Aus Sderot berichtet Raniah Salloum
Wenn man sich von Tel Aviv oder Jerusalem aus der Grenze zum Gaza-Streifen nähert, ist es, als würde das Leben langsam einfrieren. In Aschkelon, 15 Kilometer von Gaza entfernt, sieht man immerhin noch eine Handvoll Menschen und Autos auf den Straßen. Zwar sind Spielplätze und der Strand leer. Die meisten Läden, Cafes und die Schule haben geschlossen. Aber es gibt noch einen Rest Leben.
Fährt man weiter nach Süden, ist man plötzlich ganz allein auf der dreispurigen Schnellstraße. Man sieht niemanden mehr, minutenlang.
Durchs offene Fenster sind schon wieder Sirenen zu hören. Sie gellen, wenn sich eine Rakete aus Gaza nähert. Man sieht die Rakete nicht, man hört nur das warnende Heulen, ungefähr ein Dutzend Mal am Tag in den Gaza-nahen Städten wie Aschkelon.
Die Sirene sagt einem, dass die Rakete in 15 bis 30 Sekunden in dem Ort einschlägt, an dem man sich gerade aufhält, irgendwo da.
Die Israelis, die nahe des Gaza-Streifens wohnen, beherrschen den Drill perfekt. Alarm heißt: schnell in den nächstgelegenen Schutzraum. Und da man eigentlich nur in den eigenen vier Wänden innerhalb von 15 bis 30 Sekunden weiß, wo der nächstgelegene Schutzraum zu finden ist, bleiben in diesen Tagen fast alle zu Hause. Viele haben direkt am Freitag ihre Koffer gepackt und sind zu Verwandten weiter nördlich gefahren, als sich abzeichnete, dass der Krieg nicht schon morgen wieder vorbei sein würde.
Sicherlich ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass man in Israel getroffen wird. In einer schwer beschossenen Stadt müssen die Menschen rund ein Dutzend mal pro Tag in den Schutzraum laufen. Von den Angriffen wird ein gutes Drittel durch die israelische Raketenabwehr noch in der Luft neutralisiert. Die selbstgebastelten Raketen der Hamas scheinen über keine große Sprengkraft zu verfügen. Sie richten Schaden an Häusern an, zerstören aber nur selten ein ganzes Gebäude. Doch man braucht niemandem mit Wahrscheinlichkeitsrechnung zu kommen, der in Reichweite von feindlichen Raketen lebt.
Am Straßenrand ist nun ein Militärbus zu sehen. Er hat wegen der Sirene angehalten. Rund 20 Reservisten, junge Leute in Uniformen, liegen ausgestreckt neben dem Bus im Straßengraben. Ein paar Minuten weiter: Sderot, zwei Kilometer von Gaza, eine Geisterstadt.
Sharon steht mit zwei Freunden auf einem Hügel vor Sderot. Von hier aus kann man Gaza sehen. Der junge Israeli mit Dreitagebart will nicht fotografiert werden. Er will nicht kaltschnäuzig wirken, wie er da auf dem Hügel steht, ein altes Sofa vor ihm, das Fernglas in der Hand, Zuschauer der Bomben auf Gaza. Angst habe er schon, aber auch ein bisschen Lust auf "action". Er sagt: "Es gibt doch sonst nichts zu tun. Alles ist zu. Wir sind im Krieg."
Militärisch betrachtet, sind die Raketen aus dem Gaza-Streifen Nadelstiche. Nadelstiche, die allerdings kein Staat dulden würde. Drei Israelis kamen in diesem Jahr bisher durch den Raketenbeschuss ums Leben. Alle drei starben während der jüngsten Gaza-Offensive am Donnerstag in der Stadt Kiryat Malakhi, als eine Rakete genau ihre Wohnung traf.
Es ist diese Zufälligkeit, die den Terror ausmacht. Es könnte jeden treffen. Wenn Angst im Spiel ist, hebt sie die Regeln der Statistik und Logik auf.
"Wir wollen ja auch keinen Krieg, aber es gibt keine andere Möglichkeit", sagt Sharon. "Wir sind nicht die Bösen. Wir wollen ja auch nicht, dass palästinensische Kinder sterben. Aber wenn es um deine Kinder geht oder die von jemand anderem, ist die Wahl klar."
Mehr als neunzig Palästinenser kamen in den vergangenen sechs Tagen durch die schweren Bomben und Raketenangriffe auf den Gaza-Streifen ums Leben. Im Gaza-Krieg 2008 waren es knapp tausend getötete palästinensische Zivilisten. Menschenleben lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Jeder Tote ist einer zu viel, egal auf welcher Seite. Doch Sharon rechnet.
"Kein Israeli will, dass palästinensische Kinder sterben, aber nach dem letzten Gaza-Krieg hatten wir ein paar Monate Ruhe", sagt er. "Wenn zwei, drei Monate keine Raketen fliegen, dann ist es das wert."
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