Israels Gaza-Strategie Operation volles Risiko

"Krieg bis zum bitteren Ende" hat Israel geschworen - dabei ist der Kampf einer regulären Armee gegen eine Organisation wie die Hamas militärisch nicht zu gewinnen. Das hat der desaströse Feldzug gegen die Hisbollah vor zwei Jahren bewiesen.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Es gibt ein unsterbliches Wort des britischen Nahost-Offiziers T. E. Lawrence: Eine Revolte zu bekämpfen, befand der Mann, der im Ersten Weltkrieg den Aufstand der arabischen Stämme gegen die Osmanen mitorganisierte, sei "wie Suppe mit dem Messer essen".

Nun trifft der Ausdruck Revolte auf das, was die Hamas macht, nicht zu. Was ist die Hamas? Sie ist politische Partei, Wohlfahrtsorganisation und Terrortruppe in einem. Einer von Israels Erzfeinden, der jede Gelegenheit nutzt, Raketen auf Zivilisten zu feuern. Die Organisation ist ein echtes Dual-Use-Produkt - sie hat eine zivile und eine militärische Komponente.

Allerdings tut man "Lawrence von Arabien" keine Gewalt an, wenn man sein Bonmot auch auf militante und terroristische Gruppen anwendet, die den Militärapparaten der Gegenwart Schwierigkeiten bereiten: auf Taliban, al-Qaida, Hisbollah - und eben Hamas. Im Grunde beschrieb der Brite das Problem, das sich ergibt, wenn eine reguläre Armee auf eine nichtreguläre kämpfende Truppe trifft. Im modernen Militärjargon nennt man das einen asymmetrischen Konflikt.

Dieselbe Krawallrhetorik wie vor dem Hisbollah-Krieg

Armeen und Regierungen fürchten solche Konflikte. Aus gutem Grund, denn aus ihnen gehen keine Sieger und Besiegte hervor. Niemand kapituliert am Ende, schwenkt eine weiße Fahne oder unterzeichnet einen Vertrag. Hier gelten andere Regeln, und eine lautet: Wenn der militärisch schwächere, irreguläre Kontrahent überlebt, dann ist es sein Triumph.

Es ist gerade zwei Jahre her, dass Israel diese Erfahrung im Libanon machte. Ausgezogen, die Hisbollah "ein für alle Mal" unschädlich zu machen, nachdem diese zwei israelische Soldaten entführt hatte, lieferte sich eine der besten Armeen der Welt einen mehrwöchigen Krieg mit einer Truppe, die aus ein paar tausend Mann bestand. In Israel gilt der Krieg heute als Desaster. Die Hisbollah feiert sich als Siegerin, hat Zulauf bekommen, ihr Image aufpoliert und ihr Arsenal aufgestockt.

Trotzdem sind aus Tel Aviv jetzt wieder Beschwörungen wie 2006 zu hören: Vom "Krieg bis zum bitteren Ende" und vom "Krieg ohne Gnade" ist die Rede, diesmal gegen die Hamas.

Israel geht ein hohes Risiko ein

Das Ziel ist so nachvollziehbar wie der Raketenbeschuss nicht länger hinnehmbar war. Aber ist die gegenwärtige massive Militäroffensive die beste Methode, es zu erreichen?

Israel geht ein hohes Risiko ein. Denn zum einen kann man Dual-Use-Organisationen wie die Hamas schlicht nicht mit Stumpf und Stiel vernichten - jedenfalls nicht militärisch. Konfliktforscher sind sich darüber weitgehend einig.

Und zugleich werden die Beziehungen zu den wenigen Freunden, oder besser: Nicht-Feinden Israels im Nahen Osten, etwa Jordanien und Ägypten, aber auch zu verhandlungsbereiten Palästinensern, aufs Äußerste strapaziert. Im schlimmsten Fall darüber hinaus.

Seit vier Tagen bombardiert Israel den Gaza-Streifen, und die Problematik des asymmetrischen Konflikts ist bereits voll sichtbar: Die Armee zielt auf Moscheen, weil sie sicher ist, dass diese (auch) Waffenlager sind. Sie zerstört Wohnhäuser hochrangiger Hamas-Funktionäre und nimmt den Tod von Zivilisten in Kauf. Sie macht eine Universität dem Erdboden gleich, weil diese ideologisch der Hamas nahe steht. Jede einzelne dieser Entscheidungen ist ein Dilemma - und produziert Bilder, die Israel nicht helfen.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte

Hilft die Offensive dann wenigstens, die Hamas zu vernichten?

Nein. Auch an Tag vier dieses Krieges schießt sie aus allen Rohren auf Aschkelon. Im besten Fall ist eine kurzfristige Schwächung durch den Tod von Kommandeuren und den Verlust von Ressourcen zu erwarten. Aber langfristig wird die Kampagne, genau wie im Falle der Hisbollah, der Hamas Unterstützung zuführen. Deren Nimbus als Widerstandskämpfer wird nur gestärkt.

Israel ist nicht wie die Hamas

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Das Hilfsargument, man müsse den Palästinensern eben vor Augen führen, wohin ihre Sympathien für solche Gruppen führen, ist unterdessen schlicht zynisch. Als könne man den Willen zum Frieden herbeibomben.

Wie immer, wenn die Lage im Nahen Osten eskaliert, ist es Israels Dilemma, dass alle Welt an Israel andere Maßstäbe anlegt als an die Hamas. Zugleich geschieht dies zurecht. Israel ist zwar eine Besatzungsmacht, aber auch eine Demokratie und ein Rechtsstaat. Was man von den Hamas-Militanten nicht erwarten darf, kann man von Israel sehr wohl erhoffen: Mehr Rücksicht auf Zivilisten etwa, oder auch Lernfähigkeit.

Wenn die derzeitige Offensive noch lange weiter geht oder gar durch eine Invasion am Boden ergänzt wird, ist es indes nicht unwahrscheinlich, dass in ein paar Monaten eine weitere israelische Untersuchungskommission zu dem Schluss kommt, dass die militärische und politische Führung sich auf ein böses Abenteuer eingelassen hat.

Nur wenige Ziele, die Israel bisher angriff, waren so einleuchtend wie die Schmuggler-Tunnel nach Ägypten, die auch die Hamas nutzt. Eine Beschränkung auf solcherlei Ziele würde der Offensive wenigstens ein höheres Maß an Nachvollziehbarkeit bescheren.

Vor allem aber verstört, wie wenig offenbar aus dem Libanon-Krieg gelernt wurde.

Richtig: Anders als 2006 wurden mehr Entscheidungsträger eingebunden. Aber der Hauptkritikpunkt damals war, dass Israels Ziele nicht präzise genug definiert waren.

"Krieg bis zum bitteren Ende" klingt nicht gerade präziser.



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