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Israels Kriegsplanung: "Wir kämpfen bis zum Ende"

Von der libanesischen Grenze berichtet

Im Norden marschieren Truppen auf, Tag und Nacht nimmt die israelische Armee aus der Luft und mit Artillerie den Libanon unter Feuer. Mittlerweile ist eine Bodenoffensive nur noch eine Frage der Zeit. Spätestens dann kommt der Krieg in eine neue, blutigere Phase.

"Abschuss", ruft der junge Mann aus seinem gepanzerten Geschützstand. Dann ein ohrenbetäubender, dumpfer Knall. Die Erde bebt kurz. Überall um die tonnenschwere totach, einer der Dutzenden israelischen Artilleriekanonen, steigt der staubige Boden auf. Es riecht verbrannt. Zwei andere Soldaten rennen los, schleppen einen Sack mit TNT und eine neue 155-Millimeter-Rakete herbei. Keine Minute später katapultiert die Kanone das nächste schwere Geschoss über die Bergkette nördlich der Stellung.

Israelischer Panzer: Wichtiger Aspekt in der Strategie
AFP

Israelischer Panzer: Wichtiger Aspekt in der Strategie

500 Meter weiter nördlich, gleich hinter dem Berg, liegt der Libanon. Seit einer Woche feuern die Männer hier aus fünf Rohren Tag und Nacht um die 200 Geschosse auf vermeintliche Hisbollah-Stellungen. Sehen kann man nicht, wo die tödlichen Sprengkörper einschlagen. Dafür steht hinter den schweren Kanonen ein Kommandowagen. Dort laufen ständig Informationen aus der Luftüberwachung und der Geheimdienste ein. "An Zielen mangelt es uns nicht", sagt einer der Soldaten.

Die Stellung, zu der die Pressestelle der Armee eingeladen hat, ist nur eine von etwa einem Dutzend solcher fire bases, von denen seit vergangener Woche mehrere tausend Geschosse abgefeuert wurden. Überall im Norden hört man Tag und Nacht die dumpf knallenden Abschüsse, die viele fälschlicherweise für Einschläge von Katjuscha-Raketen halten.

Die schwere Artillerie ist ein wichtiger Aspekt der israelischen Strategie bei ihrem Kampf gegen die Hisbollah. Aus der Luft wird Tag und Nacht gebombt, bis zum Freitag warfen die Kampfjäger nach Armeeangaben über 3000 Bomben auf rund 1500 Ziele ab. Vom Wasser schießen die Kriegsschiffe vor der Küste Libanons ferngesteuerte Raketen ab. So viele, dass Israel letzte Woche noch einmal eine Lieferung in den USA bestellt hat, wie US-Zeitungen berichten. Ein Ende der massiven Bombardements ist also nicht abzusehen.

Die Armee ist gerade erst am Anfang

Alle Zeichen stehen in Israel auf Krieg. Die Armee ist gerade erst am Anfang ihrer Strategie, lautete die Nachricht bei einem Briefing mit dem Brigadegeneral Ido Nehushtan. "Die Hisbollah ist geschwächt, doch sie kann immer noch Raketen abfeuern", so der Militärplaner. Deshalb suche man weiter nach Abschussbasen und dem Standort der Führung der Gruppe. "Unser Ziel ist es, die Hisbollah so zu verkrüppeln, dass sie keine Gefahr mehr für Israel darstellt."

Generäle wie Nehushtan machen keinen Hehl daraus, dass die israelische Strategie auch Tote in der Zivilbevölkerung fordern wird. Nach internen Angaben waren 100 der etwa etwa 300 im Libanon getöteten Menschen Hisbollah-Kämpfer - die Zahl stammt von israelischen Militärs. "Die Stellungen sind in Dörfern, in Moscheen oder Schulen versteckt", so Nehuschtan, "deshalb sind Zivilisten sehr gefährdet". Gerade deshalb solle die Bevölkerung kooperieren oder fliehen. "Wer auf einer Bombe schläft, ist ein Ziel für uns", sagt er.

Luft-Operationen sind in diesem Kampf nur die Vorbereitung. Seit Tagen schon zieht die Armee an der Grenze massiv Bodentruppen und Panzer zusammen, jeden Tag gibt es bereits Kommandoaktionen auf libanesischem Gebiet. "Ich kenne keine Armee dieser Welt, die eine Terror-Gruppe einzig aus 10.000 Meter Höhe schlagen kann", erklärt der Militär-Experte Ephraim Sneh. Er kennt sich gut aus, in den frühen 80er Jahren kommandierte er für die Israelis die Sicherheitszone im Süden Libanons.

Strategisch steckt die Armee in einem Dilemma. Hinter vorgehaltener Hand geben führende Militärs zu, dass der Luftwaffe die Ziele ausgehen - auch, weil der Geheimdienst wenig über Stellungen und Waffenlager liefern kann. Öffentlich beschreibt General Nehushtan das Problem als asymmetrische Kriegsführung. "Wir haben einen Gegner ohne große Basen, Schiffe oder Panzer", sagt er, "er ist gut verteilt und versteckt." Seine Verstecke könnten nur Bodentruppen finden und zerstören.

Besonders deutlich wird das Problem bei der Jagd auf den Hisbolla-Chef Hasan Nasrallah. Seit dem Beginn der aktuellen Krise hat Israel mehrmals erklärt, dass man den Anführer ausschalten wolle. Am Donnerstag dann meldete das Militär nachmittags, man habe einen Bunker Nasrallahs bombardiert und ihn dabei möglicherweise getötet. Wenige Stunden später erschien der Totgeglaubte auf dem arabischen TV-Sender al-Jazeera und verhöhnte den Gegner. Es gehe ihm gut, die Hisbollah freue sich auf den weiteren Kampf mit der israelischen Armee.

Szenen wie diese muten fast schon wie die endlose Jagd auf den Terror-Chef Osama Bin Laden an. Ohne die Festnahme oder Tötung des Kopfs der Hisbollah wird Israel kaum in der Lage sein, einen Sieg zu erklären. Gleichsam ist abzusehen, dass Nasrallah ähnlich wie Bin Laden vom Katz-und-Maus-Spiel mit dem offensichtlich militärisch überlegenen Gegner nur profitieren kann.

"Wir kämpfen diesen Krieg bis zum Ende"

Auch wenn es bisher noch niemand öffentlich sagt, ist der Einmarsch der Truppen nur noch eine Frage der Zeit. Noch drücken sich die Politiker etwas um die Frage herum. "Die Art des Angriffs wird nach den operativen Notwendigkeiten entschieden", wich Verteidigungsminister Peretz am Freitag bei einem seiner sehr raren öffentlichen Termine einer entsprechenden Frage aus. Am Ziel aber ließ auch er keinen Zweifel. "Wir kämpfen diesen Krieg, der uns aufgezwungen wurden, bis zum Ende."

Auch wenn laut Umfragen rund 95 Prozent der Bevölkerung hinter dem offensiven Vorgehen der Regierung steht, lässt sich Premier Ehud Olmert auf ein riskantes Manöver ein. Erst sechs Jahre ist es her, dass sich Israel aus dem Libanon zurückzog - nicht zuletzt, weil der Armee die Kontrolle entglitten war und viele Soldaten starben. Die ersten Toten bei den Kommandoaktionen der ersten Tage könnten nur ein Vorgeschmack auf eine neue, blutige Phase des Kriegs sein.

Ein blutiger Bodenkampf könnte exakt das Kalkül der Hisbollah sein. Erst am vergangenen Freitag sprach ein jordanischer Journalist, früherer Mitarbeiter des Hisbollah-Senders al-Manar, am Telefon mit einem Vertrauten des Hisbollah-Chefs Hasan Nasrallah. "Wir sind sehr entspannt", habe man ihm mitgeteilt, "es hat noch gar nicht richtig angefangen."

Die radikalislamische Schiitenmiliz blicke einer Invasion Israels mit Zuversicht entgegen und habe auch schon eine blutrünstige Parole: "40 tote israelische Soldaten jeden Tag" - nicht durch Raketenbeschuss, sondern durch Guerillakampf im Libanon.

Yassin Musharbash berichtete für diesen Artikel aus Amman in Jordanien.

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