierte Klavierspieler, der in Jerusalem Mathematik und Physik studiert und dann in Stanford ein Systemingenieur-Examen bestanden hat, gilt als brillanter Analytiker.

Selbstsicher tritt er auf - etwas zu selbstsicher, meinen viele. Er urteile blitzschnell, weil er stets überzeugt sei, dass seine Logik besser sei als die der anderen. Er sieht sich deshalb nicht als gewöhnlichen Politiker. Ein heroischer Instinkt treibe ihn an, meint zum Beispiel Dennis Ross, der in der Ära von Bill Clinton als einer der wichtigsten US-Unterhändler im nahöstlichen Friedensprozess auf viele Verhandlungsstunden mit Barak zurückblicken kann. Er sei überzeugt, dass ihn die Geschichte mit einer besonderen Mission bedacht habe, sagt einer seiner Freunde. Barak wolle, wie einst Churchill und Ben-Gurion, führen und prägen. Ihm werde gelingen, was keiner seiner Vorgänger geschafft habe, sagte Barak einmal über sich: Frieden mit Syrien, mit dem Libanon und den Palästinensern zu schließen.

Vom Investor zum Minister

Barak, den seine Armeefreunde "Napoleon" nennen, wurde 1991 zum Generalstabchef ernannt und gilt heute als der Soldat mit den meisten Orden. Für Tapferkeit im Kampf erhielt er zum Beispiel fünf Auszeichnungen. Nachdem er die Armee 1995 verlassen hatte, pendelte er zwischen Politik und Business. Kaum hatte er die Uniform abgelegt, eröffnete das ehemalige Kibbuzmitglied eine Investment-Firma in Washington. Doch bereits ein halbes Jahr später holte ihn der damalige Premier Jizchak Rabin nach Jerusalem zurück. Er wollte aus dem Ex-General einen Minister machen. Barak trat der Arbeitspartei bei – und eroberte in einem kometenhaften Aufstieg die Politik. 1997 verdrängte er Schimon Peres von der Parteispitze; 1999 wurde er Premierminister, nachdem er bei den Wahlen Netanjahu besiegt hatte, und versprach großspurig "einen neuen Morgen".

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte
Als Premier hat Barak Ende der neunziger Jahre zwar viel Energie darauf verwendet, das syrische und das palästinensische Problem zu lösen. Doch im ersten Anlauf ist er als Politiker kläglich gescheitert.

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Er zog die Truppen zwar aus dem Südlibanon ab. Das tat er jedoch, ohne mit der Gegenseite zu verhandeln. Er blies, wie ein General, einfach zum Rückzug.

Und ungeduldig, wie er ist, ging der Ehrgeiz mit ihm durch, als er in Camp David den Konflikt mit den Palästinensern ein für allemal lösen wollte. Seine Konzessionsbereitschaft war zwar höher als die aller anderen israelischen Premiers zuvor. Er war zum Beispiel bereit, den Palästinensern in der Jerusalemer Altstadt Souveränität abzutreten. Er sei aber daran gescheitert, dass er im damaligen Palästinenserführer Jassir Arafat keinen Partner gehabt habe, begründete Barak später seinen Misserfolg. Doch einen weiteren Grund für den Flop verschwieg er: Er war zu den Verhandlungen in Camp David gereist, ohne eine parlamentarische Mehrheit hinter sich zu haben.

Barak war verzweifelt, und als einzigen Ausweg aus seiner Misere sah er den schnellen Durchbruch. Seine Kompromissbereitschaft hätte er politisch in der Knesset nicht einlösen können, selbst wenn er in Arafat einen Partner gesehen hätte. Barak fehlt erstens die Geduld für den Dialog. Zweitens denkt der Hobbyuhrmacher in geschlossenen Systemen. Die Umwelt in seinem Kalkül zu berücksichtigen gehört nicht zu seinen Stärken.

Die Quittung war für den erfolgsverwöhnten Barak herb. Seine Regierung stürzte, und bei den Neuwahlen stimmte lediglich ein Drittel der Wähler für seine Arbeitspartei. Mehr als das: Nach dem Flop von Camp David überzogen Palästinenser Israel mit einer beispiellosen Terrorwelle.

Baraks politische Karriere schien unwiderruflich am Ende. "Der kommt nie wieder", behaupteten Kommentatoren in den israelischen Medien.

Schmollend zog sich der Ex-Krieger ins Privatleben zurück. Er hielt Vorträge, für die er 30.000 Dollar kassiert haben soll. Weit mehr verdiente er freilich mit seiner 2002 gegründeten Beratungsfirma, die er, nicht allzu bescheiden, nach sich selber benannte: "Ehud Barak Ltd." Indem er sein Beziehungsnetz aus Armee- und Politikprominenz einsetzte, soll Barak umgerechnet über eine Million Euro pro Jahr erwirtschaftet haben.

Auftritt in "Ein wunderbares Land"

Doch das lukrative Unternehmerleben vermochte ihn nicht lange zu befriedigen. Bereits im Sommer 2007 meldete sich Barak in der Politik zurück: Der damals 65-Jährige bereitete sein Comeback vor. Er habe aus seinen Fehlern gelernt, versicherte er, und ließ sich wieder an die Spitze der Arbeitspartei wählen. In der Regierung von Ehud Olmert wurde er Verteidigungsminister– und hofft jetzt auf den 10. Februar, den Tag der Gesamterneuerungswahlen.

Bis zum Angriff auf Gaza hatte Barak nur geringe Chancen, mit seiner Partei zur Nummer eins aufzurücken. Abgeschlagen liegt er auf dem dritten Platz hinter Oppositionsführer Benjamin Netanjahu und Außenministerin Zipi Livni. Aus Verzweiflung über sein schlechtes Abschneiden bei Meinungsumfragen nahm er in der vergangenen Woche sogar das Angebot an, in der Satiresendung "Ein wunderbares Land" aufzutreten, einer bitterbösen Show nach britischem Vorbild. Er träume von einer Zeit, in der nur noch wenige Kassam-Raketen in Israel niedergehen würden, verspotteten die Satiriker den Verteidigungsminister.

Doch auf schauspielerische Einsätze kann Barak jetzt verzichten. Die Sicherheit des Landes hat im politischen Diskurs derzeit einen besonders hohen Stellenwert. Davon könnte Barak bei den nächsten Wahlen wie kein Zweiter profitieren. Wenn die Bürger ihm seine Behauptung abnehmen, er habe dazugelernt.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent der Schweizer "Weltwoche"

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