Israels Einmarschpläne Militärs setzen auf kurze und harte Schläge

Noch hat die Bodenoffensive der israelischen Armee nicht begonnen. Doch vieles spricht dafür, dass sie der Hamas ungleich härter entgegentritt als beim letzten Vorrücken im März 2008. Sie wollen den Willen der Islamisten endgültig brechen.


Tel Aviv/Gaza - Die israelischen Strategen sind nicht zufrieden: Die jetzt sechs Tage andauernden Angriffe der Luftwaffe auf Regierungsgebäude und Waffenlager der Hamas haben die islamistische Organisation keineswegs so geschwächt, um der israelischen Bevölkerung das ersehnte Maß an Sicherheit garantieren zu können.

Im Gegenteil: Der Raketenbeschuss durch die Hamas-Kämpfer ist stärker geworden. In den Städten Beerscheba, Aschkelon und Aschdod schlugen auch am Donnerstag wieder mehrere Raketen ein, wie israelische Medien berichteten. In Aschdod wurde ein achtstöckiges Wohnhaus direkt getroffen. Die Explosion der Rakete löste einen Brand aus. Zwölf Menschen hätten einen Schock erlitten, meldete der israelische Rundfunk. Das Gebäude, in dem sich noch Menschen aufhielten, drohe einzustürzen. Nach Angaben einer Armeesprecherin wurden insgesamt mehr als zehn Raketen auf Israel abgefeuert. Es gab keine Berichte über Verletzte.

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Jetzt herrscht gespannte Erwartung, wann die israelische Bodenoffensive, mit der alle Beobachter fest rechnen, beginnt. Entlang der militärischen Sperrzone um den Gaza-Streifen haben Soldaten in Panzern Stellung bezogen und warten nur auf den Befehl zum Angriff. Wenige hundert Meter entfernt bereiten sich Kämpfer der Hamas in Schützengräben auf die israelische Offensive vor. Sie wollen die Angreifer mit einem breit angelegten Netz aus Sprengfallen und Minen empfangen.

Davon wollen sich die israelischen Streitkräfte aber nicht beirren lassen. Sie wollen die Stellungen der Gegner regelrecht überrennen. Von "massiven und kurzen Schlägen" sprechen Offizielle gerne.

Dass Verteidigungsminister Ehud Barak dem Zufall diesmal großen Raum lässt, ist jedoch kaum anzunehmen. Zu akribisch hat er den jetzt tobenden Krieg gegen die Hamas vorbereitet. In den vergangenen Wochen und Monaten ließ er während des Raketenbeschusses aus Gaza in aller Stille eine Liste der Hamas-Ziele erstellen, die er vernichten wollte. Und bis zuletzt gelang es ihm, die Angriffspläne geheimzuhalten.

Schenkt man den Hamas-Erklärungen Glauben, dann fürchten die Militanten keine Bodenoffensive. 16.500 gut ausgebildete Soldaten hat die Hamas unter Waffen. 3000 bis 4000 weitere Kämpfer stellen die anderen militanten Palästinenserorganisationen. Es ist ein offenes Geheimnis in Gaza, dass Hamas-Offiziere in Iran, im Libanon und in Syrien ausgebildet worden sind. Straßenkampf, Häuserkampf - alles kein Problem. Im Labyrinth der dicht bevölkerten Flüchtlingslager mit ihren engen Gassen rechnen sich die Militanten eine Chance aus, viele israelische Soldaten zu töten oder zu entführen und auf diese Weise eine Waffenruhe zu erzwingen.

Leidtragende sind die Zivilisten, die schon jetzt unter dem Beschuss der israelischen Kampfbomber zu leiden haben. Das tägliche Leben, das in einem Jahr fast vollständiger israelischer Blockade bereits vom mühsamen Kampf um einfache Dinge bestimmt war, ist noch härter geworden. Etwa 700.000 Einwohner der Stadt Gaza sind seit drei Tagen völlig von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten. Fast alle Geschäfte sind geschlossen, nur einige Supermärkte haben noch offen. Aber auch hier sind die Regale oft wie leergefegt. Viele Menschen verlassen das Haus nur in Notfällen.

Die endgültige Vernichtung der Hamas steht nach bisherigen öffentlichen Äußerungen israelischer Regierungsmitglieder nicht auf dem Programm. Die Militärs sind da schon ambitionierter: "Wir wollen dafür sorgen, dass die Hamas entweder ihren Kampfeswillen verliert, oder ihre Waffen", erklärte ein Offizier der "New York Times".

Aber ohne einen klaren Sieg über die Hamas geht auch diese Militäroffensive wahrscheinlich wieder so aus wie die letzte im März 2008. Als sich die israelische Armee nach fünftägigen schweren Kämpfen mit 106 Toten aus dem Gaza-Streifen zurückzog, feierte die Hamas dies wie einen Sieg - samt Parade. Die verzerrte Sichtweise dürfte bei ihren Anhängern auch diesmal Zustimmung finden, wenn es so weit kommt: Solange die Organisation nach den Kämpfen noch auf eigenen Füßen steht, solange die eigenen Führer unabhängig von den eigenen Verlusten erklären können, dass ihre Standhaftigkeit die "zionistischen Feinde" zum Rückzug gezwungen habe, solange hat Israel verloren und Hamas gewonnen.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

mik/dpa

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