Israels Metropole Tel Aviv In der Oase der Verdrängung

In Gaza ist Krieg, es wird geschossen und gestorben - doch eine halbe Autostunde weiter, in Tel Aviv, merkt man davon nichts. Spöttisch sagen die Einwohner über die Rolle ihrer Stadt im Staat: Jerusalem betet, Haifa arbeitet - und Tel Aviv feiert. Vor allem sich selbst.

Von Henryk M. Broder, Tel Aviv


Tel Aviv - Es ist, als wäre der Krieg nur ein PR-Gag, den sich die Stadtverwaltung von Tel Aviv ausgedacht hat, um Touristen anzulocken, die sich einen Abenteuerurlaub in einem Qaida-Camp nicht leisten können. Der Himmel über Tel Aviv ist noch blauer als blau, auf der Promenade von Jaffo fotografieren sich Japanerinnen gegenseitig, um anschließend bei Abulafiah ein Sesambagel mit Safed-Käse zu kaufen.

Der türkische Ministerpräsident Erdogan hat soeben verkündet, Allah werde Israel für seine Schandtaten bestrafen, dennoch steht das türkische Kulturzentrum am Kikar Ha'Schaon (Platz des Uhrturms) im Zentrum von Jaffo unmittelbar vor seiner Eröffnung. Die türkische Botschaft in Tel Aviv hat das alte Serail, in dem der türkische Bezirksgouverneur einst residierte, originalgetreu restaurieren lassen. Auch ein junger türkischer Offizier namens Kemal Atatürk war hier ein knappes Jahr der Hausherr.

Wie Jaffo vor über hundert Jahren ausgesehen hat, kann man sich leichter vorstellen als das, was eine halbe Autostunde weiter südlich passiert.

In Gaza ist Krieg, es wird geschossen und gestorben, aber in Tel Aviv merkt man davon nichts. Abgesehen von ein paar Angriffen der italienischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg und den irakischen Scud-Raketen, die während des zweiten Golfkrieges in der Stadt einschlugen, war Tel Aviv immer eine kriegsfreie Zone. Jerusalem mag die offizielle Hauptstadt des Landes sein, aber Tel Aviv ist die Metropole. In Jerusalem wird gebetet, in Tel Aviv wird gelebt.

Alles, was über 30 ist, gilt als antik

In diesem Jahr wird Tel Aviv 100 Jahre alt. Darüber können die Einwohner von Köln, Krakau und Kiew nur gelassen lächeln, aber in einer Stadt, die aus dem Nichts in den Dünen entstanden ist, zählt jedes Jahr doppelt und dreifach. Alles, das über 30 ist, gilt als antik.

Rehov Herzl und Rehov Nachlat Benjamin gehören zu den ältesten Straßen Tel Avivs, und je weiter man Richtung Süden geht, umso älter werden sie.

Das Palmhaus im Art-déco-Stil, Anfang der zwanziger Jahre von einem Architekten namens Joshua Tabatchnik gebaut, bröselte jahrzehntelang vor sich hin, nur von ein paar Stützbalken zusammengehalten. Jetzt hat man es wieder aufgebaut. Ein 40-Quadratmeter-Apartment kostet 1,3 Millionen Schekel, das sind derzeit 260.000 Euro. Die meisten Geschäfte rund um das Palmhaus sind nicht antik, sie sind uralt.

Die Tuchläden beispielsweise, in denen Meterware verkauft wird, aus der in anderen Geschäften Gardinen, Kleider und Polsterbezüge gemacht werden. Die Stoffballen werden mit Fahrradkarren befördert. In einer vergitterten Wellblechhüte repariert ein Bijoutier stehen gebliebene Uhren, er macht es seit über 50 Jahren. Wie er von seiner Arbeit leben kann, ist ein Geheimnis, das er mit sich ins Grab nehmen wird.

Ein Gang über die Nachlat Benjamin ist wie eine Fahrt mit einem Auto, das gleichzeitig vorwärts und rückwärts fährt, ein LSD-freier Trip für Architektur-Freaks und Design-Avantgardisten. Man weiß nie, was einen an der nächsten Ecke erwartet. Da sind die Bauhaus-Häuser, von denen es in Tel Aviv über 4000 gibt, die nach und nach restauriert werden; und da sind Geschäfte, die Theodor Herzls Satz "Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen" bestätigen.

Schmeckt nach Polen, riecht nach Ukraine

An der Ecke Nachlat Benjamin und Rothschild hat eine Spezialitätenhandlung für Olivenöl, Pesto und Essig aufgemacht. Der Laden gehört dem Kibbutz Revivim im Negev, der seine eigenen Produkte vermarktet. Die Idee ist nicht neu; neu ist nur, dass es eine Klientel gibt, die bereit ist, für eine Flasche Öl oder Essig das Fünf- bis Zehnfache des Preises zu bezahlen, die eine normale Flasche Öl oder Essig in einem normalen Supermarkt kostet. Einen Block weiter, im Benedict, kann der moderne Tel Aviver nicht nur rund um die Uhr essen, sondern 24 Stunden am Tag frühstücken. Noch vor zehn Jahren wäre so etwas als dekadent empfunden worden.

Das Florentin am südlichen Ende der Nachlat Benjamin ist wahrscheinlich das letzte Viertel von Tel Aviv, das noch nicht vom Fortschritt überrollt wurde. Aber die Vorboten der Gentrifizierung sind schon da: Boutiquen und Galerien, in denen Artikel angeboten werden, die keiner braucht, aber einige haben wollen. Und niemand stört sich daran, dass auf den Balkonen über den Lifestyle-Geschäften Wäsche zum Trocknen im Freien aufgehängt wird.

Mitten im Florentin serviert Avi Berman im Elimelech Speisen, die mit den osteuropäischen Juden nach Palästina gekommen sind: Gehackte Leber, gefilte Fisch, Sülze aus Rinderknochen. Früher waren es Arme-Leute-Gerichte, die man an jeder zweiten Ecke bekommen konnte, heute sind es selten gewordene Spezialitäten. Man muss lange suchen, bis man in Tel Aviv ein Lokal findet, in dem es noch immer nach Polen schmeckt und nach Ukraine riecht. Und das Elimelech ist das älteste seiner Art, 1936 von Avi Bermans Eltern etabliert. Elimelech ist vom Tel Aviver Rabbinat als koscher zertifiziert, obwohl es auch am Samstag auf hat, also im strengen Sinne nicht koscher sein kann, zumindest nicht nach den Maßstäben des Rabbinats von Jerusalem.

Aber Tel Aviv ist anders. Die beliebteste koschere Bäckerei der Stadt, das Piece of Cake, findet man im arabischen Jaffo, hier stehen die Juden am Freitagnachmittag Schlange, nachdem sie nebenan, bei Abu Hassan, den besten Hummus zwischen Akko und Arish gegessen haben. Und wenn sie dann wieder nach Hause rollen, fahren sie an einer Mauer vorbei, auf der ein frisches Graffito zu sehen ist: "Krieg in Gaza 2008 = Schoah 1942".

Und das ist garantiert kein PR-Gag, den sich die Stadtverwaltung ausgedacht hat.

Nahost-Konflikt
Die Gebiete
Im Grunde dreht sich der Konflikt um das Existenzrecht Israels und die Forderung nach einem eigenen Palästinenserstaat . Es gibt inzwischen palästinensische Autonomiegebiete - den Gaza-Streifen und das Westjordanland . Die Grüne Linie trennt die Gebiete von Israel. Um die israelischen Siedlungen in den umstrittenen Gebieten gibt es immer wieder Streit.
Die Gegner
Dem Staat Israel stehen einzelne Gruppierungen und Institutionen gegenüber: im Gaza-Streifen und Westjordanland die Palästinensische Autonomiebehörde | Hamas | Kassam-Brigaden | Volkswiderstandskomitee (PRC) | PLO | Fatah | Al-Aksa-Brigaden | Islamischer Dschihad | im Libanon die Hisbollah
Geschichte



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